Werke von Alf Lechner und Rupprecht Geiger : Kreis und Rechteck in Ingolstadt

Minimalistische künstlerische Überhöhungen: Das Lechner-Museum in Ingolstadt zeigt Werke des großen Stahlbildhauers Alf Lechner und des abstrakten Malers Rupprecht Geiger.

Erhellende Künstlerbegegnung in der Autostadt. Vorn eine Skulptur von Lechner, hinten zwei Bilder von Geiger.
Erhellende Künstlerbegegnung in der Autostadt. Vorn eine Skulptur von Lechner, hinten zwei Bilder von Geiger.Foto: Werner Huthmacher

Künstlerfreundschaften und Künstlerkollektive gehören gegenwärtig zum Interessantesten im Kunstbetrieb. Was können sich diese ausgeprägten Individualisten gegenseitig geben, was nehmen sie sich womöglich an Kraft? Längst gilt das große Genie als gestrig. Kreative Leistung entsteht aus gemeinschaftlichem Tun, so lautet auch die Botschaft der Berlin-Biennale.

Für die Documenta 15 in zwei Jahren wurde mit dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa gleich eine zehnköpfige Gruppe für den Kuratorenjob engagiert.

Die kleinste Einheit aber bilden zwei. Die Ausstellung „Rot x Stahl“ im Ingolstädter Lechner-Museum (bis 14.6.), das zum internationalen Museumstag am 17. Mai nach der Corona-Pause wiedereröffnet, stellt zwei Kämpen der alten Schule einander gegenüber: Alf Lechner (1925 – 2017), den großen Stahlbildhauer der deutschen Nachkriegsmoderne, und Rupprecht Geiger (1908 – 2009), den wichtigsten abstrakten Maler dieser Phase. Obwohl sie überzeugte Einzelgänger waren, verband die beiden Urbayern doch eine tiefe Freundschaft.

Bei aller Gegensätzlichkeit der Materialität zeichnet ihr Schaffen eine erstaunliche Ähnlichkeit aus.

Beide hielten bis zu Geigers Tod 2009 Kontakt

Beide – der eine in Stahl, der andere in Farbe – entwickelten ihre künstlerische Sprache aus den Grundformen Kreis und Rechteck heraus, beide suchten mit ihrem jeweiligen Werkstoff zur Essenz vorzudringen und eine minimalistische Überhöhung zu erzielen. Wer ihre Arbeiten in der letzten verbliebenen historischen Werkhalle des Automobilherstellers Audi beisammen sieht, staunt über die Nähe der beiden konträren Typen, die sich in den siebziger Jahren in München begegneten.

Bis zu Geigers Tod hielten sie Kontakt und besuchten sich gegenseitig in ihren Ateliers.

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Kein Wunder, dass die Freunde immer schon zusammen ausstellen wollten, zumal als Alf Lechner in Ingolstadt endlich die lang gesuchte Halle fand, das eigene Museum. Doch beide sollten die Doppelausstellung nicht mehr erleben. Nun schenkt sich Ingolstadt selbst zum zwanzigjährigen Bestehen des Lechner-Museums diese Künstlerbegegnung, eine Feier der abstrakten Kunst, die für beide Werke erhellend ist.

Die Begeisterung für Lechners rostige Stahlskulpturen war in Ingolstadt allerdings nicht immer so groß wie jetzt zum Jubiläum, wo gar von einem Bilbao-Effekt die Rede ist, einer kulturellen Aufwertung des ehemaligen Industriestandorts durch den Bildhauer.

Als Ende der neunziger Jahre der damalige Bürgermeister eine Lechner-Skulptur für den öffentlichen Raum erwerben wollte, schlug ihm Unverständnis entgegen. Unter Autobauern gilt Rost, dem Lechner mit seinen Werken so formvollendet huldigte, als natürlicher Feind. Der kulturaffine Bürgermeister setzte sich über die Bedenken seines Stadtrats hinweg, indem er die Skulptur einfach mithilfe von Spenden erwarb.

Inzwischen stehen fünf weitere Lechner-Werke an markanten Stellen im Stadtraum verteilt, im Klenze-Park und vor dem Neuen Schloss. Heute klopft man sich in Ingolstadt gegenseitig auf die Schulter, dass der deutsche Chillida oder auch Serra. wie er gern genannt wird, hier eine Heimat gefunden hat.

Lechner zog 2001 nach Obereichstädt

Die auffälligste Skulptur – eine „Würfel Konjunktion“ bestehend aus zwei metergroßen Würfeln, von denen der eine über Eck im anderen ruht – ragt an der Zufahrt zum Lechner-Museum auf. Es befindet sich passenderweise in einer ehemaligen Fertigungshalle der Auto Union, in der einst Motorräder lackiert wurden.

Während das Museum im Inneren noch den Charme einer Fabrik besitzt, verleihen die außen vorgeblendeten Aluminiumplatten dem schlichten Bau einen Schick, der stark im Gegensatz zur ruinösen Umgebung steht. Sie zeugt noch von der industriellen Vergangenheit dieses Viertels, als Audi nahe dem Stadtzentrum produzierte.

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Die alte Adresse zwischen der historischen Stadtmauer und Esplanade soll die Kultur nun mit Leben füllen. 2021 eröffnet hier das Museum für Konkrete Kunst, das dann zusammen mit dem Theater und Armeemuseum am Ufer der Donau eine Achse bildet.

Einen ähnlichen Gesinnungswandel der Kommune erlebte Camilla Lechner, als sie 2001 mit ihrem Mann nach Obereichstätt im idyllischen Altmühltal zog, unweit von Ingolstadt. Dort war man ebenfalls zunächst skeptisch, als der Bildhauer das 23 000 Quadratmeter große Areal eines ehemals Königlich Bayerischen Eisenhüttenwerks erwarb.

Wo einst Öfen für die adeligen Residenzen und Herdplatten für die bürgerlichen Haushalte gegossen wurden, richtete er sich sein Atelier ein. Hinter den historischen Werkhallen befindet sich ein stillgelegter Steinbruch, der nach Schließung der Gießerei in den dreißiger Jahren seinen Betrieb aufnahm. Heute liefert er die atemberaubende Kulisse für den Skulpturenpark (Anmeldung: info@alflechnerstiftung.com), den Lechner kurz nach seinem Einzug anlegen ließ.

Seine auf verschiedenen Terrassen platzierten tonnenschweren Stahlskulpturen bilden mit den steil aufragenden Jura-Kalkstein-Felswänden ein spektakuläres Ensemble. Dem Besucher kommt schnell der Skulpturenpark von Eduardo Chillida nahe dem spanischen San Sebastian in den Sinn, dessen rostrote Skulpturen dort allerdings auf begrünten Hügeln stehen. Die Werke beider Bildhauer entfalten ihre heroische Aura durch den Kontrast zur Umgebung.

Im Suhrkamp-Gebäude gibt es gerade Werke von Lechner und Geiger zu sehen

Ähnlich wie in Ingolstadt markiert auch in Obereichstätt seit Kurzem eine „Würfel Konjunktion“ den Lechner-Standort. Als unübersehbare Landmarke steht die Skulptur an der Kreuzung, wo es von der Bundesstraße zum kleinen Örtchen hin abgeht. Auch hier hat man sich erst nach und nach mit dem Künstler angefreundet und schließlich erkannt, welche Anziehungskraft sein Werk besitzt, dass Kultur ein Imagefaktor ist.

Der Lechner-Sohn Daniel McLaughlin kümmert sich um beide Adressen – um das Museum in Ingolstadt und den Skulpturenpark in Obereichstätt, wo seine Mutter weiterhin im Atelier lebt.

Im dortigen „Papierhaus“ sind als Fortsetzung der Ingolstädter Doppelausstellung Zeichnungen von Alf Lechner und Rupprecht Geiger zu sehen. Erstaunlicherweise wirken hier die mit einem einzigen Strich gemachten Zeichnungen Lechners leicht, ja schwerelos, während die roten und pinkfarbenen Kreise Geigers massiv und schwer erscheinen.

Als weitere Dependance gibt es seit Kurzem die McLaughlin-Galerie im neuen Suhrkamp-Gebäude in Berlin (Linienstraße 32), die passenderweise ebenfalls mit einer Doppelausstellung von Alf Lechner und Rupprecht Geiger eröffnet hat. Den beiden Ur-Bayern hätte es vermutlich gefallen, dass sie gemeinsam in der Hauptstadt ein Zeichen setzen und mit ihrer künstlerischen Verbundenheit den Startschuss für einen Neubeginn geben.

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