"Was wir waren" von Andreas Maier : Neulich war die Welt auch nicht in Ordnung

Ich, Onkel J, Peter Kurzeck und die Wetterau: Andreas Maiers Kolumnenbuch „Was wir waren“

Der Schriftsteller Andreas Maier
Der Schriftsteller Andreas MaierFoto: Marius Becker/dpa-bildfunk

Neulich auf der Frankfurter Buchmesse, beim Kritikerempfang des Suhrkamp Verlags, las Andreas Maier aus dem siebenten Teil seiner auf elf Bände angelegten sogenannten Ortsumgehung, worin sich der 1967 im hessischen Bad Nauheim geborene Schriftsteller an seine Kindheit und Jugend, seine Familie, seinen Onkel und seine Heimat, die Wetterau, erinnert, „ein Werk, das du so lange schreibst, bis du tot bist“, wie Maier an einer Stelle schreibt.. „Die Familie“ soll dieser neue Band der Ortsumgehung heißen.

Weil es beim Kritikerempfang in der Regel aber nur ganz kurze Lesungen gibt, es dort immer ziemlich voll ist und sehr laut zugeht, und „Die Familie“ sowieso erst im Sommer des nächsten Jahres herauskommen soll, hat man sich bei Suhrkamp gedacht, quasi als Überbrückung und weil der Verlag sich wie eh und je um seine Autoren kümmert, ein Maier-Zwischenwerk zu veröffentlichen: „Was wir waren“. Dieses Buch besteht aus einer Sammlung von Kolumnen, die Maier seit 14 Jahren für die Wiener Literaturzeitschrift „Volltext“ schreibt und die alle mit dem Wörtchen „neulich“ beginnen.

Maier erzählt also, was ihm neulich hier und dort passiert ist, was er erlebt hat, und doch ist es nur selten so, dass diese Kolumnen besonders nahe an die Maier-Gegenwart heranreichen, die Vergangenheit hier gerade erst vergangen ist. Nein, Maier erinnert sich an früher, als er ein Kind und ein Jugendlicher war, und „Was wir waren“ ist so weniger ein Zwischen- als ein notwendiges, den Ortsumgehungs-Romanzyklus begleitendes Beiwerk. Gleich in der ersten Kolumne führt Maier ein Besuch des Suhrkamp-Verlagskellers, mutmaßlich noch im inzwischen abgerissenen Frankfurter Suhrkamp-Haus in der Lindenstraße, mitten ins „Zentrum des Schmerzes“. Will heißen: die Erinnerungen an Friedberg, „meine Heimat, die ersten Bücher, Anke“; ein Schmerz, so Maier weiter, „wie er nur durch Lesen entstehen kann, durch Mädchen und den lieben Gott, den ich aber damals noch nicht so nannte.“

"Wir" ist für Maier ein Unwort

Andreas Maier erzählt, wie er zu dem wurde, der er ist: ein der Erinnerungskunst verpflichteter Schriftsteller. So animiert ihn allein ein aktueller Wien-Besuch dazu, sich sogleich seiner ersten Wien-Fahrt über dreißig Jahre zuvor zu vergegenwärtigen. Oder er gräbt noch beim Nachdenken über sein höchst persönliches Unwort des Jahres – es ist das oft so leicht dahin gesagte, gemeinschaftsstiftende „Wir“ – tief im Friedberg der mittleren siebziger Jahre, um zu erkennen wie „ausweg- und alternativlos wie ehedem“ dieses Unwort wieder da ist.

Logisch, dass dieses Buch „Was wir waren“ heißt. Maier hat durchaus Sinn für Humor und würde sich nicht anmaßen wollen, diese Kolumnensammlung „Wer ich war“ zu nennen, zumal er in seinem letzten Ortsumgehungsband „Die Universität“ sein Ich, sein altes, eigentlich alle seine Ichs, so infrage gestellt hat: „Ich, das ist der Mittelteil des Wortes Nichts“.

Natürlich findet sich in den Kolumnen hie und da ein aktuelles Einsprengsel aus Maiers Leben, erfährt man, in welchen Frankfurter Apfelweinkneipen er am liebsten verkehrt, wohin ihn seine Hochzeitsreise 2009 geführt hat, oder dass er weder Auto fährt noch fliegt, weder ein Smartphone besitzt noch in den Supermarkt geht, und er ansonsten nur über Udo Jürgens, den Herbst oder „das neue Gotteslob“ schreibt (was man jetzt glauben kann, besser aber nicht).

Einmal trifft Maier auch Peter Kurzeck - gewissermaßen im Himmel

Doch sind das für ihn meist nur Aufhänger dafür, sich in die Vergangenheit zu begeben, nicht zuletzt, um weiteren Stoff für die Ortsumgehung zu generieren. Auch Onkel J ist wieder mit dabei, der Mann in Maiers Familie, mit dem nicht nur die „Neulich“-Kolumnen in „Volltext“ begannen, sondern die eine Art Initiation für dieses große Erinnerungswerk waren. Und neben Onkel J singt Maier noch einem anderen seiner Einflussgeber und Vorbilder ein kleines Ständchen, nämlich dem Schriftsteller Peter Kurzeck, der neulich bei ihm auf den Sofa saß. Kurzeck ist vor genau fünf Jahren verstorben, und Maier nimmt dessen posthum veröffentlichten Roman „Bis er kommt“ zum Anlass, um über Kurzecks vermeintliche Kommunikationssucht zu schreiben, über die vielen Telefonate, die Kurzeck in diesem Buch mit einem gewissen Jürgen führt. Und er schlussfolgert: „Ruft der Peter an, redet er fast immer nur von der Arbeit und wie es mit dem neuen Buch ist, und er erzählt seine Geschichten weiter, denn das ist sein Leben.“

Wobei man erwähnen muss, dass Kurzeck mit seinen Geschichten nie über das Jahr 1984 hinausgekommen ist, die Gegenwart seiner letzten zwanzig Jahre aus nichts anderem als den Geschichten seiner Vergangenheit bestand. Für Maiers Ortsumgehung dürfte dasselbe gelten – sein literarisch erinnertes Leben endet spätestens mit der Veröffentlichung seines Debütromans „Wäldchestag“ im Jahr 2000.

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