Volker Braun wird 80 : Der ewige Dialektiker

„Mich zog der Widerspruch groß“: Volker Braun reflektiert in zwei Büchern zum 80. Geburtstag über sein Leben und Schreiben.

Volker Braun
Volker BraunFoto: imago/gezett

„Unser Kommen ist Gedicht, und die Liebe im Jemen ist ein Fest“, lautete das Motto der ersten deutsch-arabischen Lyrikkonferenz. Eingeladen hatte im Jahr 2000 das jemenitische Kulturministerium, unterstützt vom „Amt für moralische Ausrichtung der Streitkräfte“. Unter den Gästen befand sich auch der frisch gekürte Georg-Büchner-Preisträger Volker Braun. Als er sich bei einem Rundgang auf dem Markt der sagenhaften Lehmstadt Sana’a selbstständig machte, rief das die Behörden auf den Plan, die seine Entführung fürchteten. „Volker, Volker!“, schallte es aufgeregt aus den Megafonen mehrerer Polizeiautos. In der Eile hatte es mit der Transkribierung des Nachnamens „Braun“ ins Arabische nicht geklappt.

Die Fürsorge der staatlichen Organe

Soviel Aufmerksamkeit und Fürsorge staatlicher Organe hatte sich Braun sonst nur in der DDR sicher sein können. Sein Gedicht „Kassensturz“, 2016 im Band „Handbibliothek der Unbehausten“ erschienen, in dem er mit seinen konsumseligen Landsleuten zur Wendezeit ins Gericht geht, liest sich wie ein selbstironisches Echo auf die Ereignisse in Sana’a: „Ihr zogt zuhauf und ließt die Seele reisen / Und wart das Volk. Jetzt soll ich Volker heißen / Und meinen Witz von unsrer Schwachheit nähren / Und Widerstand im Warenhaus bewähren.“

Die Editionsgeschichte von Volker Brauns rund vierzig Titel umfassenden Werk seit seinem 1965 erschienenen Lyrikdebüt „Provokation für mich“ war bis Herbst 1989 die eines großen Kampfes mit einem Staat, an den er von Anfang an hatte glauben wollen. Als „objektiv konterrevolutionär“ wurden bereits die Gedichte des Leipziger Philosophiestudenten bewertet, der bald als als einer der profiliertesten Vertreter der „Lyrikwelle“ und später der Sächsischen Dichterschule galt. Braun drohte die Exmatrikulation, dabei hatte er im Sinne des frühen Marx doch nur von „unserem totalen Glück“ gesprochen – eine Kampfansage an die Grauwerte des „realen“ Sozialismus. Die DDR betrachtete er als „Unvollendete Geschichte“, wie sein schonungsloses, stilistisch brillantes Prosastück über die repressive Zerstörung einer jungen Liebe heißt.

Suche nach dem schönen Leben

„Diese Poesie ist auf der Suche nach dem schönen Leben“, befand 1978 der Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt. „Und sucht man eine Grundformel für dieses reichere Anliegen der Dichtung Volker Brauns, für die sie durchdringende soziale Idee, für den menschlichen Gehalt dieser Schönheit – Brüderlichkeit könnte ihr poetischer Name sein.“ Dieses Urteil aus dem Klappentext des Buches „Im Querschnitt – Volker Braun" ist unverändert gültig. Die Publikation hatte sich zensurbedingt sieben Jahre lang hingezogen, wie Braun 2018 bei den Literaturtagen im norditalienischen Lana erzählte. Dort las er das Langpoem „Inbesitznahme der großen Rolltreppe durch die medellíner Slumbewohner am 27. Dezember 2011“, in dem er den Schwung der Kybernetik-Debatte aus der DDR der sechziger Jahre ins heutige Kolumbien transportiert. Aus den Aufwärtsbewegungen der Rolltreppe erwächst eine Reflektion über Widerstand, Verlierer und Gewinner: „Fahrstühle, Falltüren, um das Elend zu versenken / Fantastische Aufstände, Niederwerfungen / allen Unrechts.“

Die angesichts des Zustands unserer Zivilisation nicht resignative, sondern aufrührerische Zeitgenossenschaft Brauns zeigen trefflich die beiden Publikationen, mit denen der Suhrkamp-Verlag den achtzigsten Geburtstag seines Autors am 7. Mai feiert: Aphoristisch freche und vitale „Handstreiche“ (112 Seiten, 18 €) sowie gesammelte Reden und Schriften unter dem Titel „Verlagerung des geheimen Punkts“ (320 Seiten, 28 Euro). Diesen Punkt, Initialzündung seines Schreibens, sieht Braun in einer Gesellschaft, der die Arbeit auszugehen droht, auf gefährliche Weise verschoben.

Maschinist im Braunkohletagebau

Für den Schriftsteller, der vor dem Studium als Tiefbauarbeiter und Maschinist im Braunkohletagebau „Schwarze Pumpe“ seinen freiwilligen „Bitterfelder Weg“ absolvierte, ist Arbeit mit Würde gleichzusetzen. Davon handeln schon seine Arbeits- und Liebesgeschichten „Das ungezwungene Leben Kasts“, vor allem aber die frühen Produktionsstücke wie „Die Kipper“ oder „Tinka“. Mit seiner ersten Komödie „Die Übergangsgesellschaft“ prägte Braun 1982 einen Epochenbegriff für die Endphase der DDR. „Mich zog der Widerspruch groß“, schreibt er nun im Essayband, der Texte von 1977 bis 2018 versammelt.

Volker Braun wurde als vierter von fünf Brüdern „an einem Sonntag vor dem Krieg geboren“. Sein Vater fiel 1945. „Sie waren fünf. Jeder nahm einen Weg. Er wählte den schwersten. Er hatte kein Ziel“, heißt es in „Handstreiche“. In seiner Kamenzer Rede setzte er sich 2018 mit der Mentalität seiner Geburtsstadt Dresden auseinander. Durch das „unauslöschbare Wissen, was Schöpfung und Vernichtung sei“, herrsche dort ein „von Erfahrung bedingtes, notwendiges Denken, das harmlose Antworten nicht erträgt“. Braun bleibt ein unermüdlicher Dialektiker, der sich durch alle Widersprüche hindurch weiterhin zum „Goldgrund der Utopie“ gräbt, wenn er nicht gerade mit seinem Enkel durch die Elbauen spaziert. Oder sich am Vorabend seines achtzigsten Geburtstags, in der Akademie der Künste am Pariser Platz gebührend feiern lässt.

Montag, 6. Mai, 20 Uhr, Akademie der Künste am Pariser Platz, Lesung mit Volker Braun, Einführung: Lothar Müller

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