Uwe Kolbe übt die Kollusion - und bringt Vater wie Sohn zur gleichen Frau

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Uwe Kolbes Roman "Die Lüge" : Die Lachnummer Wahrheit

Der Psychologe Jürg Willi hat für diese stillschweigende Kooperation von Paaren den Begriff der Kollusion geprägt: ein unbewusstes Verhalten, von dem beide Seiten profitieren. Auf das Verhalten in autoritären Strukturen angewandt, macht diese Kollusion die strikte Trennung von Dissidenz und Konformismus fragwürdig. Sie kontaminiert aber auch alles Private. Besinnungslos stolpern Vater und Sohn von einer Affäre zur nächsten: zwei Hengste von furchterregender Potenz, die sich am Ende sogar mit denselben Frauen einlassen. Ein serieller Liebesverrat, der willige Opfer findet – und den Autor zuweilen an die Kitschgrenze seiner erotischen Imaginationskraft führt.

„Ich lebte in einem Kokon des Ungesagten“, erklärt Harry, kurz bevor ihm die Ex-Geliebte des Vaters, eine hauptamtliche Stasi-Frau, an die Hose gehen darf. „Unter uns herrschte ein grausamer Mangel an Konkretion! In unseren engen, versoffenen Zusammenhängen herrschte Mangel an Genauigkeit. Wir sagten nichts aus, nichts, verdammt noch einmal, gar nichts. Während hier vor mir eine Vertreterin der Sprache saß, die noch existierte in der Gegend, die aber auf der falschen Seite gehandelt wurde und deshalb nur falsch sein konnte, benutzt wurde von denen da, so dass sie auf meiner Seite unbenutzbar war.“

Uwe Kolbe ist ungenau - vor allem bei der Figur des Harry

Uwe Kolbe schildert diesen Verblendungszusammenhang ohne moralischen Furor, ja mit subkutaner Dezenz. In zahlreichen Episoden wird die Gemengelage aus Stallwärme, Kleingeisterei und Freiheitsdrang eindrucksvoll lebendig. Dennoch kämpft „Die Lüge“ mit einer ganzen Reihe von Problemen, von denen der konsequente Einsatz des Konjunktivs II in der indirekten Rede (statt des Konjunktivs I) die kleinste Kleinigkeit ist.

Das Offensichtlichste ist die Figur des Komponisten. Denn Harrys musikalisches Denken ergeht sich in wüsten Ausdrucksmetaphern, die mit dem Handwerk des Komponierens wenig zu tun haben. Kolbe, als einer der besten Lyriker seiner Generation mit dem Materiellen künstlerischer Prozesse von Grund auf vertraut, dilettiert ohne Not als Erfinder Neuer Musik – und vergreift sich auch historisch, wenn er beispielsweise Charles Ives, John Cage und Steve Reich schlicht der seriellen Musik zuschlägt

Kolbe setzt dabei aber nicht nur die Glaubwürdigkeit seines Alter Ego aufs Spiel, er nimmt ihm über weite Strecken auch eine entscheidende Konfliktzone: die Sprache. In seinem Land werden zwar Berichte geschrieben, aber das Fabrikmäßige, mit dem es seine Bürger dazu verführte, sich gegenseitig zu bespitzeln und damit eine eigene Art von Literatur hervorbrachte, wird nicht erkennbar. Das Lügenhafte und das Wahrhaftige, dessen Tonlagen er sonst in klaren semantischen Zusammenhängen nachgeht, verschwimmt hier in Harrys Klangwolken.

In "Lüge" bleibt die Moralfrage offen, wie gegen den Nächsten gespitzelt wird

Ein Grund dafür mag sein, dass der von ihm bewunderte Wolfgang Hilbig, der Kolbe auch ein Motto liefert, einen vergleichbaren Roman in Gestalt von „Ich“ schon vor 20 Jahren veröffentlicht hat. Andererseits traut sich Kolbe an noch sehr viel berühmtere Werke heran. „Die Lüge“ ist die epische Überschreibung des althochdeutschen Hildebrandslieds, womit Kolbe den musikalischen Stoff wieder in sein dichterisches Reich zurückholt. Auch damit kommt allerdings ein Stück Enthistorisierung ins Spiel, das bei allem Kalkül nicht ohne Gefahren ist.

Die Unentschiedenheit zwischen Abstraktion und Konkretion durchzieht das ganze Buch. So gibt es keine erkennbare Regel, wann historische Persönlichkeiten ihren Namen tragen und wann ein Pseudonym. Wolf Biermann wird zu Riebmann, Robert Havemann aber bleibt Havemann. Peter Weiss wird zu Paul Schwarz, Erich Arendt und Adolf Endler behalten ihre Namen. Und dann die Ungenannten, die man durch ein Gedichtzitat identifizieren muss (Reiner Kunze) oder einen Buchtitel (Christa Wolf). Ein ähnliches Vorgehen in der Musik.

Kerstin Hensel hat zu Recht einmal erklärt, als literarisches Thema interessiere sie nur Verrat, nicht die Staatssicherheit selbst. Doch wenn Romanfiguren auch nur in ihrer individuellen Not lebendig werden, entfalten sie ihre Anlagen doch unter spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen. Und so sehr ein Staatswesen die Moral eines ganzen Volkes korrumpieren kann, so sehr macht es einen Unterschied, ob man den Nächsten in der Liebe betrügt oder ihn einem undurchsichtigen Apparat ausliefert. Insofern erzählt diese romanhafte „Lüge“ nur die halbe Wahrheit.

Uwe Kolbe: Die Lüge. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2014. 384 Seiten, 21,99 €. – Die Buchpremiere findet am Dienstag, den 25. Februar, um 20 Uhr im Literarischen Colloqiuum Berlin statt.

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