Wiener Festwochen vor Neuanfang : Aufstand im Makrokosmos

Zu wenig Theater: Am Ende der missglückten Wiener Festwochen wird der Intendant Tomas Zierhofer-Kin entlassen.

Christina Kaindl-Hönig
Gruppenbild mit Schwarzwaldmädel. Christoph Marthalers Liedrevue „Tiefer Schweb“ gehörte zu den raren Höhepunkten der Festwochen.
Gruppenbild mit Schwarzwaldmädel. Christoph Marthalers Liedrevue „Tiefer Schweb“ gehörte zu den raren Höhepunkten der Festwochen.Foto: Thomas Aurin/Wiener Festspiele

Scheinbar losgelöst von Raum und Zeit gerät der Körper in einen pulsierenden Sog aus Formen, Farben und Klängen, die über ihn hinwegwogen. Die Zuschauenden werden zu lebendigen Skulpturen, werfen Schatten, verschwinden für Momente, um alsbald wieder zu driften im All kosmischer Wellen aus Algorithmen, geblendet von gleißenden Rottönen entgegenfliegender Sonnen, in denen gleichsam schwarze Löcher klaffen.

In der visuell-akustischen Rauminstallation „micro|macro – the planck universe“ von Ryoji Ikeda, die der japanische Komponist und bildende Künstler für das ZKM Karlsruhe entwickelt hatte, taucht das Publikum ins technisch präzise ausgefeilte Spannungsfeld zwischen dem ganz Kleinen und dem unendlich Weiten. In der großen Halle E des Wiener Museumsquartiers bewegen sich die Zuschauenden auf einer Bodenprojektion aus fließenden grafischen Mustern, der in Zahlenkolonnen dargestellten Planck-Skala, die die kleinsten Teile des Universums beschreibt. Durch den synchronen Anblick einer zweiten, überdimensionalen Wandprojektion aus gegenläufigen, abstrakten Zeichen und Feuerbällen verlieren sich die Gewissheiten der Schwerkraft.

Versuch eines Kurswechsels

Dieser schwindelerregende Erfahrungsrausch bildete das Herz der diesjährigen Wiener Festwochen. Und verdeutlichte ihre ästhetische Neuausrichtung, hatte doch jahrzehntelang eine repräsentative Auswahl großer Opern- und Schauspielproduktionen mitsamt wichtigen Uraufführungen ihr Zentrum gebildet. Bis die Wiener Kulturpolitik mit der Bestellung des Intendanten Tomas Zierhofer-Kin, der mit dem Kremser Donaufestival ein Popkultur- und Performancefestival geleitet hatte, den traditionsreichen Festwochen einen Kurswechsel verordnete.

Nach einem veritablen künstlerischen Desaster und Publikumsschwund in der ersten Saison versuchte Zierhofer-Kin nun einen Neuanfang. Er entließ seine engsten Mitarbeiter, scharte ein neues Kuratorenteam um sich, verzichtete auf ein begleitendes Diskursprogramm und fokussierte anstelle von Performances stärker auf theatrale Mischformen, begleitet von einigen wenigen Schauspielproduktionen. Immersive Projekte, die auf Publikumsbeteiligung zielen, und theatrale Installationen, bei denen der Einsatz von Video die Wahrnehmung dominierte, bildeten den Kern des Programms. Erhalten blieb das Clubbingfestival „Hyperreality“ für ein Party-affines Publikum.

Kleinkunst statt Großtheater

Trotz ihres Bemühens, sich aktuellen politischen Themen zu widmen, entpuppten sich die Festwochen als beliebig zusammengewürfeltes Kleinkunstfestival. Ohne dramaturgisches Profil enttäuschten viele Produktionen durch mangelnde künstlerische Qualität und innere Widersprüche. Den leitmotivischen Auftakt dazu machte „Phobiarama“ des Niederländers Dries Verhoeven: Eine Kirmes-Geisterbahnfahrt in Autoscootern konfrontierte das Publikum mit langkralligen Braunbären, in denen Horrorclowns steckten, die sich nach einem Striptease als junge, muskulöse Männer mit dunkler Hautfarbe entpuppten, die mit bedrohlichen Gesten das Klischee vom „bösen schwarzen Mann“ bedienten.

„Phobiarama“ sollte die durch Rechtspopulisten geschürten Ängste bewusst machen, aber Verhoeven tappte mit seiner Konzeption unfreiwillig in die Rassismusfalle, indem er die fast nackten Männer zu Objekten angsterfüllter Begierde degradiert.

Einen würdevollen Blick auf die Existenz Heimatloser richtete hingegen der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó mit seiner Inszenierung von Hans Zenders „komponierter Interpretation“ von Schuberts „Winterreise“, indem er die Lieder eines rastlos Wandernden mit Videos aus einem ungarischen Flüchtlingslager ergänzte. Dem Schicksal politisch Verfolgter widmete sich auch die brasilianische Theatermacherin Christiane Jatahy in ihrer partizipativen Videoinstallation „The Walking Forest“, frei nach Shakespeares „Macbeth“, in der sie das Publikum am Ende moralinsauer und naiv zum Widerstand gegen heutige Tyrannen aufrief.

Zitate, Fahnen, Videos

Theatral ebenso unausgereift blieb auch „L’habitude“ von Jean Michel Bruyère und dem französischen Künstlerkollektiv LFKs. Eine politische Protestperformanceinstallation, die allerhand Zitate, rote Fahnen und Videos um Black-Panther-Aktivisten im New York der 60er und 70er Jahre versammelte und mit Konzerten der Elektronikformation M.O.V. und der Rockband The Fourth Is Bearded den Geist der Revolte beschwor.

Zelebrierte die Koreanerin Jisun Kim in ihrer banalen Performance „Deep Present“ über kapitalistisches Outsourcing mit vier Robotern die Selbstabschaffung des Theaters und seiner SpielerInnen durch künstliche Intelligenz, überzeugten leider auch die wenigen Schauspielproduktionen kaum.

Denn mit Ersan Mondtags allzu oberflächlich geratener Version von Aischylos’ „Orestie“, in der er Götter und Menschen als Laborratten im Demokratie-Experiment zeigt, und mit Susanne Kennedys zynischer Theaterinstallation „Die Selbstmord-Schwestern“ standen nicht gerade die besten Inszenierungen dieser beiden Regie-Newcomer auf dem Programm. Allein Christoph Marthalers „Tiefer Schweb“, eine kritische Liedrevue zur Flüchtlingsfrage, und das sympathische Dokumentartheater „Stadium“ von Mohamed El Khatib über Fans des nordfranzösischen Fußballclubs RC Lens ließen die Erinnerung an einst qualitativ hochwertige Festwochenproduktionen aufkeimen.

Gastspiel aus dem Haus Dercon

Gerade in Zeiten fragil gewordener Demokratien und komplexer gesellschaftlicher Probleme erscheint es umso alarmierender, dass die Wiener Festwochen der Realität überwiegend mit unausgegorenen Petitessen begegneten, anstatt ästhetisch überzeugend neue Denk- und Wahrnehmungsräume zu eröffnen. Vielleicht ist es als Ironie des Schicksals aufzufassen, dass Zierhofer-Kins zweite Saison mit Boris Charmatz’ „10 000 gestes“ endete. Ein überfrachtetes Wimmelbild-Tanzstück, uraufgeführt zur Eröffnung der Berliner Volksbühne unter Chris Dercon, der sein sinkendes Schiff mittlerweile verlassen hat. Nun hat Wiens neue Kulturstadträtin, Veronica Kaup-Hasler, die Reißleine gezogen: Der Vertrag mit Intendant Tomas Zierhofer-Kin wird per Ende Juni aufgelöst. „Einvernehmlich“, wie es heißt.

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