Young Euro Classic : Götterfunken für alle

Am Sonntag wird Beethovens „Neunte“ auf den Gendarmenmarkt übertragen – mit einer Tontechnik, die im Freien dieselbe Klangqualität garantieren soll wie im Saal.

Volle Begeisterung für Europa. Hier die Bewegung "Pulse of Europe" am Gendarmenmarkt.
Volle Begeisterung für Europa. Hier die Bewegung "Pulse of Europe" am Gendarmenmarkt.Foto: picture alliance / Jörg Carstens

Es ist schon ein kurioser Zufall: Am 24. August werden die Berliner Philharmoniker zusammen mit ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko Beethovens „Neunte“ vor dem Brandenburger Tor aufführen, als Gratiskonzert für jedermann. Und genau 20 Tage vorher gibt es die „Ode an die Freude“-Sinfonie bereits umsonst und draußen am Gendarmenmarkt. Am Sonntag nämlich überträgt das Festival Young Euro Classic einen Auftritt des European Union Youth Orchestra live aus dem Konzerthaus auf den Platz – und alle Zuhörerinnen und Zuhörer sind am Ende eingeladen, zwei Strophen der Europahymne mitzuschmettern.

Petrenko und die Philharmoniker werden zwar leibhaftig beim Musizieren unter der Quadriga zu sehen sein, während Beethoven am Gendarmenmarkt nur als Streaming aus dem klassizistischen Konzertsaal kommt. Und doch wird der Sound dabei wohl besser sein als am Brandenburger Tor. Denn die Young-Euro- Classic-Macher probieren ein ganz neues Lautsprechersystem des Herstellers L- Acoustics aus, das erst seit diesem Jahr auf dem Markt ist. „Bei großen Klassikevents, bei denen der Schall über weite Strecken übertragen werden muss, so wie beispielsweise in der Waldbühne, können nur etwa 15 Prozent der Besucher den Stereoeffekt genießen“, erklärt der Akustiker Holger Schwark. Nämlich jene, die genau in der Mitte sitzen. Alle anderen haben mehr oder weniger den Eindruck, dass die Waldbühne das größte Kofferradio der Welt ist. Solange die Boxen rechts und links der Bühne platziert sind, lässt sich dieses Manko kaum abstellen.

Wie in modernen Kinosälen

Hier setzt der französische Hersteller mit seinem immersiven 3D-System an. Die neuen, extrem schmalen Lautsprecher werden dabei ober- oder unterhalb des Orchesterpodiums platziert, sodass sich der Freiluft-Zuschauerbereich tatsächlich gleichmäßig und authentisch beschallen lässt. „Das ist dann wie in modernen Kinosälen, wo Lautsprecher hinter der Leinwand versteckt sind, die für ein flächiges Klangbild sorgen“, sagt Holger Schwark. „Vor fünf Jahren wäre so ein Open-Air-Sounddesign technisch noch gar nicht möglich gewesen.“

Mittlerweile aber sind die Rechner in der Lage, die dazu nötigen enormen Datenmengen schnell genug zu verarbeiten. Gerade bei Konzerten mit Sängerbeteiligung ist das wichtig, weil das akustische Signal ja lippensynchron mit den Kamerabildern übertragen werden muss.

„In Tokio ist es seit langem üblich, dass Beethovens Neunte live auf öffentliche Plätze übertragen wird und 6000 bis 8000 Leute die ,Ode an die Freude' mitsingen“, sagt Ralf Bauer-Diefenbach, der geschäftsführende Gesellschafter der MMT Network GmbH, der mit Holger Schwark bei dem Beethoven-Projekt zusammenarbeitet. Bauer-Diefenbach hat mit seiner Firma den Admiralspalast für Klassik-Aufführungen ertüchtigt, als Young Euro Classic im Sommer 2014 wegen Renovierungsarbeiten im Konzerthaus in das Unterhaltungstheater an der Friedrichstraße ausweichen musste. Mit der grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit des Fachmanns schwärmt der Raumakustiker von der „Ortungsschärfe“ der einzelnen Instrumentengruppen, die die innovative „Wall of Sound“ dem Hörer am Sonntag ermöglicht.

Klangvoll aus hundert Kehlen

Dass gerade ein neues Tonstudio am Gendarmenmarkt eingerichtet wurde, ist für die Akustiker natürlich ein Glücksfall. 45 bis 50 Mikrofone werden sie im Saal über den Köpfen der Musiker und Choristen platzieren, um dann einen „Footprint“ dieses Klangs nach draußen zu bringen, wie es Bauer-Diefenbach formuliert. Auf Lkws rollen am Nachmittag der Aufführung zwei Großbildleinwände heran, die beiderseits der Freitreppe stehen werden. Darunter postieren die Techniker dann die schlanken Lautsprecherboxen, und zwar über die gesamte Breite, sodass davor auf einer jeweils rund 325 Quadratmeter großen Fläche alle Anwesenden gleichermaßen das originalgetreue Parkett-Klangbild genießen können. Egal, wo sie gerade stehen.

Damit es am Sonntag zum finalen Höhepunkt auch klappt, dass die Europahymne klangvoll aus Hunderten Kehlen in den Berliner Nachthimmel aufsteigt, bietet Young Euro Classic allen Sangesfreudigen schon vor Konzertbeginn ab 20 Uhr eine kurze Probe mit dem Chorleiter Carsten Gerlitz an. Wer mag, kann sich die Noten sowie Schillers Verse auch vorab auf der Website www.young-euro- classic.de herunterladen.

Wenn es darum geht, Beethoven wirklich open air zu einem Hörerlebnis für die Massen zu machen, legt Young Euro Classic am Sonntag also vor – und die Berliner Philharmoniker müssen am 24. August vor dem Brandenburger Tor zeigen, dass sie akustisch mithalten können.

Das Konzert wird auch in Kooperation mit ZDF und Arte als Livestream auf der Website des Tagesspiegels übertragen.

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