Vocalconsort Berlin : Der choreografierte Chor

Das Vocalconsort Berlin schenkt sich zum 15. Geburtstag die Konzertreihe "Prinzip Hoffnung". Jetzt war Auftakt in der Parochialkirche in Mitte.

Mitglieder des Vocalconsorts in der Parochialkirche.
Mitglieder des Vocalconsorts in der Parochialkirche.Foto: Vocalconsort

Das nackte, nichts beschönigende Mauerwerk im Inneren der Parochialkirche beeindruckt doch immer wieder aufs Neue. Umso mehr, wenn es draußen dunkel wird, und sich nur die Reste des natürlichen Tageslichts im Saal verlieren. Die Mitte bleibt frei, die Besucher sitzen auf Bänken an der Wand oder hocken auf dem Steinboden, manche liegen, haben die Augen geschlossen. Die Töne treffen sie unvermittelt, als kämen sie aus dem Nichts: „Calme des nuits“ von Camille Saint-Saëns. Wer singt? Es ist nicht wichtig. Der Chor ist mitten unter uns.

Mit dem Überraschungseffekt, die Sängerinnen und Sänger zunächst unerkannt im Publikum zu positionieren, bedient sich Radialsystem-Gründer Jochen Sandig bei seiner eigenen Erfolgsproduktion „human requiem“ mit dem Rundfunkchor – die er ähnlich ätherisch beginnen lässt. Jetzt feiert das Vocalconsort Berlin, einer der besten nicht öffentlich geförderten Chöre der Stadt und Hausensembles des Radialsystems, sein 15-jähriges Bestehen mit einer Konzertreihe. Den Auftakt inszeniert – oder besser: choreografiert Sandig, der immer wieder durch den Raum huscht, um zu checken, ob alles stimmt.

„Prinzip Hoffnung“ heißt die Jubiläums-Konzertreihe, die noch bis März 2019 läuft. Und Hoffnung ist das Mindeste, was wir brauchen, wenn nicht noch viel mehr, angesichts von Terrorismus und Kriegen, die kein Ende finden, von Rechtspopulisten an der Macht und einer Erderhitzung, die sich 2018 erstmals in jede Schweißdrüse einschreibt. Hoffnung ist etwas zutiefst Menschliches, und sie scheint auch in den liegenden halben und ganzen Tönen von Saint-Saëns’ Hommage an die Nacht verborgen zu sein – die sich jetzt auch über die Parochialkirche gelegt hat. Eine Stimmung, an die Wagners Tristan-Studie „Im Treibhaus“ direkt anschließt, wie auch Ligetis „Lux Aeterna“, das auf andere, spirituelle Weise das Thema Hoffnung aufgreift. Gemeint ist Hoffnung auf eine Existenz nach dem Tod: „Lux aeterna luceat eis, Domine – Möge Ihnen das Licht ewig scheinen, Herr.“

Man ahnt den Klang mehr, als dass man ihn hört

Unter der Leitung von Marcus Creed beweist das Vocalconsort seine Klasse mit plastischem, klar in die vier Lagen geschiedenem und doch höchst homogenem Klang, dem jeder Druck fehlt, der einfach kommt, ganz selbstverständlich, als sei’s ein Naturphänomen. Ligeti setzt hier mikropolyphonische Verfahren ein: In einem ständigen musikalischen Fluss nehmen die Harmonien langsam eine andere Schattierung an, werden Intervalle graduell verändert. Der Sog, der dabei entsteht, hat schon in Stanley Kubricks „2001“ seine Wirkung nicht verfehlt. Das Vocalconsort wandelt sicher auf schmalem Grat, erschafft einen Klang, den man streckenweise mehr ahnt als hört.

Dramatisch-bewegter wird’s mit „Ziles Zina“ („Botschaft der Meise“) des lettischen Komponisten Peteris Vasks, das zugrundeliegende Gedicht dreht sich um Mensch, Natur, Vergänglichkeit, der Chor fängt wild zu schnattern an. Kulminationspunkt des Abends: die doppelchörige Kantate „Figure humaine“ von Francis Poulenc, die im dreigestrichenen e von „Liberté“ gipfelt. Sie basiert auf monumentalen Gedichten von Paul Éluard, die dieser 1943 im besetzen Paris geschrieben hat – in einer Zeit, die einzig durch Hoffnung erträglich wurde.

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