"weg" von Doris Knecht : Romantischer Röntgenblick

Mal schnell sich selbst finden: Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht hat mit "weg" einen kraftvollen Beziehungsroman geschrieben.

Carsten Otte
Wühlt gern in den Wunden ihrer Figuren. Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht, 53.
Wühlt gern in den Wunden ihrer Figuren. Die österreichische Schriftstellerin Doris Knecht, 53.Foto: Pamela Rußmann/Rowohlt Verlag

Georg hat sich in der ländlichen Provinz unweit von Wien eingerichtet. Als Jugendlicher wollte er nur eines, nämlich weg aus dem Heimatkaff und hin in die Großstadt, doch irgendwann hatte er genug vom urbanen Lifestyle und übernahm das Gasthaus der Eltern. Mittlerweile genießt er die Natur im Waldviertel, er fühlt sich weniger als Jäger, dafür umso mehr als Sammler, der wilde Himbeeren genauso schätzt wie selbstgesammelte Pilze. Zusammen mit seiner Frau Lea führt er den „Hirschen“, in dem regionale Spezialitäten serviert werden. Vor allem die Städter mögen das ehrliche Kochhandwerk mit Blümchen auf dem Teller. Auch Tochter Maya scheint sich wohlzufühlen im Familienbetrieb mitsamt rüstiger Seniorchefin und Hundeanschluss. Was für eine Idylle! Dann aber klingelt das Telefon. Georgs Ex ist am Apparat. Heidi sagt, Charlotte sei verschwunden.

„weg“ heißt der neue Roman der österreichischen Schriftstellerin Doris Knecht, tatsächlich klein geschrieben, und der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen: Immer wieder laufen die Figuren weg, vor ihren Partnern, vor ihrer Heimat, vor ihrem Leben. Und nicht immer kommen sie zurück.

Alle bekommen hier ihr Fett weg

Wenn man böse wäre, würde man sagen: Charlotte war ein Unfall. Jedenfalls hatten Georg und Heidi nur eine einzige heiße Nacht, und in der ist Charlotte entstanden. Damals wollte Georg nicht Vater werden, und vor allem wollte er nicht mit der für ihn viel zu spießigen deutschen und viel zu katholischen Heidi zusammen sein. Eine Abtreibung kam für die schwangere Heidi aber nicht in Frage, und so musste die Mutter das Kind allein aufziehen. Musste? Die Romane von Doris Knecht erzählen immer wieder von Menschen, die ihre Freiheit wählen und einen Preis dafür zu zahlen haben. Georg jedenfalls mag zwar über Heidis Reihenhausdasein im Frankfurter Speckgürtel lästern, sie im inneren Rechtfertigungsmonolog eine „hysterische Vorstadtdeutsche“ nennen. Aber dass er sie im Stich gelassen hat, lässt sich auch nicht leugnen.

Heidi ist ohnehin nicht zu beneiden. Nicht nur ihre Tochter ist verschwunden, auch ihr Gatte Martin ist weggelaufen. Leider hat Heidi sich in ihren Lebenslügen bequem gemacht hat, sodass sie Martins Flucht für eine „Midlife-Crisis light“ hält. Er wird schon wiederkommen, denkt sie sich, aber wir ahnen: Der Mann hat keine Zwischenkrise, er wird wegbleiben. Er trägt plötzlich ganz andere Klamotten, keine Karos und keine Kurzarmhemden mehr, sondern schickes Zeug in hellen Farben. Er hat einen neuen Job und macht ständig Sport in atmungsaktiver Laufkleidung. Natürlich gibt es eine Nebenbuhlerin. So darf sich Heidi gleich über zwei Männer ärgern, über den Weglauf-Martin und den Weglauf-Georg. Dennoch soll Charlottes abwesender Vater nun helfen, das gemeinsame Kind zu finden. Selbst wenn sie sich seit Jahren nicht gesehen haben, selbst wenn sie sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben.

Von Vietnam führt die Spur nach Kambodscha, aus dem Familiendrama wird eine Reiseerzählung

Der Roman wird von einer schonungslosen Erzählgöttin vorgetragen. Knecht nutzt die allwissende Perspektive, um die Schwächen und Ticks der Figuren rigoros auszubreiten. Das ist mal böse, mal amüsant, dann wieder bitter. Alle bekommen ihr Fett weg, und gerade deshalb behalten die Charaktere ihre Würde. Schmerzhaft soll es sein, wenn das Scheitern der Elternschaft erzählt wird, und der Schmerz ist gut verteilt.

Denn dass Georg und Heidi sich tatsächlich auf die Suche nach Charlotte machen, liegt auch daran, dass die Tochter krank ist. Sie leidet unter einer „substanzinduzierten Psychose“, die vom Kiffen ausgelöst wurde. Die Eltern befürchten, dass Lotte keine Medikamente mehr nimmt und dass es dann wieder zu einem katastrophalen Anfall kommt, zu unkontrollierbaren Aggressionen.

Georg und Heidi werden schon bald zu einer Reisegemeinschaft wider Willen. Denn sie erfahren, dass sich die Tochter in Vietnam aufhält. So fliegen sie nach Südostasien, was vor allem für Heidi eine Herausforderung ist, weil sie in ihrem ganzen Leben noch nie ein Flugzeug bestiegen hat. Es gehört zu der Erzählkunst von Doris Knecht, dass sie es schafft, in ihrem Suada-Tonfall diese Frau nicht nur als spleenig zu schildern, sondern ihr eine Entwicklung zuzugestehen, die sie dann doch sympathisch macht.

Tatsächlich ist Heidi die treibende Kraft. Sie gibt nicht auf. Sie überwindet ihre Ängste in der fremden Welt. Von Vietnam führt die Spur nach Kambodscha, aus dem Familiendrama wird eine Reiseerzählung, in der die eigenen Lebensentwürfe noch mal in Frage gestellt werden. Ein zentrales und oft variiertes Motiv in dem mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschwindigkeiten spielenden Roman ist dabei das Moped, auf dem es sich je nach Land und Lebenssituation sehr unterschiedlich fahren lässt: „Allein. Zu zweit. Zwei Männer. Zwei Frauen. Ein Mann und eine Frau, der Mann vorne, die Frau hinten; die Frau vorne, der Mann hinten. Ein Mann, eine Frau, dazwischen ein Säugling auf dem Arm der Frau …“

Auf sonderbare Weise sind Knechts Romane ohne Geheimnis.

Ein Baby auf dem Moped? Was hierzulande verboten wäre, ist in Vietnam Alltag. Das Moped erscheint hier nicht nur als Verkehrsmittel, sondern auch als Vehikel der Freiheit. Und als Gefährt der Liebe. Georg und Heidi saßen auch mal auf einem Moped. Das ist lange her und führte dazu, dass Heidi schwanger wurde. In Vietnam rollen sie wieder für kurze Zeit auf dem Zweirad, aneinandergeklammert, dennoch Distanz wahrend.

In der Fremde lässt Knecht die beiden über die Liebe nachdenken, und so entstehen kraftvolle Sätze, manchmal auch nur starke Halbsätze, die man sich anstreicht, weil sie ganz nebenbei ein modernes Konzept des Zusammenlebens entwerfen. Georg und Heidi sehen ein Liebespaar und wir lesen: „Die sehen aus wie Komplizen, wie Leute, die das gleiche Ziel haben, eine gemeinsame Zukunft, ein Heim, mehr Kinder, mehr Liebe. Trotzdem. Die Zeit. Sachen passieren. Dinge ändern sich.“ Zeitlich begrenzte Komplizenschaft – so nüchtern und so zwingend schön kann man die Liebe in der kapitalistischen Multioptionsgesellschaft beschreiben.

Die mit Kolumnen bekannt gewordene Doris Knecht ist im Grunde keine Schriftstellerin der leisen Töne. Sie zertrümmert lieber, wühlt in den Wunden. Dennoch wirken die Protagonisten im aktuellen Roman zerbrechlicher als die oft skurrilen Helden in ihren vergangenen Büchern. Auf sonderbare Weise sind ihre Romane ohne Geheimnis.

Was als literarische Schwäche ausgelegt werden könnte, ist aber ihre große Stärke. Sie durchleuchtet ihre Figuren mit einem antiromantischen Röntgenblick, um letzten Endes doch einen Rest Romantik zu retten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man ihre Bücher so gern verschenkt.

Doris Knecht: weg.Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2019,304 Seiten, 22 €.

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