• Wie Juden heute Deutschland erleben: „Wir müssen uns einsetzen für die Rechte anderer“

Wie Juden heute Deutschland erleben : „Wir müssen uns einsetzen für die Rechte anderer“

Wie denken hier lebende Juden über Deutschland? Überlegungen zu Rechtspopulismus, den Werten der Demokratie und dem Vertrauen in den Rechtsstaat.

Erinnerung hat viele Formen. Das Holocaust-Denkmal von Peter Eisenman in der Berliner Mitte war lange umstritten.
Erinnerung hat viele Formen. Das Holocaust-Denkmal von Peter Eisenman in der Berliner Mitte war lange umstritten.Foto: imago/photothek

„Wir müssen den tragischen Teil unserer Geschichte bewahren“

Ich bin in Kiew geboren und aufgewachsen. 2008 bin ich nach Deutschland gekommen, zum Studieren. Deutschland war für mich auch ein Ort der Geburt des liberalen Judentums. Von den Gedenkveranstaltungen zum 9. November wussten wir zunächst nichts. Darüber wurde in der Schule während der Sowjetzeit nicht gesprochen. Nicht mal über Babyn Jar, wo 1941 mehr als 33 000 Juden ermordet worden waren. Dort steht ein Monument, aber als Schüler haben wir nur gelernt, dass es ein Denkmal für Kriegsopfer ist.

Hier habe ich die Geschichte der deutschen Juden kennengelernt. Das erste Mal, als ich zur Gedenkzeremonie in der Fasanenstraße war, wo die Namen der ermordeten Juden verlesen wurden, habe ich verstanden, in welchem Land ich jetzt lebte. Es gibt unterschiedliche Wege der Erinnerung an den Holocaust, aber wir müssen diesen tragischen Teil unserer Geschichte bewahren.

Ich denke schon, dass der Antisemitismus zunimmt. Als Rabbinerin betreue ich drei Gemeinden in Nordrhein-Westfalen, und ich kenne viele Menschen, die fürchten, dass der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft wächst. Als ich nach Deutschland kam, diskutierte man die Frage, wie lange noch Polizisten vor einer Synagoge stehen müssten. Heute sind wir dankbar, dass die Polizei dort ist.

Leider ziehen populistische Ideen heute viele Menschen an. Ob das Antisemitismus ist oder „nur“ Rassismus? Juden waren immer vorsichtig mit solchen Definitionen. Die Frage ist: „Wer ist der Erste, und wer ist der Nächste?“ Die neuen populistischen Parteien deklarieren sich als judenfreundlich, dabei sind sie antisemitisch in ihren Ausdrücken. Für Juden ist es auch kein Trost, dass sich die rechtspopulistischen Parteien gegen Muslime wenden. Klar ist: Es geht gegen Menschen, die vielleicht anders aussehen, eine andere Religion und andere Bräuche haben.

Natalia Verzhbovska, Rabinnerin in Nordrhein-Westfalen
Natalia Verzhbovska, Rabinnerin in Nordrhein-WestfalenFoto: Tobias Barniske

Viele Flüchtlinge haben früher nie etwas Positives über Israel gehört, und viele sind mit der Vorstellung gekommen, dass die Juden ihre Feinde sind. Die Frage ist, wie der Staat und wir selbst damit umgehen. Aber auch ohne das Flüchtlingsthema haben wir es nicht geschafft, den Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zu bewältigen. Viele Juden sind nach Deutschland gekommen, weil sie in einer Demokratie leben wollten. Auch aus dem Grunde, dass sie hier keine Ängste haben müssen, um ihre Identität leben zu können. Die Frage ist, ob wir angesichts des wachsenden Zuspruchs für populistische Parteien nicht zu naiv sind. Es ist egal, ob ein jüdisches Restaurant angegriffen wird oder ein türkisches. Wir haben Sensoren für solche Ereignisse, wir tragen das in unseren Genen.

Natalia Verzhbovska (50) studierte Jüdische Theologie in Potsdam. Sie betreut als Rabbinerin drei Gemeinden in Nordrhein-Westfalen.

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