Verrückte Welt : Magische Klitorispumpen aus China

Unser Autor wird mit merkwürdigen Paketen und Verschwörungstheorien überhäuft. Er hofft: Möge der Markt nicht auch noch von Corona-Literatur überschwemmt werden!

Neuer Bühnenschreck droht. Ulrich Matthes in Moritz Rinkes Stück „Westend“ 2018. Damals ging es auch schon um Einsamkeit. 
Neuer Bühnenschreck droht. Ulrich Matthes in Moritz Rinkes Stück „Westend“ 2018. Damals ging es auch schon um Einsamkeit. Foto: Martin Müller/imago images

Seit der Coronakrise bekomme ich fast jeden dritten Tag Amazon-Pakete mit Waren aus China, die ich gar nicht bestellt habe. Zuerst kam ein „Lawn-Sprinkler“ aus Shenzhen, China, ich habe aber gar keinen Garten. Dann kam eine Fahrradstange für ein Klapprad (habe ich auch nicht).

Beim nächsten Paket hielt ich plötzlich einen „SHINEHUA Dildo mit 20 cm Real Dong mit Hoden“ in der einen Hand, in der anderen „Snore Reduction Chin Straps“ und „Nosehair removal wax kit“. 

Mir war gar nicht bewusst, was in diesem Shenzhen in China alles produziert wird. Und warum ich ausgerechnet jetzt, wo alles geschlossen hat, plötzlich Dinge in den Händen halte, die ich vorher noch nie gesehen hatte?

Erst das Virus, dann die Marktschwemme aus China

An manchen Tagen hatte ich gehofft, dass auch einmal eine Schutzmaske dabei ist, aber dann kamen eine „Magical Clitorial Pump“ und ein USB-Kabel. Ich habe bei Amazon angerufen und eine Dame erklärte mir, da könne sie auch nichts machen, wahrscheinlich ein Fehler im System des Logistikcenters im Zuge der Coronakrise.

Eine Freundin aus Künstlerkreisen, der ich eigentlich nur ein paar von meinen neuen chinesischen Sachen anbieten wollte, erklärte mir, dass mein Fall schon aufzeige, was mit Corona eigentlich bezweckt werden würde: Erst käme das Virus, das den Binnengroßhandel und den Einzelhandel vernichte und dann würde China den Markt überschwemmen. 

Was ich gerade erlebe, sei nur der Anfang, vielleicht stünde auch Amazon selbst dahinter oder Bill Gates.

Grafik-Social Distancing während der Coronavirus-Krise
Klicken Sie auf das Symbol um die komplette Grafik zu sehen.Grafik: Tagesspiegel/Cremer

Ich habe in dieser Coronakrise schon viele gute Bekannte verloren und aus den sozialen Kontakten entfernen müssen. Nicht infolge eines tödlichen Lungeninfekts, sondern aufgrund von Verschwörungstheorien

Oder Besserwisserei, denn viele meiner Bekannten haben sich offenbar schon immer mit Virenstämmen beschäftigt. Mich erinnert das an Welt- oder Europameisterschaften, bei denen es ja plötzlich auch immer nur so von Fachleuten wimmelt. 

Einige Bekannte aus der Kulturszene hatten mir sogar mehrmals dieses Video von Dr. Wodarg geschickt, dem norddeutschen Lungenarzt (Corona-Pandemie gibt es nicht, nur Corona-Hysterie, um Bürgerrechte einzuschränken). Wenn mir jemand Wodarg schickt, schicke ich jetzt immer Drosten zurück, den NDR-Podcast vom Charité-Virologen Christian Drosten.

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Bestimmt findet bei vielen seit Wochen ein ähnlich erbitterter Whatsapp-Kampf um die Wahrheit statt, ein bisschen wie früher beim Abendmahlstreit mit Luther und Zwingli. 

Nur heißen sie heute Wodarg, Bhakdi und Drosten oder Kekulé, wobei ich persönlich zu Drosten neige, dem stilleren Virologen im Vergleich zu Kekulé und anderen, die offenbar eher ins Fernsehen wollen als ins Labor.

Eine andere Freundin, der ich den Lawn-Sprinkler anbieten wollte, hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, die neue Gartensauna einzuweihen, es kämen auch ein paar nette Leute. „Wie viele denn?“, habe ich gefragt, „mehr als zwei?“

Gespräche über Reproduktionszahl, Maskenpflicht und Eurobonds

„Ach, Gott“, hat sie geantwortet, „bei 58 Grad stirbt das Virus, weißt du denn das nicht?“

„Doch, aber nicht, wenn das Virus in deinen netten Leuten schon drin ist“, erwiderte ich, „dann müssten sie ja auch 58 Grad heiß werden, und nicht nur die Sauna! Den Lawn-Sprinkler kannst du dir übrigens abschminken!“

Solche Dialoge führt man schon. Auch unter Künstlern. Anstatt sich über Theater oder neue Kinofilme zu unterhalten wie früher, sprechen wir nun über die Reproduktionszahl, Maskenpflicht, über Euro-Bonds und Fledermäuse in Wuhan. 

Vor ein paar Tagen habe ich geträumt, ich stehe im Deutschen Theater in Berlin und baue mit dem Intendanten jeden zweiten Sitzplatz aus dem Zuschauerraum und trage ihn auf den Vorplatz des Theaters. 

Als wir nach getaner Arbeit nach draußen treten, sitzen dort überall Menschen auf den ausgebauten Theatersitzen und starren auf die Fassade des Theaters, wie in gespannter Erwartung.

Vielleicht steht dieser Traum, dachte ich, für die Sehnsucht der Kultur doch eigentlich so etwas wie „systemrelevant“ zu sein. 

Dabei ist die irgendwie traurige Wahrheit, dass wir Künstler seit Wochen entweder erstarrt sind vor Lähmung und Existenzangst oder durchs Netz springen, streamen, podcasten, zoomen – und das vielleicht nicht nur, weil wir der Menschheit Trost, Kunst und Kontemplation geben, sondern auch Teil dieses Großen sein wollen, um nicht ganz unterzugehen. 

Phänomen der Corona-Intellektuellen

„Wer große Ereignisse erklären kann, ist in den Augen derer, die keine Erklärungen haben, selbst groß“, hat die Journalistin Friederike Haupt geschrieben.

Man könnte damit nicht nur die Wodargs und Bhakdis meinen, sondern auch all die Corona-Intellektuellen mit ihren Essays und Tagebüchern einer gefühlten neuen Zeitrechnung und Epochenwende (Slavoj Žižek hat sogar schon ein fertiges Buch: „Pandemic! COVID-19 Shakes the World“, 124 Seiten). 

Und was werden wir in der hoffentlich nächsten Theaterspielzeit aufführen, was werden wir in neuen Büchern lesen? 

Corona-Novellen im Herbstprogramm

Sehen wir dann überall Camus’ Roman „Die Pest“ in hochaktuellen Dramatisierungen, dazu dramatisierte Versionen von Boccaccios „Das Dekameron“ (zehn Edelleute fliehen vor der Pest in Landhaus bei Florenz und erzählen sich Geschichten), welche schon in gelabelten, Corona-zeitgenössischen Neuerscheinungen für den Buchmarkt vorbereitet werden?

Kommen im Herbst- oder nächsten Frühjahrsprogramm überhaupt nur noch Corona-Novellen und Corona-Romane, weil sich Autoren und Autorinnen gerade kaum vorstellen können, dass ihr eigentlicher, einmal geplanter Stoff gegen den nun übermächtigen, alles durchdringenden Corona-Stoff ankommen kann?

Muss man am Ende gar über Corona schreiben, um von Corona leben zu können? Oder werden es, statt der eigenen Relevanzkrise, die Kritiker sein, die all die Corona-Romane herbeiraunen, wie auch viel zu früh nach dem Wende-Roman geraunt worden war?

Möge uns ein Grundgütiger vor allzu viel williger, teilhabender Corona-Kunst bewahren und den Markt nicht überschwemmen wie mich die Chinesen mit Real Dongs und Clitorial Pumps! Möge man dafür sorgen, dass die Corona-Titel nicht prozentual die Zahl der Corona-Infizierten übersteigen. 

Einer Theatertreffen-Jury würde ich es, by the way, glatt zutrauen, gleich zehnmal „Die Pest“ einzuladen, zum „Vergleich der unterschiedlich performativen Corona-Narrative“ oder so (obwohl Camus’ Roman ja eigentlich eine Allegorie auf Konformismus und Faschismus ist).

Und was, wenn ich mich irre und wir von Corona im nächsten Frühjahr, trotz hundertfach gefächerter Folgekrisen, nichts mehr wissen wollen? Unser Tempo, trotz der jetzigen Selbstreflexion, wie nach den 9/11-Anschlägen letztlich doch größer ist? 

Oder noch etwas anderes Schlimmes passiert und dann Corona, wie jetzt die Klimakrise, der Brexit, der Syrien-Krieg oder das Flüchtlingsdrama, verschwunden ist?

Wenn ich im Fernsehen Corona-Nachrichten schaue, freue ich mich immer, wenn mal andere Nachrichten kommen. Es ist absurd, aber Berichte über den Diesel-Abgasskandal oder den Vorstoß von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zur Beschaffung von Kampfjets in den USA – solche Berichte wirken mittlerweile schon belebend auf mich.


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