Welttheater-Tag : "Die Kunst wird langsam erstickt“

Wo die Politik mit auf der Bühne steht: Theatermacher in Istanbul wehren sich gegen staatliche Eingriffe.

Kundgebung der Theaterplattform Kadiköy. Auf dem Transparent steht: „Tag des Theaters: Wir errichten eine Welt aus einem Traum“
Kundgebung der Theaterplattform Kadiköy. Auf dem Transparent steht: „Tag des Theaters: Wir errichten eine Welt aus einem Traum“Theaterplattform Kadiköy

Im Altkat-Theater in Istanbul steht die „Verwandlung“ von Kafka auf dem Spielplan, im Wechsel mit dem „Tagebuch der Anne Frank“. Und das kleine Theater im Stadtteil Kadiköy am asiatischen Ufer der Stadt ist immer voll, erzählt der Regisseur Nevzat Süs. Dabei haben Theaterfreunde in Kadiköy durchaus die Wahl: Rund 80 Theater gibt es in dem Stadtteil mit seinen 500.000 Einwohnern, das sind zehn Prozent aller Theater in der Türkei. Das ist mal eine gute Nachricht zum Welttheatertag an diesem Mittwoch.

Die Istanbuler Szene ist über den Bosporus nach Asien geflüchtet, seit 2013 die Gezi-Proteste niedergeschlagen wurden und das Klima in der Türkei kippte. Nicht nur das Theater, auch Musik-Clubs, Kneipen und Restaurants drängen seither nach Kadiköy. Hier regiert noch immer die Opposition, die kemalistische CHP, und erteilt bereitwillig Schanklizenzen und Veranstaltungsgenehmigungen. Im traditionellen Vergnügungsviertel Beyoglu im europäischen Teil Istanbuls, wo die Regierungspartei AKP im Rathaus sitzt, ist das schwierig geworden.

Niedergang der traditionellen Theaterszene in Beyoglu

Türkische Theaterfreunde hoffen deshalb, dass Kadiköy auch nach der Kommunalwahl am Sonntag in den Händen der Opposition bleibt. Die Chancen dafür stehen den Umfragen zufolge gut. Im Rennen um das Amt des Oberbürgermeisters der 15-Millionen-Stadt Istanbul liegt der CHP-Kandidat Ekrem Imamoglu fast gleichauf mit dem Bewerber der AKP, Binali Yildirim. In Kadiköy kann der CHP-Kandidat für das Amt des Bezirksbürgermeisters, Serdildara Odabasi, mit mehr als 60 Prozent der Stimmen rechnen.

Nevzat Süs, dessen eigene Truppe zu den alteingesessenen Theatern von Kadiköy zählt, beobachtet seit Jahren den Niedergang der traditionellen Theaterszene in Beyoglu. „Die großen Bühnen dort sind in den letzten Jahren vom Staat geschlossen worden – das Taksim-Theater und natürlich das Atatürk-Kulturzentrum, das die größte Bühne der Türkei war“, sagt Süs. „Und auf die kleinen, alternativen Theater hat die Stadtverwaltung Druck gemacht, bis sie abgewandert sind.“

Kritische Kunst im Einkaufszentrum ist kaum zu erwarten

Zwar legte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kürzlich den Grundstein für ein neues Kulturzentrum am Taksim-Platz in Beyoglu, das Istanbul mehrere modern ausgestattete Bühnen schenken soll. Doch dass in dem neuen Zentrum gesellschaftskritische oder provozierende Stücke auf dem Spielplan stehen werden, ist kaum zu erwarten.

Die AKP habe ein völlig anderes Verständnis von Theater, sagt Süs. Derzeit verweist die AKP-Stadtverwaltung gern an Säle in Einkaufszentren, wenn Theatermacher einen Platz für Aufführungen suchen. „Die Regierungspartei versteht unter Theater einen Ort, an dem die Leute ihre Kinder parken können, während sie zum Shopping gehen“, sagt Süs.

Doch in den Einkaufszentren unterliegen die Theater der Kontrolle der Betreiber und damit der Regierung. Kritisches Theater wird so unmöglich. „Ein Saal wird an die Künstler vermietet, aber wenn sich jemand von der Regierung über das Theaterstück beschwert, dann wird die Zusage zurückgezogen“, sagt Süs. „Das ist weniger aufsehenerregend als ein Verbot und genauso effektiv.“

Eingriffe in die Kunstfreiheit wiegen schwer

Direkte Aufführungsverbote sind seltener, weil sie gerichtlich angefochten werden können. In Ankara gab es einen Prozess um ein verbotenes Theaterstück, und in Istanbul verhinderte die Polizei letztes Jahr die Aufführung eines anderen Stücks, weil Erdogan sich kritisiert fühlte. Süs befürchtet, dass diese Eingriffe in die Kunstfreiheit früher oder später in Selbstzensur münden. Das Ergebnis seien Theatermacher, „die immer vorsichtig sind und gut überlegen, was sie sagen dürfen und was nicht. Die Kunst wird dadurch langsam erstickt.“

Um dieser Aussicht etwas entgegenzusetzen, hat Nevzat Süs die Theaterplattform Kadiköy mitbegründet, der inzwischen rund 60 Theater angehören. Gemeinsam kämpfen die Künstler darin für die Zukunft des Theaters, etwa mit der Aktion „Nachbarschaftstheater“. Dabei unterrichten Schauspieler und Regisseure die Zuschauer. Sie bringen ihnen bei, wie man Theaterstücke analysiert, schulen sie in den Grundtechniken der Schauspielerei und lehren sie Theatergeschichte, Dramaturgie und Regie. Ausgestattet mit diesem Wissen soll das Publikum „besser und bewusster ins Theater gehen“, sagt Süs.

Ein neues, aufgeklärtes Publikum wächst heran

In Abendkursen an sechs Theatern läuft der viermonatige Kurs für die Zuschauer, und das jetzt schon zum vierten Mal mit rund 400 Teilnehmern – so bildet sich in Kadiköy ein ziemlich anspruchsvolles Theaterpublikum heraus. Das Interesse am Theater sei größer als je zuvor, sagt Nevzat Süs, und das sei ganz normal: Je mehr Fernsehen, Medien und der öffentliche Diskurs in der Türkei gleichgeschaltet werden, desto mehr zieht es die Menschen in die Freiheit des Theaters.

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