Witz als Waffe : Wie wir Juden den grassierenden Antisemitismus erleben

Aufgrund seiner jüdischen Abstammung fühlt sich Schriftsteller Peter Wortsman gezwungen, sich über Antisemitismus Gedanken zu machen. Ein Gastbeitrag mit Witz.

Peter Wortsman
Der New Yorker Schriftsteller Peter Wortsman.
Der New Yorker Schriftsteller Peter Wortsman.Foto: Ricky Owens

Antisemitismus. Das Wort klingt altmodisch, als ob es auf eine Krankheit wie Tuberkulose oder Paludismus Bezug nähme, die man für immer geheilt glaubte, der man nun aber überrascht zu Anfang des 21. Jahrhundert begegnet. Leider gibt es anscheinend immer noch keinen wirksamen Impfstoff dagegen.

Als in New York geborener Schriftsteller, Sohn von Flüchtlingen, die wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nazis aus ihrer Heimatsstadt Wien vertrieben wurden, fühle ich mich jedoch gezwungen, mir darüber Gedanken zu machen.

Über die Jahrhunderte verantwortlich gemacht für Monotheismus, Messianismus, Rationalismus, Relativismus, Materialismus, Internationalismus, Individualismus, Pluralismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Zionismus, und Gott weiß noch welchen verbindenden Ismus zwischen Himmel und Erde – manchmal fühle ich mich ausgesprochen stolz auf all das, was wir Juden in die Welt getragen haben sollen.

Vielleicht ist das auch der Hauptgrund für das Andauern der Antipathie. Statt dass wir den Schwanz einziehen und uns entschuldigen, bleiben wir trotzig, stellen unsere angeblichen Sünden als Errungenschaften zur Schau, schlagen, wenn möglich, noch Profit daraus, oder leiten mindestens einen Witz daraus ab.

Man dachte Antisemitismus sei ein Anachronismus...

1973. Freiburg im Breisgau. Als Fulbright-Stipendiat verbringe ich ein glückliches Jahr an der Albert Ludwig Universität, wo ich deutsche Märchen studiere und sonntags im Schwarzwald spazieren gehe. Eines Tages treffe ich auf einen Tisch vor der Uni, besetzt von einem blonden Studenten. Neben Propagandaschriften verschiedener Art und Thematik gibt es ein „How to“–Cartoon, wie man einen Davidsstern in ein Hakenkreuz verwandelt. Vermutlich geht es um Kritik an Israel, doch fehlt jegliche verbale Erklärung.

„Sie haben kein Recht, hier in diesem Land mit seiner dunklen Vergangenheit solch eine Verleumdung zu verbreiten“, beklage ich mich. Der blondhaarige Student reagiert mit starrem Blick. „Mein Vater war zwar in der SS“, sagt er achselzuckend. „Aber was habe ich mit diesen dreckigen Sachen zu tun? Lass mich gefälligst mit all dem in Ruhe!“ Ich zittere vor Empörung.

Kurz danach besucht mich mein Vater. Wir gehen abends in der Freiburger Altstadt spazieren. Plötzlich wird ein Licht nach dem anderen in den Schaufenstern der Geschäfte ausgeschaltet. Mein Vater schaut mich an, zuckt mit den Achseln, und schüttelt den Kopf. „Antisemiten!“, sagt er, und wir lachen uns tot.

Damals, knapp 28 Jahre nach dem Ende der Holocaust-Schrecken, stellte man sich vor, zumindest hier in Deutschland hätten die Menschen endlich eine Lehre aus der Vergangenheit gezogen und der Antisemitismus sei ein Anachronismus geworden. Es sei daher erlaubt, sich darüber auch ein wenig lustig zu machen. Ist dieser Luxus nach dem Anschlag von Halle vorbei?

...doch Antisemitismus ist wieder Mode

Laut einer Umfrage des Jüdischen Weltkongress von Juli 2019 hegt etwa ein Drittel aller Deutschen und 18 Prozent der als „gebildet“ geltenden Bevölkerung antisemitische Gedanken: Dass die Juden zu viel über den Holocaust herumstänkern, dass sie zu viel Macht haben, dass sie für die meisten Kriege die Verantwortung tragen, auf gut Deutsch gesagt, dass diese Gauner immer noch an allem schuld sind.

Haben sie nicht selber mit dem jiddischen Begriff „Ganef“ die etymologische Wurzel für „Gauner“ geliefert? Nicht zu vergessen, dass „Chuzpe“ und „Massel“ gleichfalls aus dem Jiddischen kommen.

Reden wir also Tacheles: Ob der Antisemitismus von Seiten der AfD-Anhänger, von Rechtsextremisten, von manchen jungen Europäern oder von Einwanderern islamischen Glaubens kommt, die die Juden im Allgemeinen für den Nahostkonflikt und die Leiden ihrer palästinensischen Brüder verantwortlich machen – er ist wieder in Mode.

[Der Schriftsteller und Übersetzer Peter Wortsman, 1952 in New York geboren, hat in der Berliner Palm Art Press soeben den Band „Stimme und Atem – Out of Breath, Out of Mind“ mit Prosa in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht.]

Gerade mal 200 000 Juden leben heute in Deutschland

Als ich 1986 mit meiner Frau die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen in Oranienburg besuchte, war ich erstaunt, die Texte der Ausstellung zu lesen. Nach Ansicht des DDR-Regimes waren die wirklichen Opfer des Nationalsozialismus die Kommunisten, und die Täter, die Faschisten, waren im Westen immer noch an der Macht. Von Juden, Behinderten, Roma und Sinti war nirgends die Rede.

Als wir in einer nahen Kantine ein Bier trinken und eine Wurst essen gehen, die einzigen erhältlichen Erfrischungen, glotzt ein betrunkener Mann mich, meine Frau, meinen Photoapparat und meine Levis Jeans bewundernd an und beschimpfte mich: „Du, Jüdisch-Faschist-Sozialist!“ Er weiß wahrscheinlich selber nicht, was er damit meint.

Ungefähr 200 000 Juden leben heutzutage in Deutschland. Bei Weitem nicht genügend, um ihnen für alle Probleme die Schuld in die Schuhe zu schieben. Jeder leidenschaftliche Antisemit braucht aber seinen vertrauenswürdigen Juden, um sich an ihm abzuarbeiten. Wir Juden dagegen brauchen wie immer unseren Witz als Waffe – und zur Zeit Polizeischutz und eine schusssichere Weste.

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