Wie der Mythos Paris entstand : Auf der Spur der fremden Geliebten

Von Paris hat jeder Bilder im Kopf. Eine Ausstellung in Marbach will zeigen, dass es deutsche Autoren und Fotografen waren, die diese Faszination schufen.

Mythos und Klischee. Pariser Café, 1977 fotografiert von Barbara Klemm.
Mythos und Klischee. Pariser Café, 1977 fotografiert von Barbara Klemm.Foto: Barbara Klemm

Paris gehört heute zu den meistbesuchten Städte der Welt. Notre Dame, Louvre, Invalidendom, Sacré-Cœur, Centre Pompidou, Arc de Triomphe, die Seine-Brücken und der Jardin du Luxembourg fehlen in keinem Reiseführer, wurden tausendmal beschrieben und fotografiert. Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach wartet jetzt in einer Ausstellung mit der These auf, es seien deutsche Schriftsteller gewesen, die diesen Mythos von der Stadt an der Seine begründet hätten. Unter dem Titel „Die Erfindung von Paris“ versucht die von Ellen Strittmatter und Susanna Brogi konzipierte Schau mit über 200 Exponaten zu zeigen, wie das Bild dieser Stadt in der Fantasie von Autoren entstanden ist und unsere Wahrnehmung von ihr geprägt hat.

Man sieht nur, was man weiß, lautet ein alter Reiseführer-Spruch. Jeder Paris-Besucher heute wandelt in den Spuren derer, die vor ihm die Stadt durchstreift haben, und bewegt sich damit in einem Geflecht von Mythen und Klischees über das, was es da zu sehen und zu erfahren gibt. Man hat die Wahl: Paris ist die „Hauptstadt der Revolution“ (Heinrich Heine), die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), die „Hauptstadt der Welt“ (Joseph Roth), die „Stadt der Städte“ (Siegfried Krakauer), die „Heimat des Fremden“ (Franz Hessel), die „erdichtete Stadt“ (Yvan Goll), „Sinnbild und Festung altererbter Lebenshöhe“ (Ernst Jünger), die „fremde Geliebte, die nie zu erobern sein wird“ (Paul Nizon). Es ist die Stadt der Liebe und des Rausches, der Flaneure und der Exilanten, der Surrealisten und der Mode, der Existenzialisten und der Poststrukturalisten, der modernen Technik und der Fotografie.

Max Frisch war deprimiert: Alles schon beschrieben, und dazu meisterlich

Dieses ganze Vorwissen kann einen manchmal deprimieren, wie eine Notiz von Max Frisch aus seinem 1950 veröffentlichten „Tagebuch 1946–1949“ zeigt: „Die Lust, Paris zu skizzieren, erstirbt doch immer wieder im Bewusstsein, wer alles es schon getan hat und dazu meisterlich … Es gibt nichts in dieser Stadt, was nicht Millionen schon getan haben, gesehen, gemalt, geschrieben, gelebt.“ Auch Undine Gruenter, die seit 1987 in Paris lebte, wusste um dieses Problem. „Ein abgegrasteres Feld als diese Stadt hätte sich niemand zum Fluchtpunkt wählen können“, bemerkt sie in ihrem Roman „Ein Bild der Unruhe“. Um dann allerdings fortzufahren: „Doch manchmal dachte ich, unterzutauchen in einen Gemeinplatz, das könnte ein Anfang sein.“

Wer diese Gemeinplätze nicht scheut, sich vielmehr von Umberto Ecos Diktum leiten lässt, zwei Klischees seien lächerlich, hundert dagegen ergreifend, der ist in der Marbacher Ausstellung am richtigen Platz. Sie lädt die Besucher ein zum Flanieren entlang der Paris-Bilder, die deutschsprachige Schriftsteller in den letzten zweihundert Jahren entworfen haben. Siebzehn Autoren haben die beiden Kuratorinnen ausgewählt und sich dabei überwiegend auf die Bestände des Marbacher Literaturarchivs gestützt. Nur für die drei Paris-Besucher, die chronologisch an erster Stelle stehen, nämlich Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und Walter Benjamin, musste man auf Leihgaben befreundeter Archive zurückgreifen. Der Exilant Heine mit seinen Feuilletons aus der französischen Hauptstadt, so lautet die These, ist der Erfinder des Paris-Diskurses in der deutschen Literatur; in Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ wird Paris zum Prototyp der modernen Großstadt mit all ihren beängstigenden Aspekten, und Benjamins unvollendetes Projekt über die Pariser Passagen wollte aus diesen nichts Geringeres destillieren als eine Theorie der kapitalistischen Moderne.

Rom war das Ewig-Gültige, Paris die Metropole der Modernität

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die 1920er und 1930er Jahre mit Franz und Helen Hessel, Claire und Yvan Goll, Kurt Tucholsky, Siegfried Krakauer und Joseph Roth. War Paris in den zwanziger Jahren für diese Autoren nach dem überstandenen Weltkrieg das Tor zur großen Welt des schönen Lebens, der Mode und der Kunst, so wird es für die in Deutschland verfemten Autoren in den Dreißigern zum Ort des Exils. 1940 kommen dann andere Deutsche als militärische Besatzer in die französische Hauptstadt, unter ihnen der Offizier Ernst Jünger und der junge Historiker Felix Hartlaub. Jüngers Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit, nach dem Krieg unter dem Titel „Strahlungen“ veröffentlicht, waren eines seiner erfolgreichsten, freilich auch umstrittensten Bücher. Die Nachkriegsgeneration ist dann durch Paul Celan, Peter Handke, Paul Nizon und Undine Gruenter vertreten.

Während Rom für die deutschen Autoren seit Goethe das Klassische, Ewig-Gültige verkörperte, sahen sie in Paris die Metropole der Modernität, so die beiden Kuratorinnen. Aber vielleicht ist das nur dem deutschen Blick geschuldet; aus der Perspektive der Amerikaner von Henry James über Gertrude Stein, Ezra Pound und T. S. Eliot bis hin zu den Expatriates der „Lost Generation“ war Paris eher das Gegenbild zur dynamischen amerikanischen Moderne, nämlich „merry old Europe“.

Weil sie der These, die Schriftsteller hätten den Mythos von Paris erfunden, dann doch nicht ganz trauten, haben die Ausstellungsmacher eine zweite nachgeschoben: Auch die Fotografie als ein Leitmedium der Moderne hat unser Bild von Paris geprägt. Zu den Manuskripten kommen in Marbach also die Fotogalerien: Mario von Bucovich fotografiert 1928 die Pariser Plätze und Boulevards, Yvon (bürgerlich: Jean Pierre Yves Petit) verewigt die Sehenswürdigkeiten der Stadt auf Postkarten (von denen auch Benjamin eine verschickt), während Georg Stefan Troller mit seinen Aufnahmen das Klischee von den pittoresken Hinterhöfen in den ärmeren Vierteln der Stadt bedient. Gisèle Freund porträtiert 1938 Benjamin bei seinen Recherchen in der Nationalbibliothek, Barbara Klemm Peter Handke im Bistro. Und mit Mirko Krizanovic’ Aufnahmen der Solidaritätsdemonstrationen nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ 2015 wird noch einmal der Mythos von Paris als Hauptstadt der Freiheit und der Revolution beschworen.

bis 31. März 2019. Der Katalog umfasst 352 Seiten und kostet 30 Euro.

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