Vom Bau bis zum Fall : Wie die Mauer die Gesellschaften der DDR und BRD formte

Frank Wolff untersucht in „Die Mauergesellschaft“ die deutsch-deutsche Grenze. Er kommt zum Befund: Die Mauer trennte die Menschen - und zwang sie zusammen.

Arbeiter erhöhen die Sektorensperre an der Bernauer Straße in Berlin.
Arbeiter erhöhen die Sektorensperre an der Bernauer Straße in Berlin.Foto: dpa

Es scheint gerade, als wären die drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Traum von einer Welt ohne Grenzbarrieren nur ein Zwischenspiel gewesen. Studien zufolge errichtet derzeit ein Drittel aller Länder Absperrungen aus Beton und Stacheldraht, die tatsächliche und manchmal auch nur eingebildete Ängste verkörpern.

Andere wiederum beschränken sich – noch – auf die Verschärfung von Regeln und Gesetzen. Die Vorstellung, physische oder papierene Mauern könnten die Innenräume eines bedrängten Landes vor dem Dschungel „da draußen“ abschotten, ist wieder aktuell.

Die Stahlwand zwischen den USA und Mexiko, der Zaun an der Südgrenze Ungarns oder die Abschottung der Häfen Italiens – keine dieser neuen Trennlinien gleicht derjenigen, die im Kalten Krieg die beiden deutschen Staaten trennte und die wir als „DIE“ Mauer begreifen. Der Historiker Frank Wolff hat in seinem Buch „Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989“ eine voluminöse Analyse dieser Jahre vorgelegt. Sein Ziel: „Ich löse die Geschichte der Mauer gewissermaßen von ihrem konkreten Ort an der Grenze, um ihre Position in der Gesellschaft zu bestimmen.“

Er benutzt dafür das Instrumentarium der Migrationsforschung, ein bisher wenig beachteter, aber außerordentlich fruchtbarer Ansatz. Sein Thema ist nicht „die Grenze an sich“, sondern die permanenten Versuche ihrer Überschreitung – sowohl im physischen als auch im politischen Sinn.

Schon die Zahlen überraschen: In den 28 Jahren, die die Mauer stand, verließen knapp 800.000 Bürger die DDR. Für einen Staat, in dem insgesamt nur rund 17 Millionen Menschen lebten, ist das eine relevante Zahl. Zudem hielten, wie Wolff zeigt, die Antragsteller auf Ausreise einen großen Verwaltungs- und Repressionsapparat in Gang, und die Integration dieser Menschen in die Bundesrepublik war nicht so einfach, wie es in der Rückschau erscheinen mag.

Teilung in Phasen

Mit seinem Ansatz kann Wolff zeigen, dass die Teilung „kein Vorgang, sondern ein Prozess“ war, der in beiden deutschen Staaten die Gesellschaft nicht nur durchdrang, sondern formte. Der Autor bestimmt drei Phasen dieses Prozesses. In einer ersten Phase, die er bis zum Ende der 60er-Jahre ansetzt, mussten sich beide deutsche Staaten in der neuen „Ordnung“ einrichten, die nach dem Mauerbau entstanden war. Darauf folgte in der Phase der sozialliberalen Koalition in der Bundesrepublik die Klärung der Frage, wie sich „in Zeiten staatlicher Teilung und gleichzeitiger Verflechtung Kontakte gestalten ließen“.

Nach der Unterzeichnung der Schlussakte schob sich dann jedoch ein anderer Aspekt in den Mittelpunkt: die Frage der Menschenrechte. Immer mehr Ausreisewillige forderten diese ein. Bis der Druck so groß wurde, dass die Mauer einstürzte.

Wolff interessieren dabei die geopolitischen Konstellationen kaum. Ihm geht es vor allem um die Darstellung der Ambivalenz der Mauer: als Bauwerk, das die Menschen voneinander abgrenzt und gleichzeitig zusammenzwingt, als ein Instrument zur Stabilisierung, das permanent für Instabilität auf beiden Seiten sorgt.

Auch in der DDR gab es einen Gesellschaftsvertrag

Die konsequente Fokussierung erklärt vieles schlüssig, führt gelegentlich aber auch zu Übertreibungen. So, wenn der Autor über die Antragsteller auf Ausreise feststellt: „Damit trieben sie den SED-Staat vor sich her und in den Abgrund.“ Diese Behauptung übersieht, dass die DDR nicht nur – möglicherweise nicht einmal vornehmlich – von der Mauer zusammengehalten wurde.

Es gab auch in diesem Land einen Gesellschaftsvertrag zwischen Herrschenden und Beherrschten, der mit jedem SED-Parteitag erneuert wurde. Die Partei versprach stetig wachsenden materiellen und kulturellen Wohlstand und verlangte dafür von den Bewohnern des Landes den Verzicht auf Demokratie und Freiheitsrechte. Insofern gehört natürlich auch die Mauer zu diesem Gesellschaftsvertrag.

Bis in die Gegenwart

Die Destabilisierung der DDR begann, als die SED ihren Part des Vertrages aus der Perspektive der Bevölkerung, die immer mit dem Westen verglich, nur noch unzureichend zu erfüllen vermochte. Der DDR-Bevölkerung ging es gut, aber sie war überzeugt, sie hatte Besseres verdient.

Der entscheidende Anteil der Opposition am Fall der Mauer ist nicht zu bestreiten. Auch Wolff würdigt ihn ausführlich und völlig zu Recht. Aber erst erodierte in überraschend kurzer Zeit der Staat, dann fiel die Mauer. Nicht umgekehrt, auch wenn es so scheint.

Dem widerspricht auch Wolff nicht, wenn er die Bilanz seiner verdienstvollen Untersuchung zieht. Er kommt zu der Erkenntnis, „dass die Abschottung vor Migration durch hermetische Grenzen und menschenrechtswidrige Papiermauern dauerhaft weder Staaten stabilisieren noch Ökonomien schützen noch Gesellschaften formen kann.“

Aus sozialhistorischer Sicht besitzen Mauern vor allem destruktives Potenzial. Es gehört zu den großen Verdiensten dieser Untersuchung, dass sie über ihren eigentlichen Gegenstand, „DIE“ Mauer, hinausreicht und bis in die Gegenwart verweist.
[Frank Wolff: Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenreche und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989. Suhrkamp, Berlin 2019. 1026 S., 36 €.]

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