Fürs Fluchen hat er etwas übrig

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Wsewolod Tschaplins Fantasien : Vergewaltigung im Sexodrom
Hüter der Moral. Erzpriester Wsewolod Tschaplin, Vorsitzender der Abteilung der Synode des Moskauer Patriarchats für Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft, beim 26. Kongress der Liberaldemokratischen Partei Russlands.
Hüter der Moral. Erzpriester Wsewolod Tschaplin, Vorsitzender der Abteilung der Synode des Moskauer Patriarchats für Beziehungen...Foto: Imago/ITAR-TASS

Als russische Science-Fiction-Fans der Erzählung Anfang Februar den Literaturpreis „Dämonenkampf“ verliehen (benannt nach einem wenig christlichen Comic), flog Tschaplins Urheberschaft auf. Unter dem Pseudonym „Aron Schemajer“, räumte der Kleriker im Interview mit der „Nesawisimaja Gaseta“ freimütig ein, habe er schon vorher gelegentlich Erzählungen veröffentlicht – um zu zeigen, „was geschehen kann, wenn wir dem Weg der ultraliberalen Werte folgen, Werten, die nur im Totalitarismus enden können, weil sie leblos und inhuman sind, weil sie die Natur des Menschen und der Gesellschaft vergewaltigen.“

Als Vorsitzender eines orthodoxen Gremiums für die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft hat sich Tschaplin in der Vergangenheit gelegentlich auch zu Fragen der Kunst geäußert. So erklärte er kürzlich zu Andrej Swjaginzews kirchenkritischem Russlandporträt „Leviathan“, der Film bediene in schwarzmalerischer Absicht ausländische Klischees: „Ich wundere mich nicht, dass er im Westen erfolgreich ist.“ Swjaginzews Film, der im Januar den Golden Globe Award gewann und bei der gestrigen Oscar-Verleihung als bester fremdsprachiger Film nominiert war, kommt dieser Tage in die russischen Kinos – allerdings nur in einer zensierten Version. Ausgeblendet werden Schimpfwörter, deren Verwendung in Kunstwerken neuerdings ein russisches Gesetz regelt (unzensiert läuft der Film ab dem 12. März in Deutschland).

An das Gesetz, dessen Beschluss die Kirche lautstark unterstützt hat, scheint sich Tschaplin selbst nicht gebunden zu fühlen. In „Mascho und die Bären“ legt er seinen Figuren durchweg drastische Flüche in den Mund. Von der „Nesawisimaja Gaseta“ nach diesem Widerspruch befragt, erklärte der Kleriker lapidar: „Ich musste die Hölle zeigen. Die Kreise, die eine totalitäre Gesellschaft anstreben, sprechen so.“

In der Hölle endet denn auch die Erzählung. Um die „Bären“ endgültig zu vernichten, läutet die „Moskauer Konföderation“ den nuklearen Endkampf der Kulturen ein, ihre eigene Auslöschung in Kauf nehmend. „Sie sind bereit zu sterben, nur damit wir nicht leben“, erklärt einer der Bären: „Das ist ihr Humanismus!“ Mit einem letzten großen Knall geht die Welt unter, und mit dem Ende der Erzählung beginnt „ein neues Jahrtausend“.

Träumt Russland von der Apokalypse? Als Literat schiebt Tschaplin den atomaren Erstschlag zwar den Liberalen in die Schuhe, doch als Kirchenfunktionär hat er sich auch schon im umgekehrten Sinne geäußert. „Nicht zufällig“, erklärte er im vergangenen Dezember, „haben wir oft um den Preis unseres eigenen Lebens globale Vorstöße aufgehalten, die unserem Gewissen, unserem Geschichtsbild und der göttlichen Wahrheit widersprachen – das napoleonische Projekt, das Projekt Hitlers. Auch das amerikanische Projekt werden wir aufhalten!“

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