"Voodoo Beach" beim Festival Pop-Kultur : Die Band, die sich im Netz fand

Die Berliner Band Voodoo Beach nennt ihre Musik Psychedelic Post Punk. Beim Berliner Festival Pop-Kultur gibt es heute eine Hörprobe. Ein Treffen.

Haben sich im Netz gesucht und im wahren Leben gefunden. Die vier von Voodoo Beach.
Haben sich im Netz gesucht und im wahren Leben gefunden. Die vier von Voodoo Beach.Foto: Anna Tiessen

Voodoo. Ein Wort, das mit schwarzer Magie verbunden ist. Bilder von mit dunklen Tüchern abgehängten Räumen tauchen vor dem inneren Auge auf, wo zwischen skelettierten Tierschädeln Nadeln in Puppen gestochen werden, um Schadzauber an missliebigen Personen zu erzeugen.

Einen Hang zur Rachsucht aber ist das Letzte, was die Mitglieder der Berliner Band Voodoo Beach an einem lauen Sommerabend vor ihrer Stammkneipe „Schiller’s“ in Neukölln ausstrahlen. Zwischen frischgezapftem Bier und selbstgedrehten Zigaretten wird viel gelacht. An diesem Mittwoch spielen sie ihren bisher wohl größten Auftritt beim Pop-Kultur-Festival in der Kulturbrauerei Berlin.

Nüchtern betrachtet ist Voodoo eine synkretistische Weltreligion, die sich aus afrikanischen und indianischen Naturreligionen, islamischen und katholischen Einflüssen speist. In der Praxis weist sie eine hohe Akzeptanz vielfältiger Lebensentwürfe auf: So gelten im Voodoo alle sexuellen Orientierungen als gleichwertig. Strenggenommen ist auch eine Band immer ein Produkt des Synkretismus. Wo Musikerinnen und Musiker zusammenkommen, müssen unterschiedlichste kulturelle Einflüsse zu neuen Formen verschmolzen werden.

"Band-Tinder" nennen das die Musiker

Als Voodoo Beach das erste Mal gemeinsam im Proberaum saßen, waren die Rucksäcke ihrer musikalischen Sozialisation prall gefüllt. Der eine zog Reggae heraus, die andere Shoegaze. Der eine Eric Clapton, die andere Sonic Youth. Erste eigene Ideen entstanden als Hybride aus Blues, Krautrock und dem reverbgetriebenen Gitarrensound von Surfbands. Sie selbst tauften es Psychedelic Post Punk. Minimalistische Songstrukturen, ätherische Klangkaskaden gepaart mit stoischem Bass- und Schlagzeugspiel.

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Max Beauvoir, Haitis oberster Voodoopriester.
Voodoo-Priester

Wie es sich im Online-Dating-Zeitalter gehört, lernten sich die Bandmitglieder über das Internet kennen. „Band-Tinder“, nennt Sängerin und Gitarristin Verita Vi das. In einer digitalen Maske gab sie damals ihre wichtigsten musikalischen Einflüsse an. Bei Schlagzeugerin Josephine O war es schließlich der Parameter „The Velvet Underground“, der zum ersehnten Match führte.

[Voodoo Beach spielen, Donnerstag, den 21.8., um 21 Uhr im frannz. Ihr Auftritt gehört zum vom Musicboard Berlin veranstalteten Festival Pop-Kultur. Bis einschließlich Freitag sind dabei an mehreren Spielstätten der Kulturbrauerei lokale und internationale Bands und Künstler zu erleben. Details: pop-kultur.berlin]

Schon bald darauf saßen sich die Hutmacherin und die studierte Drehbuchautorin im analogen Leben gegenüber. Doch war ihnen klar, dass die Band keine romantische Zweierbeziehung bleiben sollte. „Nur ist es leider mit Musikern so wie mit potenziellen Partnern“, erklärt Vi, „in Berlin sind die meisten vergeben oder beziehungsunfähig.“ Zwar ging bald Gitarrist Ignacy San ins digitale Netz, doch die Suche nach einem Bassisten zog sich über Monate hin. Bis ihnen Jon van Mono ganz klassisch angetrunken in einer Berliner Bar über den Weg lief. Zu allem Überfluss noch ein Drehbuchautor.

Die ersten Veröffentlichungen des noch jungen Projekts klingen allerdings nach einer frühen Beziehungskrise: „Auf der Suche nach der alten, guten Zeit hab ich verloren. Meine Lust, meine Stimme haben sich gegen mich verschworen. Es ist alles ganz genau so, wie du es sagst. Ich bin desolat“, singt Vi in „Desolat“ mit einer unterkühlten, beinahe indifferent klingenden Intonierung. Zu Beginn entstanden die Texte von Sängerin Vi noch in Englisch.

Doch als sie bei einer Probe zum Spaß deutsche Sätze ins Mikrofon hauchte, war dem Rest der Band klar: Diese Stimme ist dafür geschaffen. Der erste nichtenglische Song „Wahn“ scheint den Stereotyp der humorlosen, distanzierten Griesgrämigkeit der Deutschen von der ersten Zeile an vorführen zu wollen: „Alles was ich glaube, ist nicht mehr wahr. Alles was ich tue, ist schon vertan.“ Als Sängerin fühlte sich Vi anfangs zwar verletzlicher, aber auch näher dran am eigenen Empfinden. „Außerdem“, fügt Schlagzeugerin Josephine O hinzu, „schluckt der hallige Sound den Gesang so sehr, dass das Publikum die Sprache oft ohnehin nicht versteht.“

Sie können nur weiterspielen

Die bürokratische Rohheit und demonstrative Kaputtheit, die aus den Texten spricht, lässt sich an diesem Abend, an dem die gut gelaunten Musikerinnen Anekdoten von ihren ersten Touren preisgeben, vor dem „Schiller’s“ kaum fassen. Wo ist hier die Düsternis ihrer Songs, die von Bedrängnis und Kummer zeugt? Jene Schwere, die bereits etablierte Bands aus ihrem Dunstkreis wie Die Heiterkeit, Die Nerven oder Messer transportieren?

„Wir leben eben nicht gerade in beschwingten Zeiten. Da kann man sich auf keine Pose mehr zurückziehen“, sagt Vi. Also ist es das, was bleibt? Ist die kühle, distanzierte Ausstrahlung ihrer Songs und Auftritte radikale Annahme und Widerspiegelung des Bestehenden zugleich? „Natürlich sitzen wir manchmal im Probenraum zusammen und überlegen, was man heute politisch noch tun kann“, sagt O, „doch wir kommen immer wieder darauf zurück: Wir können einfach nur weiterspielen.“

Auftritte werden zum Ritual

Und so finden sie sich dann doch auf Bühnen wieder, die mit dunklen Tüchern abgehängt sind. Und die Auftritte werden zum Ritual. Die geplagten Geister können sich gemeinsam dem Zauber der Katharsis überantworten. Für die Dauer eines Auftritts fällt alles ab. Der Druck schwindet. Bloß ist da noch das irdische und leidige Thema der männerdominierten Musikbranche.

Innerhalb der Band kaum diskutiert, schließlich ist man paritätisch besetzt. Doch um so kleiner die Städte auf der Tour werden, desto größer sind die Augen im Publikum. „Als wolle man uns manchmal sagen: Wie kommt ihr denn hierher?“, sagt Vi.

Machismo in der Musikbranche

Umso mehr, als bei Voodoo Beach die meist männlich dominierten Positionen an Gitarre und Schlagzeug von Frauen besetzt sind. „Das nervt dann schon, wenn Tontechniker beim Soundcheck sagen: ,Du spielst ja doch viel lauter als gedacht’“, sagt O. „Oder männliche Drummerkollegen, die mir nach dem Konzert Tipps geben wollen, wie ich meine Technik verbessern könnte.“

Wünscht man sich da als Musikerin nicht doch manchmal einen kleinen Schadzauber? Solange Voodoo Beach Vorurteile weiterhin souverän auf der Bühne widerlegen, können sie die Nadeln getrost stecken lassen.

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