Kultur : Was von Byzanz blieb

Die Ikonensammlung Velimezis in Berlin

Rüdiger Schaper

Ein El Greco im Pergamon-Museum: Die griechische Welt war groß. Geistig-kulturell reichte sie – seit der Antike und dem Hellenismus – bis zum Untergang von Byzanz 1453. Nach der türkischen Eroberung zogen sich die Ikonenmaler an den Rand der alten oströmischen Sphäre zurück, nach Nordgriechenland, Kreta und auf die Ionischen Inseln. Dort geriet die formstrenge byzantinische Kunst in den Einflussbereich Venedigs und der Renaissance. Es entstand eine Bildwelt, in der das Erbe von Byzanz weiterlebte und sich zugleich assimilierte.

Postbyzantinische Ikonen, wie in der Ausstellung „Der Glanz des Himmels“der Griechischen Kulturstiftung und der Staatlichen Berliner Museen, wirken manieriert, im Heimatlosen schwebend; wobei Ikonen ihrem Wesen nach nun einmal keine weltlichen Abbilder, sondern Spiegelungen des Göttlichen sein wollen. Hier hat man schon Malernamen und Signaturen, was die westliche Orientierung und die einbrechende Neuzeit bezeugt.

Domenikos Theotokopoulos, in Spanien nachher als „der Grieche“, El Greco, berühmt geworden, stammte aus Kreta. Seine „Passion Christi – Pietà mit Engeln“ von 1566 kann man als pièce de résistance dieser ersten Berliner Ikonenausstellung seit vielen Jahren betrachten. Die Versuchung ist groß, im halbnackten, muskulösen Körper des Gekreuzigten die kommenden katholischen Verzückungsexzesse des Visionärs von Toledo zu erahnen. Hier war er noch ein Ostler.

Die Theotokopoulos-Passion gehört zur Sammlung Emilios Velimezis, der bis zu seinem Tod 1946 Mitarbeiter des Benaki-Museums in Athen war, wo die Velimezis-Ikonen zu Hause sind. Velimezis, Privatsekretär des Museumsgründers Emmanuel Benakis, hatte seit den dreißiger Jahren Ikonen der griechisch-orthodoxen Religion von Händlern gekauft, zusammengetragen und gerettet; Werke von strahlender Farbigkeit, was griechische Ikonen gemeinhin von russischen unterscheidet. Postbyzantinische Exemplare sprengen den ikonografischen Rahmen, gewinnen an Dramatik und Dynamik – und haben die gelassene, stoische Majestät ihrer tausend Jahre alten Vorbilder verloren, wie man sie vor allem im Katharinenkloster auf dem Sinai findet.

Um den frühen El Greco, Revolutionär in nuce, gruppieren sich an die fünfzig groß- und kleinformatige Ikonen – von einer noch klassisch zu nennenden Gottesmutter (Mitte 15. Jahrhundert), die reine, kontemplative Fläche ist, zu einer 300 Jahre jüngeren Kreuzabnahme, die vor Action birst. Und es gibt Tafelbilder wie jenen Johannes den Täufer, Anfang des 16. Jahrhunderts: Der Asket in wüster Berglandschaft, mit überlangen Gliedmaßen, scheint die Zeit angehalten zu haben.

Die Kirchenbilder lassen sich schwer beleuchten – hier leider in Standardvitrinen, als seien es naturwissenschaftliche Artefakte. Zusätzlich sind sogenannte Malvorlagen für Ikonen ausgestellt, auch schon verblichene Schablonen zur Bewahrung der Tradition. Heiliges ist immer auch Handwerk.

„Der Glanz des Himmels“, Pergamonmuseum, bis 10. Juni. Katalog 29, 50 Euro.

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