Willi Baumeister in der Galerie Friese : Mit den Augen fühlen

„Auf der Suche nach dem Motiv“: Die Galerie Friese arrangiert eine Begegnung zwischen Willi Baumeister und die Jungen in der Galerie Friese.

Installationsansicht der Baumeister-Ausstellung.
Installationsansicht der Baumeister-Ausstellung.Foto: Galerie Klaus Gerrit Friese

Das Publikum würde lernen, „mit den Augen zu fühlen“, erhoffte sich Willi Baumeister 1924 in einem Gespräch mit seinem Künstlerfreund Fernand Léger von der modernen Malerei. Baumeister, Jahrgang 1889, war ein Brückenbauer. Der ausgebildete Dekorationsmaler gehört zu den Vätern des deutschen Informel. Die Moderne suchte er in der prähistorischen Höhlenmalerei, in Urformen der Natur und in außereuropäischen Kunstwerken. Nun arrangiert die Galerie Klaus Gerrit Friese eine Begegnung zwischen Baumeister und unseren Zeitgenossen. Die fein verästelte Ausstellung „Auf der Suche nach dem Motiv“ bietet nicht nur einen frischen Blick auf Baumeisters Werk. Sie verankert auch die Gegenwartskunst.

Für die Ausstellung hat Teresa Karst als Kuratorin assoziativ den einzelnen Kapiteln in Baumeisters Werk zeitgenössische Entsprechungen zugeordnet. Da sind ein Sportler von 1928 und ein Läufer auf sandigem Grund von 1934 von der Höhlenmalerei im spanischen Valtorta inspiriert (60 000 Euro). „Belebte Halde“ (450 000 Euro) entstand zu Baumeisters abstrakten Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg . Der heitere Parcours hebt in der Begegnung mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen den experimentellen Charakter des Werkes hervor.

Die Schau unterstreicht die Haptik der Kunst

Auf einer Konsole stehen glasierte Keramikformen der in London beheimateten Künstlerin Lubna Chowdhary. Die Umrisse gleichen den Idolen der Kykladen aus der Sammlung von Baumeister, die Keramikstelen mit den romantischen Titeln verbinden angewandte und abstrakte Kunst. Zwei Werke sind eigens für die Ausstellung entstanden. Claire de Santa Coloma, in Lissabon lebende Argentinierin, nahm sich für „Suspended Forms“ (6000 Euro) Baumeisters schwebende Formen aus den 1930er Jahren zum Vorbild, deren Umrisse sich an prähistorischen Handbeilen orientieren. Edouard Baribeaud, 1984 in Versailles geboren, integriert einen Bühnenentwurf in seine eigene Zeichnung „Lampenfieber“. Im angrenzenden Raum steht sein selbst entworfener Arbeitstisch „All of me“ aus Ahornholz und mit rosa, hellblau und zitronengelb lackierten Flächen (30 000 Euro). Sie verweisen auf die Farbexperimente während des Nationalsozialismus, als Baumeister Unterschlupf in der Wuppertaler Lackfabrik von Kurt Herberts fand. Weil der Maler keine Leinwand hatten, ließ er die Farbe auf Aluminiumplatten tropfen.

Dank ihrer vielen Blickrichtungen unterstreicht die Ausstellung die Haptik der Kunst. Etwas skurril setzt der 1983 in São Paulo geborene Bildhauer Pedro Wirz in diesem Sinn den Schlusspunkt mit seinen Variationen vom Ei. Sie sind aus Latex, Stoff und organischem Material, ein bisschen eklig, ein bisschen zerzaust, wie halbverweste Mäuse. Und trotzdem so heil, als würde unter ihrer Schale ein neues Wesen reifen.

Galerie Klaus Gerrit Friese, Meierottostr. 1; bis 13. 4., Mo–Sa 11–18 Uhr

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!