Wettbewerbsfilm „Le sel des larmes“ : Tischler mit Weltschmerz, sucht Traumfrau

Schwarz-Weiß-Bilder statt Instagram-Filter: Philippe Garrel zeigt im Wettbewerb „Le sel des larmes“ einen jungen Narzissten, der in Paris die Liebe sucht.

Esther Buss
Liebe im Dreieck. Protagonist Luc und eine seiner Gefährtinnen im Film.
Liebe im Dreieck. Protagonist Luc und eine seiner Gefährtinnen im Film.Foto: © RECTANGLE PRODUCTIONS – CLOSE UP FILMS

Am Anfang stehen die Ankunft eines jungen Mannes und das Versprechen auf tiefe Empfindungen, am Ende ein unwiederbringlicher Fortgang und das Schließen einer Tür. Dazwischen: Begegnungen und Abschiede, Nähe und Entfremdung, das Aufwallen der Gefühle und ihr Verschleiß, männlicher Narzissmus und weibliches (aber auch männliches) Leiden.

So geht das seit vielen Jahren und auf geradezu serielle Weise in den Filmen von Philippe Garrel, dem großen französischen Erzähler heterosexueller Beziehungsdialektiken. So geht es auch in „Le sel des larmes“, seinem mittlerweile 27. Spielfilm und dem ersten in einem Berlinale-Wettbewerb.

Luc (Logann Antuofermo) kommt für das Studium an einer Möbelbauerschule nach Paris. Er folgt damit dem Wunsch seines Vaters (André Wilms), der ebenfalls Tischler ist.

In einer frühen Szene sieht man sie gemeinsam einen Sarg zimmern. Luc ist dann aber weniger mit der Kunsttischlerei beschäftigt als damit, die Liebe zu suchen. Djemila, Geneviève und Betsy sind die drei Frauen, die sich in seinem unbeständigen Begehrensstrom verfangen.

„Du bist ein Sanfter“, meint Djemila (Oulaya Amamra) mit aufgeweichter Stimme zu ihm, bevor er sie feige sitzen lässt, ebenso wie Geneviève (Louise Chevilotte), eine Jugendliebe, die ihm zufällig über den Weg läuft. Erst in Betsy (Souheila Yacoub) glaubt er eine „ebenbürtige“ Liebe gefunden zu haben. Doch eben die öffnet die Beziehung für einen Dritten.

Wie fast alle von Garrels Filmen ist auch „Le sel des larmes“ in berückend schönen Schwarz-Weiß-Bildern in Cinemascope gedreht, die zwischen Verschattung und gleißendem Licht changieren. Renato Berta hat sie gestaltet.

Das Werk spielt in einer migrantisch geprägten Gegenwart, die aber ganz der Atmosphäre des Post-Nouvelle-Vague-Kinos verhaftet ist. Telefonnummern werden noch mit dem Stift notiert, Nachrichten kommen per Brief. Alles ist ärmlich und prekär. Und Dreiecksverhältnisse: Sie entstehen aus beengten Wohnverhältnissen.

[23.2., 9.30 Uhr (HdBF) u. 18 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 27.2., 12.30 Uhr (Zoo Palast 1), 1.3., 12.45 Uhr (HdBF)]

Garrel betrachtet das Geschehen mit leichter Distanz, aber doch in die Tiefe hinein. Gefühlsintensitäten und -abstumpfungen modulieren sich über wechselnde und sich ausweichende Blicke, über das Schweigen – seltener über Worte – wie auch über die Anordnung der Figuren im Bild.

Lucs Selbstsucht und seine Fixierung auf Intensitäten und Attraktionen lassen ihn ziemlich kläglich aussehen. Oft steht er ratlos und aufgelöst in der Gegend herum. Der Blick des Films kann sich dennoch nur selten von ihm lösen. Auch wenn er im Schmerz der Frauen einen Raum entfaltet, den er Luc verwehrt.

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