Wolfgang Ullrich über Ethik und Kapitalismus : Gekaufte Werte

Selbstinszenierung durch Konsum: Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich untersucht in seinem Buch "Wahre Meisterwerte" wie Moral zum Lifestyle wird. Und zur Frage des eigenen Wohlstands.

Tilman Asmus Fischer
Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.
Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.Foto: Annekatrin Kohout

„ChariTea“, „Ethletic“-Sneakers und ein Deodorant namens „Peace“ – lang ist die Liste der Konsumprodukte, die uns suggerieren, durch ihren Erwerb an hehren Werten Anteil haben zu können. Mit einem Rundgang durch das Warenangebot der moralischen Extraklasse eröffnet der Medienwissenschaftler Wolfgang Ullrich sein Buch „Wahre Meisterwerte“. Diese „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ trifft den Nerv der Zeit.

Zum einen entlarvt Ullrich den konsumistisch geprägten Werte-Diskurs der Popkultur. Nicht umsonst ist das Buch durchgängig mit Screenshots von Instagram illustriert: Denn ebendort – in den sozialen Medien – setzt sich der „wertebewusste“ Mensch mit seinen „wert“-vollen Konsumprodukten in Szene. „Wer sich zu Werten bekennt, kann das eigene Selbstbewusstsein in mehreren Dimensionen steigern,“ schreibt Ullrich. „Und soviel es bringt, sich auf Werte zu berufen, so wenig verlangt es umgekehrt. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis scheint vielmehr sensationell gut zu sein. Der Wertemensch ist stark: geradezu unangreifbar.“

Wichtiger Beitrag zu aktuellen Debatten um politische Korrektheit

Ullrich beobachtet, dass Werte „gestaltet“, „verwirklicht“, „verkörpert“ werden müssen – ihre Umsetzung wird als kreative Leistung verstanden, die vor allem der individuellen Selbstverwirklichung dient. Resultat seien ein „Gewissenshedonismus“ und eine zunehmend populäre Wertethik. Mit Hans Joas betont Ullrich die Gefahr, dass eine solche Wertethik „ausschließlich die Situationsbezogenheit unserer Entscheidungen betont und damit der Prinzipienlosigkeit und Willkür Tür und Tor öffnet“.

Zum anderen gelingt es Ullrich, dieselben Tendenzen jenseits der Konsumwirtschaft auf der Ebene politischer und gesamtgesellschaftlicher Diskurse nachzuweisen. Damit leistet er einen wichtigen Diskussionsbeitrag zu den aktuellen Debatten um politische Korrektheit, Gutmenschen und Wutbürger. So hinterfragt er etwa die Aktivistengruppe „Tools for Action“, die partizipative Projekte mit „Spaßfaktor“ gegen Naziaufmärsche organisiert: „Statt vor allem in Sorge darüber zu sein, dass alte und neue Rechtsextreme auf die Straße gehen, genießen sie es, zu den Guten zu gehören und sich moralisch integer und kreativ zu erleben.“

Ein "wertebewusster" Lebensstil setzt materiellen Wohlstand voraus

Schlagkraft gewinnt Ullrichs Kritik dadurch, dass er nicht nur die problematischen Seiten einer oberflächlichen Werte-Inszenierung nachzeichnet und deshalb auch nicht in ein allgemeines Gutmenschen-Bashing verfällt. Vielmehr arbeitet er eine Dynamik heraus, „durch die letztlich der gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt verlorengeht“. Denn die Realisierung eines „wertebewussten“ Lebensstils setzt einen gewissen materiellen Wohlstand voraus. Dieser ermöglicht erst eine entsprechende Inszenierung. Die Ärmeren hingegen hätten schlechtere Chancen, „sich zu bestimmten Werten zu bekennen oder diese zu realisieren“.

Mit der Analyse dieser Problematik bietet Ullrich einen Schlüssel zum Verständnis gegenwärtiger Gegenbewegungen. Hierzu gehören die sich – gerade auch aus dem rechten politischen Spektrum heraus – artikulierenden Vorbehalte gegenüber den „Moraleliten“ ebenso wie Teile der Rap-Kultur, wenn etwa der Rapper Kollegah postuliert: „Ihr haltet Peacezeichen hoch, ich halte Schießeisen hoch“.

Ulrich fordert eine Diskussion um Gefahren der "Wertethik"

Dabei enttarnt Ullrich die Kritik aus den Reihen der AfD oder Identitären Bewegung an linksliberalen „Gutmenschen“ als gleichfalls wertethisch aufgeladen – nur dass die Kritiker ihrerseits antimodernistischen Werten anhingen. Dementsprechend hat die politische Rechte inzwischen auch einen Markt eigener „wertvoller“ Konsumprodukte entwickelt. „Damit aber“, stellt Ullrich fest, „ist der Gegensatz zwischen ‚links‘ und ‚rechts‘ weniger prägend als zwischen ‚arm‘ und ‚reich‘ – also der zwischen Menschen, die damit zu tun haben, ihre materiellen Lebensgrundlagen zu sichern, und anderen Menschen, die über genügend Ressourcen verfügen, um sich täglich um ihr Gewissen kümmern, zu Werten bekennen und das eigene Agieren und Konsumieren als sinnstiftend empfinden zu können.“

Wie ist auf diese Entwicklungen zu reagieren? Dass eine Beendigung des Werte-Kultes illusorisch wäre, ist dem Autor bewusst. Jedoch fordert er eine gesamtgesellschaftliche Debatte über „den Charakter und die Gefahren einer Wertethik“ ein. Mehr noch: Die Besinnung auf die jeweilige Wertgrundiertheit des Handelns unterschiedlicher Konfliktparteien böte die Chance, zu einem Dialog zu führen, wo bislang gegenseitige Verachtung herrscht.

Wolfgang Ullrich: Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017. 176 S. m. zahlr. Abb., 18 €.

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