Kultur : Willkommen in der Geisterbahn

Fakten und Legende: Stefan Ruzowitzkys KZ-Krimi „Die Fälscher“ verzichtet auf die große Geste

Jan Schulz-Ojala

Sagen wir’s salopp: Es ist nicht alles schlecht gewesen an den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Schließlich geben sie als Filmstoffe einiges her – und das umso mehr, je gnädiger die Ereignisse in den Nebeln der Vergangenheit verschwinden. Ob gereifte Autorenfilmer, die damit ihrem Werk ein historisches Krönchen aufsetzen, ob gestandene Fernseh-Handwerker, die mit gigantischem Geschichtsgrusel auf die Leinwand drängen, oder Newcomer, die mit einem Paukenschlag ins Konzert der Profis hineinplatzen – Horror made in Germany kommt gut. Auch international: Da hat das deutsche Kino ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem es bei Festivals und an der Kasse stets hübsch punkten kann.

Vor allem in jüngster Zeit regnet es derlei debattenträchtiges Filmmaterial, so heftig mittlerweile, dass unsere vielbeschäftigten Großschauspieler mit den historisch inspirierten Schurken- und Heldenrollen kaum noch nachkommen. Wobei der Gute, Gesetz einer kleinen Serie, stets den Bösen tilgt, zumindest in der individuellen Filmografie. Eben noch haben wir Ulrich Matthes als Goebbels in Oliver Hirschbiegels „Untergang“ gesehen, da versöhnt er uns als Priester und KZ-Häftling in Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“. Eben noch gab Ulrich Mühe den Stasi-Schergen in Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“, da steht er schon als jüdischer Theatermann in Dani Levys „Mein Führer“ auf der Seite der Untadeligen. Und August Diehl, im „Neunten Tag“ noch der Gestapo-Chef, bekommt in Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“ reichlich Gelegenheit, als Kommunist im KZ den moralisch Unbeugsamen zu geben.

Derlei Folgeerscheinungen des Booms mögen verwirrend erscheinen; der Boom selber ist nur zu verständlich. Die Nazizeit, von der die meisten dieser neuen Filme handeln, liegt lange zurück; „Der Untergang“, spottete schon der französische „Express“, hat sie sogar so entrückt inszeniert wie die Epoche der Azteken. Die Zeitzeugen, Korrektoren möglicher Geschichtsklitterungen oder Gegenstand sensibler Rücksichtnahme, sterben weg. Und für die heute jüngsten Kinogänger sind die Achtundsechziger Großeltern, die Weltkrieg-II-Soldaten Uropas und jene, die das große Morden angezettelt haben, längst die Ururgroßeltern-Generation. Willkommen also in der Geisterbahn der Geschichte! Die Stoffe sind Legion, das Ziel ist die Legende.

Wie stark die unaufhaltsame Fiktionalisierung der Vergangenheit bereits das historische Gedächtnis und unseren Bildervorrat beherrscht, zeigen gerade jene Filme, die sich der verbürgtesten Schurken und Helden bedienen: Für die Dauer der Besichtigung von „Der Untergang“ und „Sophie Scholl“ dürfen wir Nachgeborenen behaupten, wir seien dabei gewesen. Viel mehr geistigen Mehrwert bieten diese Werke nicht und wollen ihn auch nicht bieten. Schließlich geht es ihren im Entertainment-Geschäft gestählten Machern vor allem darum, den offenkundigsten Thrill abzuschöpfen.

Von jenem History-Thrill leben auch all jene Filme, die, auf individuellen Lebenszeugnissen beruhend, die Nazizeit aus der Perspektive der kleinen Leute beleuchten; doch obwohl sie narrative Ausschmückungen brauchen, lässt – so paradox es klingt – gerade die identifikationsbedürftige und vergegenwärtigende Fantasie des Zuschauers sie weniger fiktiv erscheinen; das gilt für Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ ebenso wie für Max Färberböcks „Aimée und Jaguar“ oder Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“.

Ruzowitzkys auf der Berlinale gefeiertes und soeben für den Deutschen Filmpreis nominiertes Werk fordert die durch die Fülle von Nazi-Themenfilmen ohnehin gedehnten Wahrnehmungskonventionen noch weiter heraus. Seine Story über den verzweifelten Versuch der Nazis, das Blatt im Zweiten Weltkrieg mittels einer gewaltigen Geldfälschungsaktion von Dollars und Pfund noch zu wenden, spielt überwiegend im KZ – jenem Schauplatz also, der sich der Fiktionalisierung bis heute am heftigsten widersetzt. Zuletzt sind Schlöndorffs „Neunter Tag“ und Lajos Koltais „Fateless“, die Verfilmung von Imre Kertesz’ KZ-Erinnerungen, zumindest in dem Versuch gescheitert, diesen ewig störrischen Set zu visualisieren: Alle Musik, alle entsättigten Farben, alle sorgsam ausgestellte Diskretion und Emotion verweisen nur umso beredter auf die Unmöglichkeit, das alles bloß zu spielen. In den „Fälschern“ aber sind die jüdischen Häftlinge in Sachsenhausen, die als erfahrene Bankiers, Drucker und Kriminelle die Blüten herstellen sollen, in einem eher an schlichte Jugendherbergen gemahnenden Extra-Schlafsaal mit Bettzeug und passabler Verpflegung untergebracht. Es sind nur das Hundegebell und die Schüsse, die an das Morden im Lager hinter der Bretterwand gemahnen: Wieder ist es der Echoraum individueller Fantasie, der das Geschehen zum Tatsächlichen hin vergrößert.

Vor allem aber sorgt die ausgeklügelte Kombination gemischter Charaktere unter den Insassen dafür, dass „Die Fälscher“ sich von den Vorgängerfilmen signifikant unterscheidet. Diese aus anderen KZs zusammengeholten Gefangenen versuchen allesamt, ihre Haut zu retten, und der Zuschauer hat in Sachen Identifikation die freie Wahl. Der Kommunist Adolf Burger (August Diehl spielt die Figur, auf deren realen Erinnerungen der Film gründet) klammert sich an seine Vision und gefährdet mit Sabotage-Versuchen das Leben aller; es gibt den Fast-Verräter und den, der nach der wundersamen Befreiung alles vergessen will; es gibt den klugen, gefährlichen, jovialen und mitunter sogar sympathischen SS-Mann (Devid Striesow), der das „Unternehmen Bernhard“ befehligt und am Schluss vor Angst in die Hosen macht. Vor allem aber ist da der Oberfälscher Salomon Sorowitsch (Karl Markovics). Der Ganove hält mit seinem Pragmatismus und seiner Menschlichkeit den Laden zusammen: Er rettet den guten Fanatiker vor sich selber und schont den Oberschurken, weil er im entscheidenden Augenblick nicht genug Hass mobilisieren kann, um ein Leben auszulöschen.

Natürlich ist das – auch – Genre. Und wohl der erste KZ-Krimi der Filmgeschichte. Nicht dass wir viele davon brauchen würden: Aber Ruzowitzky gelingt es, das Restleben dicht an der Exterminierungszone des Lagers echt erscheinen zu lassen. Wir wissen nicht, wie es war, wir werden es niemals wissen. Aber etwas lässt sich ahnen – und solange der Film das Todeskammerspiel vorantreibt, bleibt Ruzowitzky achtsam genug, simples Pathos abzuregeln. Erst in der Rahmenhandlung schenkt er seinem Haupthelden die große Geste. Und prompt glauben wir sie nicht mehr.

Schon „Rosenstraße“ ruinierte sich mit einer pastosen Rahmenhandlung, auch „Der neunte Tag“ hätte ohne die an den Anfang und ans Ende gestellten drastischen KZ-Bilder eine andere, nachhaltigere Kraft gehabt. Irgendwo und irgendwie schleicht es sich immer wieder ein, dieses Zuviel, das unser glückliches Zuwenig an Erfahrung wettmachen soll.

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