Kultur : Wie er leuchtet

Eine Weimarer Rede über Goethe, das Klima und die Kunst des Versagens / Von Thomas Brussig

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In meinem Deutschunterricht – ich bin in der DDR in die Schule gegangen – versuchte uns die Deutschlehrerin noch beizubringen, dass Goethe im Herzen eigentlich Kommunist war und erst Karl Marx kommen musste, um die Worte zu prägen, die Goethe zu seinem Empfinden noch fehlten.

Dieses „Goethe war einer von uns“ ist das Missverständnis, ja, die Verzerrung, die ihn wohl stets begleitet hat. Goethe war keiner von uns, auch heute nicht. Goethe war Goethe. Freiheit ja, Demokratie nein. Zuverlässige Eliten sollten die Geschäfte führen und dabei ihrer Verantwortung und nicht einer Mehrheitsmeinung folgen. Heute würde man so eine Haltung als antidemokratisch und ultrakonservativ brandmarken. Natürlich würde Goethe auch heute schreiben und veröffentlichen und diskutiert werden – aber wir kämen nicht auf die Idee, in ihm einen staatstragenden Dichter zu sehen. Er wäre ein Außenseiter wie Botho Strauß.

Der Goethe, den wir heute vorfinden, ist einer, der kanonisiert, in Zitaten schockgefroren, zum Klassiker erklärt und auf Sockel entsorgt wurde. Da lässt er uns in Ruhe, da können wir sagen: Einer von uns. Er kann sich ja nicht wehren. In uns Menschen scheint eine Beschränktheit zu stecken: Wir wollen, obwohl es aller Erfahrung widerspricht, andere Menschen auf einen Nenner bringen. Wollen sie griffig haben. Als wäre das Leben wie eine Puppenstube. Nur wir selbst und unsere Nächsten dürfen widersprüchlich sein.

Natürlich steckte Goethe auch voller Widersprüche. Das Weibliche anbeten und gleichzeitig die Frauen geringschätzen – das ist Goethe. Dass der frühe Goethe und der späte Goethe so verschieden sind, als hätte man zwei unterschiedliche Dichter vor sich, wissen wir schon länger. Spätestens, seitdem die Goethe-Forschung ein bisschen was von Boulevardberichterstattung bekommen hat und uns in Kenntnis setzt über sein seltsames Eheleben und sein kaltes, funktionales, ja herzloses Verhältnis zu seiner Mutter, ahnen wir, wen wir uns da ausgesucht haben, nämlich einen, den sich kaum eine Frau zum Mann und kaum eine Mutter zum Sohn wünscht.

Dass der Mensch Goethe im Leben nicht so war, wie es sich für eine Sockelfigur ziemt, werden wir ihm verzeihen. Wir haben auch einem anderen erst im letzten Sommer eine frühe, dann jahrzehntelang geheimgehaltene Verfehlung nachgesehen. Dass unsere Leuchttürme Risse haben und mitunter etwas schief in der Landschaft stehen, daran haben wir uns gewöhnt. Das heißt, wir haben uns noch nicht daran gewöhnt. Denn wir haben ja keine. Nicht aus Mangel an interessantem Personal, sondern aus Skepsis. Diese Skepsis rührt von den unrühmlichsten zwölf Jahren deutscher Geschichte her, und sie wäre sogar angebracht, wenn man jene Jahre als einen Kulminationspunkt deutscher Geschichte auffasst. Sie wäre unberechtigt, wenn man sie als fürchterlichste Entgleisung der deutschen Geschichte versteht.

Die Antwort auf die Frage „Kulmination oder Entgleisung“ haben die Deutschen selbst gegeben, und nachdem längst auch klar ist, dass die deutsche Einheit keine Stunde null für ein berüchtigtes und dunkel geahntes Viertes Reich war, ist der Vorwurf an jegliche Tradition, geistiger Wegbereiter des „Dritten Reichs“ gewesen zu sein, in seiner Pauschalität unzutreffend. Dies erlaubt uns, uns von unseren Genies auch wieder faszinieren zu lassen, sie zu feiern oder uns zumindest für sie zu interessieren. Alexander von Humboldt feierte erst als „Spiegel“-Titel, dann in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sicherlich die spektakulärste Wiederauferstehung in unserem Bewusstsein. Auch der nur wenige Jahre zurückliegende, überwältigende Erfolg der Christiane-Vulpius-Biografie von Sigrid Damm, „Christiane und Goethe“ zeigte: Es gibt ein breites Interesse für diese Epoche und für ihre Menschen. Wir sind bereit, uns von einem in der Weltgeschichte herumstolpernden und am Rande der Lächerlichkeit agierenden Universalgenie Humboldt ebenso in den Bann ziehen zu lassen wie von dem notorisch schlecht gelaunten Carl Friedrich Gauß und dem miserablen Ehemann Goethe.

Warum nur hat die Beschäftigung mit Goethe immer so einen Geruch von „Du schreibst jetzt hundertmal: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“? Was immer nur erwähnt, aber nie wirklich erzählt, nie ernst genommen wurde: seine universalen Begabungen und Interessen. Dichter war er über weite Strecken seines Lebens doch nur im Nebenberuf. Genauer: Mit zwanzig hätte er von sich gesagt, er sei Dichter. Mit dreißig hätte er von sich gesagt, er sei Minister. Ein Minister, der für den Bergbau, den Straßenbau und sogar das Heereswesen im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach zuständig war, und den diese Tätigkeit auch voll ausfüllte. Er fühlte sich nicht geknechtet und seiner wahren Bestimmung vorenthalten, nein, er nahm die Herausforderung an. Er war – es ist fast peinlich, das von Goethe zu sagen – ein hervorragender Bürokrat. Jahrzehntelang leitete er wie nebenbei ein Theater, spielte in vielen Aufführungen selbst mit. Mit siebenunddreißig hätte Goethe von sich gesagt, er sei Maler, mit sechzig – Naturforscher.

Dieses tiefe Interesse für die Natur hat ihn immer begleitet. Goethe kam als Autodidakt in die Naturwissenschaft, und er betrieb Wissenschaft so, wie er sich Wissenschaft vorstellte: als Erfahren, Schauen, Beobachten, Betrachten, Verknüpfen, Entdecken, Erfinden. Eigentlich betrieb er keine Wissenschaft im heutigen Sinne, also eine Disziplin, die ihre Wahrheit streng auf die Aussagen reduziert, die sich in Experimenten bewiesen haben – für ihn zählte, was sich aus sinnlich Erfahrbarem ableiten ließ.

So wurde er zu einem Universalgelehrten von Rang. Der schon als Bergbauminister in die Bergwerke und Stollen ging, um Gesteine und Minerale zu betrachten (nach ihm wurde ein Mineral benannt – das Goethit). Der davor bereits als erster Mensch den Brocken im Winter bestiegen hatte, was zu der damaligen Zeit als außerordentliche Leistung galt. Der Magnetismus und Elektrizität untersuchte. Der über Jahre hinweg Barometerstände notierte, sich mit den Farben des Himmels und den Formen der Wolken beschäftigte. Der in einer Weimarer Nacht prophezeien konnte, dass im selben Moment irgendwo ein Erdbeben stattfindet – was sich Wochen später mit der Depesche, ein Erdbeben habe in genau jener Nacht halb Messina zerstört, auch bewahrheitete. Der anatomische Studien trieb, Eichhörnchen und Biber beschrieb. Von seiner Farbenlehre wissen die meisten. Dass er sie entwickelte, weil ihm, salopp gesagt, die herrschende Vorstellung, dass Farben nur Licht seien, das gebrochen wurde, vulgär anmutete, ist weniger bekannt. Nein, Farben sind „Taten und Leiden des Lichts“, so Goethe. Seine naturwissenschaftlichen Überlegungen gehören zum Schönsten, Poetischsten und Plastischsten, was in der Wissenschaft geschrieben wurde.

Er suchte jahrzehntelang die UrPflanze und das Ur-Gestein. Gemeint war jedoch kein konkreter Stein, keine konkrete Pflanze, sondern die Idee einer Pflanze oder eines Steines, aus dem sich alle existierenden Pflanzen und Steine ableiten. Hinter der Formenvielfalt der Natur verbirgt sich, so sein Ansatz, eine wunderbare Ordnung.

Es scheint kein Naturphänomen gegeben zu haben, für das sich Goethe nicht interessierte. Seine Interessen und Aktivitäten waren so mannigfaltig, dass mir nur noch Leonardo da Vinci einfällt, der ähnlich universal tätig war. Und wie das große Renaissance-Genie war auch Goethe einer, dem das Beginnen lag und den das Vollenden langweilte. Das war übrigens auch in seinem literarischen Wirken so. In seinem Schaffen bewältigte er permanent Berge von Arbeit, so dass er selbst produktive Kritik als überflüssig und sinnlos empfand: Da, wo die hinzielen, bin ich doch längst nicht mehr, und was ich abgeschlossen habe, das interessiert mich nicht. Wenn es wirklich so war, dann war Goethe vielleicht doch einer von uns. Wenn auch nur kurz, denn im nächsten Moment war er schon wieder woanders. Ich habe fast den Verdacht, dass hier ein Missverständnis vorliegt, wenn wir ihn als Klassiker, als Vollender also, auffassen. Tatsächlich war er wohl eher einer, der Vorläufigkeiten in die Geisteswelt tupfte.

Goethes Naturauffassung könnte heute den Rückenwind des Zeitgeists haben, denn wir ahnen, dass uns das Diktum, die uns umgebende Natur sei nur eine zufällige Momentaufnahme eines Prozesses namens Evolution nicht genügend Verantwortungsbewusstsein gegenüber dieser Natur beibringt. Die gefühlte Krise unserer Naturwissenschaften, die sich aus der Fremdheit der un-sinnlichen und anschauungsarmen Beschäftigung mit ihren Gegenständen ergibt, ist evident. dass die Menschheit sehenden Auges in die Klimakatastrophe rast, ohne sich von den seit Jahrzehnten vorgetragenen Warnungen der Wissenschaft beeindrucken zu lassen, hat nicht nur mit der Trägheit und Dickfelligkeit der Menschen zu tun, sondern auch mit dem Kompetenzverlust, den eine anschauungsarme und von unserer Erfahrung entkoppelte Wissenschaft erlitten hat.

Der Naturforscher Goethe hat sich mit traumwandlerischer Sicherheit stets für die Wege entschieden, die im späteren Wissenschaftsbetrieb nicht zu den Autobahnen wurden. Kaum eine seiner Auffassungen setzte sich durch. Das Bleibende wiegt die Irrtümer bei weitem nicht auf. Seine Methode, die im „Goetheanismus“ bewahrte „Organische Weltsicht“, seine Lehre von Urtypus und Gestaltwandel durch Metamorphose, seine evolutionäre Weltsicht, bei der sich alle Entwicklungen nach genauen und nachvollziehbaren Gesetzen und keinesfalls sprunghaft und ungeordnet vollziehen, genießt in der heutigen Wissenschaftslandschaft eine Art Sektenstatus. Warum Goethe ausgerechnet bei seiner einzigen unstrittigen wissenschaftlichen Leistung, der Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, nicht die Eingebung hatte, diesem Knochen einen schöneren, eines Dichterfürsten würdigen Namen zu geben, das würden wir doch gerne wissen.

Aber damit sind wir schon bei einer Seite von Goethe, die es auch noch zu entdecken gibt: Goethe als Versager. Auch auf diesem Gebiet macht er uns reichlich Angebote, zum Glück, das senkt die Schwellenangst und erleichtert den Beginn einer jetzt fälligen Goethe-Welle. Als Familienmensch war er nicht zu gebrauchen. Er war auch, wie die US-amerikanische Goethe-Koryphäe Eric Denton sagt, „kein Posterboy für die bürgerliche Moral“. Als Forscher warf er seine ganze Autorität in die Waagschale, als er spürte, dass immer weniger Anhänger seine Positionen teilten.

Er polemisierte gegen die Vorstellung, die Alpen seien ein Faltengebirge und steigerte sich in leidenschaftliche Tiraden gegen Newton, der schon längst tot war. Goethes Haltung gegenüber der Newtonschen Theorie der Brechung des Lichts kann man getrost als feindselig bezeichnen, und sie wuchs sich fast zur Manie aus. Denn es scheint, dass Goethe alles verteufelte, was nur irgendwie mit Brechen, Sondern, Zerlegen, Zerstückeln zu tun hat, während alles, was in der Natur auf Einheit und Zusammenführen angelegt war, unbesehen Kredit bekam.

Und so sehr er in der Natur die Einheit suchte, so wenig wollte er sie politisch: Einen Staat der Deutschen lehnte er ab, es sollte mal schön bei der Kleinstaaterei bleiben. Goethe, ein Spalter! Und so einen feiern wir in einem staatstragenden Rahmen. Und mal sehen, womit er uns noch so überrascht, wenn wir uns erst wirklich für ihn interessieren. An seinem 175. Todestag jedoch müssen wir leider konstatieren: Er war noch nie so tot wie heute. Zugleich aber bietet er unserer Faszination eine zu große Angriffsfläche, als dass wir uns diesen Luxus leisten könnten.

Eric Denton sagt, man sollte über Goethe mal reden, wie man über Fußball redet. Also: Ich finde, er hat jetzt lange genug auf der Bank gesessen. Wir sollten ihn wieder ins Spiel holen, und zwar mit der Rückennummer 10.

Thomas Brussig, geboren 1965, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zu seinen großen Erfolgen gehören „Helden wie wir“, „Wie es leuchtet“. Zuletzt erschien von ihm der Reportage-Band „Berliner Orgie“. Diese Rede, hier leicht gekürzt, hielt Brussig zu Goethes 175. Todestag, am 22. März in Weimar bei der Verleihung der Goethe-Medaillen des Goethe-Instituts.

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