Wahrsager, Propheten, Trendforscher : Es wird einmal

Ringo Starrs Weisheit „Tomorrow never knows“ hat ausgedient. Und Propheten nennen sich heute Trendforscher.

Wahrsager Bernd G. Kreuzer aka Ashlati El Fantadu (2014).
Wahrsager Bernd G. Kreuzer aka Ashlati El Fantadu (2014).Foto: Mike Wolff

Propheten sind Spielverderber. Sie wissen nicht bloß exakt, was geschehen wird, sie verraten es auch. Sogar ungefragt. Spoilern gehört zu ihrem Berufsprofil, anders als im Kino kommen Happyends dabei eher selten vor. Vorhersager sind Besserwisser. Ringo Starrs lapidare Weisheit „Tomorrow never knows“ stellen sie vom Kopf auf die Füße. Denn der Plot der Zukunft ist längst schon geschrieben. Während wir noch die Spontanskulpturen des Silvesterbleigießens auszudeuten versuchen, vermelden die Profis bereits, wie 2018 gewesen sein wird. Es sieht nicht sooo gut aus. Verkünder leben im Futur II.

Hochrechnen statt Karten legen

Die moderne – Sigmar Gabriel würde sagen: postmoderne – Variante des Propheten ist der Trendforscher. Statt Karten zu legen, in Kristallkugeln zu schauen oder im Kaffeesatz zu lesen, bearbeitet er das Kommende mit wissenschaftlichen Anspruch, forschend. Spökenkiekerei mit System. Trends sind ja immer schon da, man muss sie nur rechtzeitig erkennen und hochrechnen. So wird die Deuterei zu einer mathematischen Gleichung. Trendforscher formulieren nicht raunend, sondern präzise. Am liebsten weissagen sie in Listenform.

Li Edelkoort, eine gebürtige Holländerin mit Wohnsitz in Paris sowie Firmenniederlassungen in New York und Tokio, gilt derzeit weltweit als „most important influencer in fashion“. Die Trendforscherin versteht sich als Wegweiserin. Handverlesene Besucher ihrer Trendseminare halten das, was sie dort gegen eine Teilnahmegebühr von 700 Euro zu hören bekommen, für „outstanding“. Wie die Mode 2018 ausgesehen haben wird, das hat Edelkoort, 67, vorausschauend in einer Zehn-Punkte-Liste zusammengefasst.

Schuhe schlagen Wurzeln

Punkt 1: Entscheidend ist die Nahansicht. Die Essenz eines Kleides zeigt sich im Kragen, dezenten Ausschnitten und Schmuck – allem, was ins Selfieformat passt. Gibt es nicht auch Halb- und Ganzkörperselfies? Wie passt die Betonung der Gesichts- und Brustpartien zur Prophezeiung, dass „neues Schuhwerk die Wurzel zu Mutter Erde bilden“ werde? Sind Schuhe nicht ohnehin erdverbunden, sollen sie künftig mittels Holzsohlen Wurzeln schlagen? Und könnte es nicht sein, dass die Selfiekultur ihren Höhepunkt bereits hinter sich hat?

Punkt 2: Die Rückkehr der Abstraktion. Seit 9/11 ist Mode zum Vehikel des Eskapismus geworden, zur Möglichkeit einer eleganten Flucht aus der Wirklichkeit. „Darum sind Marken wie Valentino so erfolgreich mit ihren traumhaften Märchenkleidern“, sagt Edelkoort. Die Menschen wollen sich Geschichten erzählen lassen, auch von ihren Kleidern. Damit die Abstraktion ihren Weg zurück in die Mode findet, glaubt die Trendforscherin, müsse die Welt wieder ein besserer Ort werden. Was bald schon der Fall sein könnte. „Fast waren wir schon so weit, dann wurde Trump gewählt.“ Kleidung, die etwas erzählt? Dabei könnte man an Weihnachtspullover mit Schneemännern denken, an T-Shirts mit der Aufschritt „Bier formte diesen Körper“ oder an Alexander Gaulands Hundekrawatten. Aber ist das denn schon Mode?

Zurück in die Zukunft

Punkt 5: Hightech verbindet sich mit Handwerk. Wenn Google an einem interaktiven Stoff arbeitet, mit dem sich Smartphones bedienen lassen, ist der Internetkonzern dabei auf traditionelle Jacquard-Webereien angewiesen, deren Technik auf das frühe 19. Jahrhundert zurückgeht. Das Textilmuseum von Tilburg verfügt laut Edelkoort über eine Maschine, die künstliche Spinnfäden herstellen kann. Mit ihr ließe sich ein Stoff weben, der kugelsicher wäre. Klingt eher nach Seemannsgarn. Oder nach einer dreizehnten Aufgabe für Herkules, den Vorläufer aller Bodyguards und Türsteher.

Prophezeiungen sind niemals kugelsicher. „Es wird einmal“, das ist die Formel, mit der diese Märchen beginnen. Frohes Neues!

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