Verdrehte Sechziger : Let's Twist Again - ein Tanzstil erobert die Welt

Chubby Checker hat ihn weltberühmt gemacht, in der DDR hieß er „Knickebein-Shake“ – und West-Ärzte warnten Tänzer vor Hüftschäden: 1961 war der heiße Sommer des Twists.

That's the Twist: Zwei junge Damen zeigen einem anglikanischen Dekan bei der Einweihung eines Jugendclubs wie es geht.Alle Bilder anzeigen
Foto: Keystone/Ullstein/Mrozek
27.07.2011 10:45That's the Twist: Zwei junge Damen zeigen einem anglikanischen Dekan bei der Einweihung eines Jugendclubs wie es geht.

Den wenigsten Zuschauern dürfte die historische Dimension des Augenblicks bewusst gewesen sein, als der Fernsehsender ABC Anfang der 60er Jahre diese Bilder ausstrahlte: Ein leicht korpulenter Mann in korrektem Anzug, weißem Hemd und Krawatte führte Bewegungen auf, die gelinde gesagt ungewöhnlich wirkten. Butterweich ging er in die Knie, drehte seinen massigen Körper auf den Ballen von links nach rechts und ließ die Arme an den Ellbogen pendeln wie gestutzte Windmühlenflügel. Dazu forderte er mit rollenden Augen die Zuschauer auf, es ihm gleichzutun: „Come on Baby“, rief er. „Let’s do the Twist!“
Der Moment, als der Sänger Chubby Checker in der Fernsehshow „American Bandstand“ seinen neuen Tanz präsentierte, markiert aus heutiger Sicht eine Zäsur von musik-, tanz- und körpergeschichtlicher Bedeutung. Auch für das Verhältnis der Geschlechter und den Kulturkampf im Kalten Krieg hatte der Twist weitreichende Folgen.
Seine turbulente Geschichte, die ihren Zenit vor genau 50 Jahren im Sommer 1961 erreichte, ist von Mythen und Legenden verstellt. Die Ur- und Frühgeschichte des oftmals als bloße Modeerscheinung verkannten Tanzes reicht bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. In ihrem Buch „Jazz Dance“ beschreiben die Tanzforscher Marshall und Jean Stearns einen Tanz namens Twist, der während der Sklaverei aus dem Kongo nach Nordamerika kam. Schon 1844 hatten schwarze Tänzer dem staunenden Publikum in Schottland und England den „Grape Vine Twist“ vorgeführt. Als wahrer Vater des modernen Twists aber gilt nicht Chubby Checker, sondern der Rhythm & Blues-Musiker Hank Ballard.
Der in Detroit geborene Afroamerikaner spielte bereits seit einigen Jahren mit seiner Band The Midnighters, als ihm ein Musikstück angeboten wurde, das der Gospel-Musiker Brother „Jo Jo“ Wallace geschrieben hatte. Ballard verfügte über eine gewisse Reputation für schlüpfrige Lieder und eingängige Rhythmen. Seine ersten Platten hießen „Work with me Annie“ oder „Annie had a Baby“ und enthielten eindeutig zweideutige Zeilen wie „Annie, please don’t cheat, give me all my meat!“ Als Ballard die erste Demo-Version von „The Twist“ aufnahm, entschärfte er den Text ein wenig. Die als anzüglich empfundene Zeile „up and down“ etwa verharmloste er zu „around and around“.
Zunächst interessierte sich niemand für die Bandaufnahme. Das Plattenlabel Vee-Jay ließ den Song unbeachtet in einem Magazin verschwinden. Erst beim Label King stieß das Band auf Interesse. Mitte der 40er gegründet, hatte sich King zunächst auf Hillbilly-Musik beschränkt, bald aber auch eine Sparte für schwarze, sogenannte „race“-Musik eröffnet, die so erfolgreiche Künstler wie Joe Tex oder James Brown herausbrachte. Dem Twist-Forscher Jim Dawson zufolge ist es dem bei King Records für schwarze Musik zuständigen Produzenten Henry Glover zu verdanken, dass der Twist im Jahr 1959 endlich auf Vinyl gepresst wurde – allerdings nur auf der B-Seite einer Single. Der A-Seite hatte Glover die von ihm selbst geschriebene Ballade „Teardrops on your Letter“ reserviert. Nach Erscheinen der Platte im Januar 1959 hielt sich das Titelstück nur kurzzeitig in der Top-100 in den Billboard R & B-Charts, der Hitparade für schwarze Musik. Doch im April kletterte der auf der Rückseite versteckte Twist immerhin für zehn Wochen in die Hitlisten und stieg zeitweise auf Platz 16. Sein endgültiger Durchbruch stand erst bevor: Wie so oft im kommerziellen Pop-Geschäft jener Jahre sollte ein anderer den Ruhm ernten.
Ernest Evans hatte nur einige wenige Stücke aufgenommen und sich als Imitator bekannter Rock’n’Roll-Stars betätigt, als er Dick Clark auffiel, der als Moderator der Musikshow „American Bandstand“ einer der einflussreichsten Männer der Popwelt war. Warum Clark ausgerechnet den mit dem Spitznamen „Chubby“, Dickerchen, ausgestatteten Checker zu einer neuen Aufnahme des Twists animierte, ist umstritten. Manche meinen, Hank Ballard habe ein zu schmutziges Image für die propere Teenagershow gehabt.

Kippe austreten und Rücken mit dem Handtuch trocknen... Lesen Sie weiter auf Seite 2

...und dann drehen! So lautete allgemein die Anleitung zum Twisten.

Unstrittig ist, dass der Twist ohne Checkers Auftritt in Clarks Fernsehshow zur besten Sendezeit kaum ein Hit geworden wäre. Auf dem Höhepunkt der Twist-Mode war Checker dort wochenlang als Dauergast zu sehen. Das Ergebnis wirkte eher kurios: Einer berühmt gewordenen Tanzanleitung zufolge sah der Twist aus, als würde man pantomimisch mit beiden Fußballen Zigarettenkippen ausdrücken und sich dabei gleichzeitig mit einem Handtuch den Rücken abrubbeln. Doch die Rechnung ging auf: Chubby Checkers Single hielt sich mehrere Wochen lang auf den vorderen Plätzen der Hitparade.
Der wahre Siegeszug des Twists führte über einen weiteren Umweg. In der New Yorker 45. Straße befand sich unweit der Büros vieler großer Plattenlabels in Midtown, Manhattan, die „Peppermint Lounge“, eine Bar, die für einen langen Tresen berüchtigt war und von Motorradfahrern und Matrosen gleichermaßen geschätzt wurde. Als die hauseigene multiethnische Kapelle Joey Dee & The Starlighters den Twist einspielte, entwickelte sich die Rockerkneipe zum Hotspot der feinen Gesellschaft. Innerhalb weniger Wochen wurden Truman Capote, Norman Mailer, Marilyn Monroe und Judy Garland sowie der Playboy Porfirio Rubirosa im Publikum gesichtet. Die Klatschkolumnen berichteten über das neueste Laster der High Snobiety: schiebende Unterleibsbewegungen. Einige Artikel später trat der von italienischen Einwanderern abstammende Joey Dee, der eilig einen „Peppermint Twist“ eingespielt hatte, im Metropolitan Museum of Art bei einer Modegala vor handverlesenem Publikum auf. Starreporter Gay Talese berichtete in der „New York Times“ über prominente Hüften, die zwischen den altehrwürdigen Gemälden wackelten.
Mittlerweile war die Twist-Welle auch über den Atlantik geschwappt. Im Spätsommer 1960 veröffentlichte mit der britischen Columbia ein Major-Label die Chubby-Checker-Version für den europäischen Markt. Nach weiteren Versuchen neue Tänze wie den „Pony“ oder den „Hucklebuck“ zu etablieren, knüpfte Chubby Checker mit der Platte „Let’s twist again (like we did last Summer)“ auf denkbar simple Weise an den Vorjahreserfolg an. Angeblich hatte der Komponist Cal Mann den Nachfolgehit in nur fünf Minuten geschrieben.

Auch im nicht englischsprachigen Europa beugte man nun die Knie im neuen Takt. Ein kaum bekannter italienischer Sänger namens Adriano Celentano, der sich zuvor als italienischer Elvis versucht hatte, drehte einen Film, in dem er mit einer Twist-Kapelle die Riviera entlang- tourt. Im benachbarten Frankreich tanzte man den „St. Tropez Twist“, die deutsche Electrola ließ eine Oliver Twist & The Happy Twistler benannte Band das Original von Hank Ballard in deutscher Sprache einspielen, Paul Würges behauptete in einem Schlager „Twist ist gut für die Linie“ und Caterina Valente sang den „Peppermint Twist“ auf Deutsch.
Dessen eigentlicher Interpret Joey Dee, mittlerweile als Star des Twist-Films „Hey let’s Twist“ auch dem Kinopublikum bekannt, spielte emsig ein paar deutsche Twist-Nummern mit weitgehend sinnfreien Titeln wie „Bitte, bitte Baby“ oder „Joey’s Party“ ein.
Während die neue Twist-Wut zunächst ungebremst auf Plattentellern und Tanzflächen tobte, formierte sich allmählich Widerstand. Hatten die Sittenwächter schon ein halbes Jahrzehnt zuvor gegen den Rock’n’Roll mobilisiert, so sahen manche von ihnen die glücklich überwunden geglaubte Furie nun im Twist wiederauferstehen. „Dies ist kein Tanz – das ist ein öffentliches Ärgernis“, entschieden Bezirkshauptleute im oberösterreichischen Vorarlberg und untersagten das Twist-Tanzen kurzerhand. Der italienische Psychologenverband hielt den unterleibsbetonten Tanz für die „Pantomime eines Sexualtraums“, und in Bayern wurde die Tochter eines CSU-Abgeordneten 1962 zu einer Geldstrafe wegen „sittenwidrigen Verhaltens“ verurteilt. Der Teenager hatte barfuß Twist getanzt.
Auch gesundheitliche Bedenken wurden ins Feld geführt. Eine medizinische Zeitschrift warnte vor den Gefahren des Twistens über 40: „Fast alle Patienten, die nach einer Twistnacht schmerzgebeugt in der Praxis eines Orthopäden erscheinen, sind in den Gelenken nicht mehr so jung, wie sie es im Herzen zu sein glauben.“ Orthopäden beklagten typische Twistverletzungen wie Hüft- und Kniegelenksveränderungen, Muskelzerrungen oder gar Knochenabsplitterungen. Der promovierte Medizinautor Horst Klein riet dazu, „den heißen Twist nur lauwarm zu tanzen“. Doch inzwischen wurde der Twist an höchster Stelle praktiziert. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sah sich nach einer Falschmeldung der Agentur Associated Press zum Dementi veranlasst: Ein Reporter hatte berichtet, die First Lady habe in einem Nachtclub in Florida den Twist „halb getanzt“. Tatsächlich hatte er Jackie Kennedy mit der twistenden Nichte eines Senators verwechselt. Trotzdem drangen Gerüchte über präsidiale Twist-Bewegungen an die Medienöffentlichkeit.
Damit war die endgültige Etablierung auch im Deutschland der Westbindung nicht mehr zu verhindern. Der Bundespresseball wackelte 1962 zu dem von Peter van Eck aufgenommenen „Spiegel Twist“ kollektiv mit den Hüften, und zu Weihnachten lag eine Schallplatte mit dem Titel „Merry Twistmas“ auch unter den bundesdeutschen Tannenbäumen.
Weniger elastisch reagierte man hinter dem Eisernen Vorhang. Die DDR-Behörden führten seit dem Schock des 17. Junis 1953 einen nationalistischen Kulturkampf gegen das Einsickern westlicher Jazz- und Rockmusik. Seit 1958 war ein 60-prozentiger Anteil von Musik aus dem Ostblock vorgeschrieben. Spitzel wachten mit Notizblock und Tonbandgerät am Rande von Tanzflächen und Bühnen über die peinlich genaue Einhaltung. Für den „Spiegel“ war es daher eine Sensation, was die „DDR-Jungbürgerin Petra Böttcher“ bei einem im DDR-Fernsehen übertragenen Konzert tat: Die von Weltjugendfestspielen bekannte Interpretin sozialistischen Liedgutes „bog den Oberkörper zurück, ließ die Fäuste unterm Kinn kreisen, hob mal das linke, mal das rechte Bein.“ Kurz: Sie tanzte Twist.
Tatsächlich erging es dem Twist in der DDR zunächst besser als wenige Jahre zuvor dem Rock und kurz darauf dem Beat. Er fiel in eine kurzzeitige Periode kultureller Lockerung. Mehr als 30 volkseigene Twists versammelt die retrospektive Zusammenstellung „Twist in der DDR“ des Bear-Family-Verlages, darunter eher bizarre Titel wie „Aus Apfelkernen und Nudelsternen“ oder der orthopädisch bedenklich klingende „Karthäuser Knickebein-Shake“. Andere Titel schienen moralische Bedenken von vornherein ausräumen zu wollen. So beteuerte Ruth Brandin auf einer Amiga-Single: „Mich hat noch keiner beim Twist geküsst“.
Mitte der 60er war es mit der kurzen Phase der Toleranz für „westliche Unkultur“ und „rotlackierte Schlagergitarren“ (Walter Ulbricht) vorbei. Bands wie die Ost-Berliner Sputniks, die im Lichtenberger Twist-Keller den „Gitarren-Twist“ gespielt hatten, wurden zwangsaufgelöst. In Leipzig entzog man 1965 Gitarrengruppen wie den populären Butlers die Spielerlaubnis, und es kam zum sogenannten Beat-Aufstand: Junge Fans demonstrierten mit staatsfeindlichen Parolen für kulturelle Freiheit. Die Beat-Demonstration wurde mit Wasserwerfern erstickt und ihre minderjährigen Rädelsführer teils zu hohen Haftstrafen verurteilt. Drei Jahre zuvor waren auch in München mehrtägige Ausschreitungen nach Zusammenrottungen von Musikfans entbrannt. Auf der Leopoldstraße wurde eine Reiterstaffel gegen Tänzer eingesetzt, weswegen Historiker die Schwabinger Krawalle auch als „Twist-Unruhen“ deuten, bei denen sich aufgestaute Ressentiments in Prügelexzessen der Polizei gegen die „Gammler“ entluden.
Es waren nicht die Knüppel, die dem Twist den Garaus machten: Der Tanz fiel der Eigenlogik kapitalistischer Jugendkultur, dem Diktat der Mode, zum Opfer. Mitte der 60er probte eine neue Generation den Aufstand mit britischer Beat-Musik. Der Twist ist unverdient in Vergessenheit geraten und taugt heute allenfalls als Soundtrack für historisierende Fernsehserien à la „Mad Men“. Sein Schöpfer Hank Ballard verstarb 2003 an Kehlkopfkrebs, Chubby Checker versuchte sich alle paar Jahre an einem Remix, zuletzt gelang ihm ein Comeback mit der Hip-Hop-Neuauflage „Yo Twist“ Ende der 80er.
Der Twist hätte Besseres verdient. Zwar war er nicht der erste Tanz, der ohne Berührung auskam. Aber er setzte das von formalen Regeln und lernintensiven Schrittfolgen befreite Tanzen erstmals schichten-, generationen- und staatenübergreifend durch. Von da aus war es bis zum individualisierten, völlig partnerlosen Tanz, wie er bis heute üblich ist, nur ein kleiner Schritt. Nebenbei beendete der Twist die Führungsrolle des Mannes – jedenfalls auf den Tanzflächen.
Die Liberalisierung von Gesellschaften ist ein langsamer Prozess. Sie braucht nicht immer eine Revolution – als Anstoß reicht manchmal ein kleiner Drall. Auf Englisch sagt man dazu: Twist.
Der Autor forscht am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung zur Jugend- und Popkultur im 20. Jahrhundert.

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