„War or Peace“-Festival am Gorki : Träumen oder handeln?

„Kultur verteidigen“: Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras Beitrag zum Geschichtsfestival „War or Peace– Crossroads of History 1918/2018“.

100 Jahre zurück. Mehmet Yilmaz zitiert André Breton.
100 Jahre zurück. Mehmet Yilmaz zitiert André Breton.Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO

„Seit einiger Zeit sinkt das Niveau der Mächtigen der Erde. Stellenweise reicht es nur noch bis zur moralischen Unterwelt.“ Klingt nach einer messerscharfen Gegenwartsdiagnose, was die Schauspielerin Ruth Reinecke hier im Lichthof des Berliner Maxim Gorki Theaters äußert. Da fällt einem ja nicht nur der amtierende US-Präsident spontan ein.

Der Befund ist allerdings 83 Jahre alt. Geäußert wurde er von Heinrich Mann auf dem ersten „Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“ im Juni 1935 in Paris. 250 namhafte Schriftstellerinnen und Schriftsteller nahmen – die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs noch in Rücken und Seele – daran teil, um ihre Stimme gegen den sich immer stärker ausbreitenden Faschismus zu erheben. Von André Gide über Anna Seghers bis zu Robert Musil, von Ilja Ehrenburg über Edward Morgan Forster bis zu Bertolt Brecht.

Das Dokumentartheater-Team Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura hat diesen Kongress jetzt für das Geschichtsfestival „War or Peace – Crossroads of History 1918/2018“ im Gorki rekonstruiert. „Vielleicht hilft ein Blick 100 Jahre zurück in die Geschichte“, so der zentrale Gedanke dieser Veranstaltungsreihe, „um die Komplexität und die Verwirrungen unserer Gegenwart zu begreifen.“ Bis Ende Oktober stehen im Rahmen von „War or Peace“ noch zahlreiche weitere internationale Gastspiele, Performances oder Filmreihen auf dem Gorki- Programm.

Wie umgehen mit Populismus und gesellschaftlicher Spaltung?

Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura verdichten nun in ihrem Festivalbeitrag „Kultur verteidigen“ zentrale Reden des besagten Kongresses zu einer 75-minütigen Lecture Performance, die in der Tat sehr gegenwartserhellend ist. Denn auf der historischen Folie schärfen sich Fragen, die sich aktuell an und um die Kunst, ihre Urheber und die entsprechenden Institutionen stellen, wirklich ungemein: Wie umgehen mit Populismus, zunehmender gesellschaftlicher Spaltung oder der Zensur, der Kolleginnen und Kollegen vielerorts (wieder) ausgesetzt sind?

„,Man muss träumen‘, sagte Lenin. ,Man muss handeln‘, sagte Goethe.“ Dieser luzide Zwischenruf André Bretons, der hier vom Schauspieler Mehmet Yilmaz eingebracht wird, ist bei Weitem nicht der einzige, der die gegenwärtige Debatte um die Rolle der Kunst, um ihr Eingreif-, Analyse- und/oder Utopiepotenzial, ziemlich zeitgemäß auf den Punkt bringt. Auch Ernst Toller, dessen Rede im Gorki von Rashidah Aljunied vorgetragen wird, dürfte vielen Zeitgenossen aus dem Herzen sprechen: „Werte, an die wir gestern noch als ewige Werte und absolute Normen geglaubt haben, scheinen erschüttert und zerstört zu sein.“

Zuallererst einmal ist das intellektuelle Potenzial, das sich anno 1935 in Paris versammelte, natürlich gerade in der Vielfalt seiner Blickwinkel zeitenübergreifend äußerst anregend. Und seine Ohnmacht im heutigen Wissen um den Geschichtsverlauf gleichzeitig umso niederschmetternder. Während Robert Musil (Oscar Olivo) bekennt, sich „zeitlebens der Politik ferngehalten“ zu haben, um dann trotzdem eine bemerkenswerte Gesellschaftsanalyse zu liefern, appelliert Bertolt Brecht (wiederum Ruth Reinecke) erwartungsgemäß klassenkämpferisch an die Kolleginnen und Kollegen: „Sprechen wir von den Eigentumsverhältnissen!“ Die allseits beklagte Verrohung falle ja nicht vom Himmel, wie er rhetorisch formvollendet ausführt: „Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können.“

Kroesinger und Dura verleihen dem Kongress eine kluge Rahmung

Es ist ein gewohnt komplexer Abend, den Kroesinger und Dura hier zeigen. Einer, der sich auch aus theatraler Perspektive auf die analytische Kraft der Gedanken und die Schärfe der Wahrnehmung verlässt, dies- wie jenseits der Bühne. Die vier Schauspieler und Schauspielerinnen stehen oder sitzen um einen mit Akten gefüllten runden Tisch, während sie aus den wechselnden Reden vortragen: Von dieser konzentrierten Atmosphäre lenkt dankenswerterweise nichts ab.

Umso wirkungsvoller ist die kluge Rahmung, die Kroesinger und Dura dem Schriftstellerkongress verleihen. Bevor wir die Reden von Paris hören, werden Auszüge aus dem Preisausschreiben „Warum ich Nazi wurde“ von 1934 vorgetragen; angeregt von Theodore Abel, „einem sehr angesehenen Professor der Columbia University in enger Absprache mit dem Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels“, wie Oscar Olivo erklärt. Abel habe interessiert, warum Angestellte, Arbeiter, Unternehmersöhne – und zwar vor 1933 – in die Partei eingetreten sind. Die Motivationen lassen sich in etwa mit den Worten zusammenfassen, die Anna Seghers im Intellektuellenkreis des Schriftstellerkongresses findet: „Auf einmal braucht es den ganzen Menschen. Den letzten Einsatz.“ Menschen, die sich bis dato „unverwertbar“ gefühlt hätten, empfänden sich als nützlich: „Der Krieg wird zur endlosen Verwertung der Unverwertbaren, zum Ausweg der ausweglosen Welt.“

Maxim Gorki Theater, noch einmal am 18., 19. und 21. Oktober

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