„Wir sind das Volk“ im HAU : Das Unheimliche an der Heimat

Heiner Müller trifft Laibach: Die Musikshow „Wir sind das Volk“ im HAU beschwört die Dämonen der Geschichte.

Warngedicht für Vergessliche. „Wir sind das Volk“ im HAU.
Warngedicht für Vergessliche. „Wir sind das Volk“ im HAU.Foto: Dorothea Tuch

Auf einem Transparent stand dieser Satz, den man ja schon als Ruf aus Abertausenden Kehlen gewohnt war und den man je nach Façon für befreiend oder bedrohlich halten konnte, „Wir sind das Volk“.

Aber daneben, da hatte sich einer aufs Schild geschrieben: „Ich bin Volker.“ Heiner Müller fand das großartig, das sei der Geist, den es jetzt brauche, verkündete der ostdeutsche Dichter, mitten hinein in die überschießende Euphorie der Wiedervereinigung. Klar, wer quer zur Zeit steht, wird von Stampeden nicht mitgerissen.

„Sobald das Wort ,Volk‘ fällt, werde ich doch misstrauisch“, gab Müller noch zu Protokoll, wohl wissend, dass sich die Brechtsche Forderung nach der viel schöneren Vokabel „Bevölkerung“ so gar nicht für Parolen eignete. Ihm egal.

Er hatte genug Diktatur und deutsche Irrwege erlebt, um die Gespenster der Geschichte schon durch den Nebel der Freudenfeuerwerke galoppieren zu sehen. Und natürlich hat Müller recht behalten.

Spätestens, seit die Pegida-Megafone mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ geladen wurden, ist alles Heimelige von ihm abgefallen und das Unheimliche sichtbar geworden. Über sämtliche Grenzen hinweg wird das Völkische von den neuen Reinheitsfanatikern als Stacheldrahtbegriff in Stellung gebracht, um eine Einheit zu behaupten, die es nie gab.

Jede Kunst ist Manipulation unterworfen

Am HAU ist jetzt der Abend „Wir sind das Volk“ zu sehen, der zwei Phänomene zusammenführt, die sich eigentlich schon längst hätten begegnen müssen: Heiner Müller und die slowenische Gruppe Laibach. Letztere ist ja seit fast 40 Jahren bekannt für ein Spiel mit den Emblemen und Symbolen des Totalitarismus, an dem sich verlässlich die Geister scheiden.

Den einen sind die martialisch donnernden Auftritte im Nazi-Gewand schlicht nicht geheuer, die anderen fahren schweres Theorie-Geschütz auf, um Laibachs Prinzipien der „Retro-Avantgarde“ oder der „Affirmativen Über-Identifizierung“ zu erläutern, nebst der Faustformel: „Jede Kunst ist politischer Manipulation unterworfen, außer jener, die die Sprache ebenjener Manipulation spricht.“

Skandale bleiben auch im Hau nicht aus

Auch Slavoj Žižek ist stets gern zur Stelle, um den musikalischen Arm der Plattform Neue Slowenische Kunst (NSK) erklärend zu stützen, zum Beispiel, wenn die Gruppe (wie vor ein paar Jahren geschehen) in Nordkorea auftritt.

Die Skandale (falls jemand welche erwartet haben sollte) bleiben im HAU jedenfalls aus. Anja Quickert, die das Musiktheaterprojekt initiiert hat, schafft mit der Müller-Laibach-Fusion einen tollen Resonanzraum für den fortgesetzten Dialog mit den Toten, der den Dichter und die Musiker eint.

Wo es keinen Friedhof für die Traumata des 20. Jahrhunderts gibt, hilft nur die tägliche Konfrontation mit den Dämonen der Geschichte. Das wusste Müller, das praktizieren Laibach.

Leuchtende Müller-Texte

Im Falle von „Wir sind das Volk“ fällt diese Séance musikalisch vergleichsweise zart aus. Die Kompositionen von Matevž Kolenc verzichten zwar nicht auf das gepflegte militärische Überwältigungs-Pathos, das in diesem Fall die Percussionisten der Gruppe The Stroj auf die Bühne stampfen.

Wozu sich herrlich düster und mit rollendem R von „Ordnung und Disziplin“ singen lässt – und Laibach einmal mehr wie die schlauere Ausgabe von Rammstein klingen. Aber daneben haben hier Klavier- und Streicher-Passagen vom „Vier Personen Quartet“ tragenden Anteil und öffnen melancholischere Gefilde.

Was wiederum den Boden bereitet für leuchtende Müller-Texte. Mal gewittern nur Aphorismen oder Stück-Fragmente („Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel“).

Doch daneben stehen von den Schauspielerinnen Agnes Mann und Susanne Sachsse vorgetragene Solitäre wie der autobiografische Text „Im Herbst 197... starb mein Vater“, in dem Müller die Verhaftung des Vaters durch die SA beschreibt („Ich sah es durch das Schlüsselloch der Tür in meinem Zimmer und stellte mich schlafend, als er sich von mir verabschieden wollte“) – und sich selbst als Ausländer erlebt in Waren, Müritz, wohin die Familie 1939 umzog.

Der Abgrund der Aufklärung

Oder ein Gedicht wie „Seife in Bayreuth“: „Das Haus der Garten die Stadt Bayreuth riechen nach Seife. Jetzt weiß ich, sage ich gegen die Stille, was es heißt in der Hölle zu wohnen und nicht tot zu sein oder ein Mörder. Hier wurde AUSCHWITZ geboren im Seifengeruch.“

Heiner Müller konnte die Aufklärung nicht ohne den Abgrund denken, die Versprechen von Demokratie und freier Marktwirtschaft nicht ohne die Ausschlüsse, die sie produzieren. Am Ende dieses „Musicals“, das tatsächlich ein musikalisches Warngedicht für vergessliche Zeiten ist, hält der Philosoph Peter Mlakar noch eine Rede ans Theatervolk.

Diesem ganzen Schuld-und-Sühne-Gehabe der Deutschen, sagt er da, habe er nie wirklich glauben können. Misstrauen – das lehrt die Gegenwart jeden Tag aufs Neue – ist angebracht.

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