Von Berlin nach Bergen-Belsen : Neue Veröffentlichung zur Judenverfolgung

Vom persönlichen Brief bis zum behördlichen Erlass: Die maßgebliche Quellenedition versammelt Dokumente, die die Judenverfolgung von Denunziation bis hin zu den Morden im KZ Bergen-Belsen beschreiben.

Ein Teilnehmer vor der Inschriftenwand bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen.
Ein Teilnehmer vor der Inschriftenwand bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen.Foto: Peter Steffen/dpa

Die auf 16 Bände angelegte, seit 2008 im Erscheinen begriffene Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ (VEJ) geht ihrem Abschluss entgegen. 

Der jetzt erschienene Band 11 ist der drittletzte, und zugleich ist er der abschließende fünfte Band für das Gebiet des Deutschen Reiches (sowie des Protektorats Böhmen und Mähren). Er umfasst den Zeitraum von April 1943 bis zum Kriegsende

Abgedruckt auf den gut 800 Seiten des Bandes sind insgesamt 301 Dokumente, die wie immer unterschiedlichsten Sachgruppen entstammen, vom persönlichen Brief bis zum behördlichen Erlass, und verfasst sind von Tätern wie von Opfern. 

Nicht die Art der Quellen, sondern die Chronologie der Ereignisse bildet das Ordnungsprinzip der VEJ, die dank Querverweisen und Register als Nachschlagewerk nutzbar ist.

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Den zeitlichen Rahmen bildet die Endphase des NS-Regimes mit dem auf breiter Front verlorenen Krieg, als die „Lage der deutschen Juden“ bereits „hoffnungslos“ war, wie es gleich im allerersten Satz der wie stets mit akribischer Sorgfalt verfassten Einleitung heißt. 

Die verbliebenen jüdischen Einrichtungen wurden am 10. Juni 1943 aufgelöst, die Juden im Reichsgebiet deportiert. Zurück blieben allein Juden in „Mischehe“ – und solche, die sich versteckt hielten, zumal in der Hauptstadt Berlin. 

Das waren anfangs, wie Gauleiter Goebbels wütend notierte, rund 4000 Personen. Es waren sogar noch mehr. Von ihnen konnten trotz aller Denunziationen 1700 überleben.

Anfangs schien sogar noch ein halbwegs normales Leben möglich. So berichtet Cäcilie Lewissohn von Restaurantbesuchen noch im Frühherbst 1943, aber auch von der Denunziation durch jüdische Helfer der Gestapo. 

Von der furchtbaren Angst eines Lebens im Versteck zeugen einzelne Dokumente – sogar in Gedichtform wie von Hans Hirschel (der die NS-Zeit überlebte): „Im Kasten der Couch lieg ich wie im Sarg / Indes die Häscher die Wohnung durchtoben ...“

Todesstrafe für Widerstand

Wer sich gegen die Verfolgungsmaßnahmen äußerte, mochte er auch seit 1931 „Parteigenosse" sein wie der Zahntechniker Wilhelm Weber, wurde vom Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt.

Die Ermordung der Juden konnte nicht mehr geheim gehalten werden. Bekannt und berüchtigt ist die – hier abgedruckte – Rede von SS-Chef Himmler 1943 in Posen, wo er erstmals offen über die Ermordung der Juden spricht: „Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ 

Von da an ging’s unverblümt weiter. So erklärte Himmler im Mai 1944 vor Wehrmachtskommandeuren: „Die Judenfrage ist in Deutschland und (...) in den von Deutschland besetzten Ländern gelöst. Sie wurde entsprechend dem Lebenskampf unseres Volkes, der um die Existenz unseres Blutes geht, kompromisslos gelöst.“ 

Bezeichnend die Rechtfertigung mit der Dolchstoßlegende: „Wir haben 1918 verschuldet, wir alle, ob wir damals jung oder alt waren, uns ist der Sieg entrissen worden, (...) und wir haben das gutzumachen.“

Das geschah in den Vernichtungslagern, aber auch mitten in Berlin. So heißt es im Bericht einer nach Palästina entkommenen Berliner Jüdin, dass bereits vor dem Abtransport jüdischer Gemeindemitglieder „etwa 8–10“ Personen „festgenommen, verhaftet und erschossen“ wurden, weil auf den Transportlisten verzeichnete Juden untergetaucht waren.

Am Schluss stehen Berichte über die unsäglichen Zustände im Konzentrationslager Bergen-Belsen – wo noch nach der Befreiung rund 14 000 Häftlinge an Seuchen verstarben – und über Todesmärsche, etwa aus dem österreichischen KZ Mauthausen, bei denen Tausende „wandelnde Skelette“ von der „SS-Begleiteskorte erschossen oder erschlagen“ wurden, wie die Bezirksgendarmerie Wels Ende April 1945 gleichmütig notiert.

Von den bei der Volkszählung 1939 registrierten immerhin noch 239 000 Juden im „Altreich“ waren 131 000 deportiert und ermordet worden – ein geringer Prozentsatz nur der 5,7 Millionen Juden, die dem Völkermord in ganz Europa zum Opfer fielen.
[Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 11: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren April 1943–1945, bearbeitet von Lisa Hauff. Verlag De Gruyter/Oldenbourg, Berlin/Boston 2020. 822 S., 59,95 €.]

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