• Wenn Liebe in Verachtung umschlägt: Kathy Page erzählt in „All unsere Jahre“ von den Wirren einer Langzeitehe

Wenn Liebe in Verachtung umschlägt : Kathy Page erzählt in „All unsere Jahre“ von den Wirren einer Langzeitehe

Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen Harry und Evelyn, 70 Jahre hält sie. Was am Ende ihrer Beziehung bleibt, erkundet der Roman „All unsere Jahre“.

Die Zeit macht vor nichts Halt, auch der Liebe nicht. Zwei kaputte Eheringe.
Die Zeit macht vor nichts Halt, auch der Liebe nicht. Zwei kaputte Eheringe.Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Wo die romantische Liebe herrscht, sollten Machtspiele keinen Platz haben, lautet bei vielen Paaren der Wunsch. Wie sich die Kräfte bei Harry und Evelyn ausbalancieren, deutet sich allerdings schon im Originaltitel von Kathy Pages Roman „All unsere Jahre“ an.

„Dear Evelyn“, der achte Roman der britisch-kanadischen Autorin, ist zugleich ihr erstes Buch auf Deutsch. Am bitteren Ende eines 70-jährigen Ehelebens bilanziert Harry: „Evelyn, Evelyn! Er hatte sie sein ganzes Erwachsenenleben über geliebt, lange nachdem der Glanz ihrer beider Jugend und deren Illusionen abgetragen war und sie mit dem, was sie im Kern ausmachte, und einer Sammlung von mitunter widersprüchlichen Erinnerungen zurückgelassen hatte … Er hatte ihr nie etwas in seiner Macht Stehende versagt, und jetzt verlangte es sie nach seiner Abwesenheit.“

Page erzählt diese Ehegeschichte über den Zeitraum von 70 Jahren in großen zeitlichen Sprüngen und mit häufigen Perspektivwechseln zwischen Harry und Evelyn. Daraus entstehen faszinierende Doppelansichten und eine großartige psychologische Studie über Nähe und Distanz, über die wechselseitige Charakterbildung im Eheleben und die Ohnmacht beim Streit um Nichtigkeiten: „Nie hätte er gedacht, dass sie mal so sein würden. Doch lebt man erst einmal zusammen, lernt man schnell. Wie abweisend er sein kann. Wie sensibel Evelyn darauf und auf jede Form von Kritik oder mangelndem Respekt reagiert, sei sie real oder von ihr als solche wahrgenommen.“

Dabei war es Liebe auf den ersten Blick, die Harry und Evelyn in den dreißiger Jahren in einer Londoner Bibliothek zusammenführte. Die gemeinsame Neigung zur Literatur wird zum ersten Bindeglied: Harry liebt die Poesie, Evelyn schätzt mehr die Prosa.

Beide kommen aus kleinen Verhältnissen; beide eint die Sehnsucht nach einem besseren Leben, was sich mit Hausbau und einer Familie mit drei Töchtern auch erfüllt.

„All unsere Jahre“ ist aber auch ein beeindruckender zeithistorischer Roman: Der Erste Weltkrieg wirft immer noch lange Schatten, bis zum Zweiten Weltkrieg werden nur noch wenige Jahre vergehen.

Beobachterin mit Feingefühl. Die britisch-kanadische Autorin Kathy Page.
Beobachterin mit Feingefühl. Die britisch-kanadische Autorin Kathy Page.Foto: Billie Woods

Da ist etwa Harrys kriegsversehrter Lehrer Whitehorse, der seinen größtenteils desinteressierten Schülern mit den Mitteln der Poesie vermitteln möchte, dass der Krieg ein „höllischer Ort“ ist.

Harry, der zeitlebens ein verkappter Poet bleiben wird, ist überaus empfänglich für diese Botschaft – doch aus Pflichtgefühl meldet er sich am 2. September 1939 freiwillig zum Militärdienst und dient später in Übersee. Er wird zeitlebens unter einem Kriegstrauma leiden.

Am Anfang der Liebesbeziehung steht also eine langjährige Trennungsphase. Das verhindert vielleicht auch das wechselseitige Erkennen der Persönlichkeitskerne: ebenjener Charaktermerkmale, die sich später – auch unter dem Einfluss von Krankheit und Alter – verstärkt ausbilden werden.

Hier die willensstarke, manchmal herrschsüchtige Evelyn, dort der nachgiebige Harry, der zudem mit großer Empathie- und Leidensfähigkeit ausgestattet ist. „Es half beträchtlich, sie von innen heraus zu begreifen. Sich auf diese Weise mit ihr in Einklang zu bringen.“

„All unsere Jahre“ ist klug komponiert und berührt in literarischer Form paartherapeutische Fragen: Wieso können Liebende plötzlich so gemein zueinander sein? Warum verschwinden die großen Gefühle eines Tages?

Wie kann es sein, dass aus dem geliebten Ehemann ein „lästiger Mistkerl“ geworden ist? Und welche Erinnerungen an welche Menschen begleiten uns in Krankheit und Alter hinein? Über den Geschehnissen schwebt der stets zärtliche Blick der Autorin auf ihre Figuren.

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