US-Indie-Filme im Arsenal : Kleine Geschichten mit großer Wirkung

Abseits der Metropolen: „Unknown Pleasures“ im Arsenal präsentiert US-amerikanische Independent Filme, die sich mit dem Thema Erinnern auseinandersetzen.

Sarah Kugler
Zauberhaft. Jessie Pinnick in "Princess Cyd", der im Rahmen von "Unknown Pleasures" im Arsenal läuft.
Zauberhaft. Jessie Pinnick in "Princess Cyd", der im Rahmen von "Unknown Pleasures" im Arsenal läuft.Foto: Unknown Pleasures

Erinnerungen können Trost spenden oder Freude wieder erlebbar machen. Sie können aber auch langwierige Traumata auslösen. Casey, eine der Protagonisten in dem Film „Columbus“, trägt solche Erinnerungen mit sich herum. Einschränkende, lähmende Erinnerungen an ihre vor Kurzem noch Crystal-Meth-abhängige Mutter. Nächtelang kam die nicht nach Hause, Casey (Kaley Lu Richardson) lebte in ständiger Sorge. Und tut es noch immer: telefoniert ihrer Mutter hinterher, holt sie von der Nachtschicht ab. Durch die Begegnung mit Jin (John Cho), einem jungen Übersetzer, der mit der Beziehung zu seinem Vater hadert, kann sie sich langsam von ihren Ängsten lösen. Behutsam erzählt Regisseur  Kogonada in seinem Spielfilmdebüt von der Verarbeitung traumatischer Erinnerungen.

Mit warmen Farben, intelligenten Dialogen und ruhigen Einstellungen ist sein Film ein Highlight des American Independent Filmfestivals „Unknown Pleasures“, das ab Freitag im Kino Arsenal stattfindet. Die Filme des Programms spielen abseits der Metropolen. Kleine Geschichten, wie sie heute immer seltener in den Kinos zu sehen sind – und die sich thematisch mit dem Erinnern auseinandersetzen.

Nicht immer allerdings so blockierend wie in „Columbus“. Im Eröffnungsfilm „Princess Cyd“ von Regisseur Stephen Cone wirken sie befreiend. Schriftstellerin Miranda (Rebecca Spence) bekommt Besuch von ihrer 16-jährigen Nichte Cyd (Jessie Pinnick). Der Teenager beginnt bald eine Romanze mit einer jungen Frau (Malic White) und diskutiert mit der Tante über Sex. Daraus entspinnt sich eine zauberhafte Coming-of-Age-Geschichte, in der die beiden Frauen ihre Erinnerungen an Cyds verstorbene Mutter teilen. Anders als in „Columbus“ führen diese aber nicht zur Stagnation. Tante und Nichte gelingt es, wiederentdeckte Erlebnisse als positive Motivation zu nutzen. Das macht „Prinzess Cyd“ zu einem nachdenklichen Wohlfühlfilm, der herausstellt, wie wichtig die Kraft der Familie sein kann.

Wahrheiten erschaffen

Dass diese Kraft manchmal auch zerstörerisch ausartet, zeigt Travis Wilkerson in seiner Dokumentation „Did you wonder who fired the gun?“. Er begibt sich auf die Spuren einer grauenhaften Familiengeschichte: Sein Urgroßvater erschoss 1946 ungestraft einen schwarzen Mann. In jahrelangen Recherchen versucht er Hintergründe über den Mord, das Opfer und den Urgroßvater zu sammeln. Dabei begibt er sich in die Abgründe rassistischer Bewegungen. Wilkersons Tante verurteilt seinen Film, den Großvater glorifiziert sie. Es ist schwer, „Did you wonder who fired the gun?“ auszuhalten, die langen Kamerafahrten durch die Straßen Alabamas vor einem blutroten Himmel. Dazu die Stimme des Regisseurs aus dem Off, die die gräulichen Details ungeschönt wiedergibt.

Wilkerson zeigt eindrücklich, wie individuell geprägt Erinnerungen sind – und so leicht Wahrheiten erschaffen können, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Vor allem aber beschreibt sein Film – wie auch das sehr empfehlenswerte Drama „Marjorie Prime“ über eine Familie, die mit Hologrammen Verstorbener kommuniziert –, dass Erinnerungen Generationen überdauern können, ohne an Wirkung zu verlieren.

Vom 12.–18.1. im Kino Arsenal, Programm: www.unknownpleasures.de

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