Young Euro Classic : Hat Zukunft

Kristjan Järvi, die Pianistin Dudana Mazmanishvili und der Berghain-DJ Kiziria beim Berliner Festival Young Euro Classic.

Kristjan Järvi hat eine Mission: den klassischen Konzertbetrieb aufmischen, ihn retten vor dem Erstickungstod im Elfenbeinturm. Ob dieser wirklich droht, weiß keiner, gerade die Rituale könnten ja das Publikum anziehen. Was Järvi macht, macht er mit Leidenschaft, als Dirigent, als Komponist – auch mit dem Streichorchester Georgian Sinfonietta bei Young Euro Classic.

Mit dabei ist der Berghain-DJ Irakli Kiziria. Zunächst aber ein Stück ohne Live-Elektronik: „Valse Boston“ des georgischen Komponisten Giya Kancheli. Man muss konzentriert zuhören, um den titelgebenden Takt aufzuspüren, das halbstündige Werk kommt im Ping-Pong-Spiel von Orchester und Klavier nicht in die Gänge, nimmt Anlauf, rauscht filmmusikartig auf, sinkt wieder zusammen. Spröde, als Auftaktstück schwierig.

Klaviersolistin Dudana Mazmanishvili bleibt gleich sitzen, für Bachs Klavierkonzert d-Moll BWV 1052 – jetzt auch mit DJ. Doch Kiziria enttäuscht: eine elektronische Irritation, mehr nicht, Barock mit kryptischen Geräuschen, wahlweise als Meeresrauschen oder Klospülung interpretierbar, das erschließt keine neuen Erkenntnisräume. Bachs kristalline Linearität strahlt dafür umso heller; Mazmanishvili spielt sauber und detailverliebt, ohne zu inspirieren.

Järvis "New York Songs" sind eine Hommage an die US-Metropole

Nach der Pause holt Järvi den Holzhammer raus: Seine Komposition „New York Songs“, an diesem Abend uraufgeführt, ist eine Hommage an die US-Metropole, geschrieben im Geist der Minimal Music mit repetierenden Patterns, unterkomplex, aber mitreißend – zumindest für die Mehrheit im Saal. Dann: „Too Hot to Handel“, auch eine Eigenkomposition.

Järvi nimmt Elemente aus Händels Concerti grossi, Kiziria am Laptop steuert diesmal richtig Musik bei, imitiert Instrumente, übernimmt Melodielinien. Die Verschmelzung gelingt besser als Bach, auch wenn es wirkt, als hätten sich Rondo Veneziano ins Konzerthaus verirrt. Es ist banal, nicht frei von Komik. Keine Kompromisse macht Järvi hingegen beim Orchester: Die Georgian Sinfonietta spielt hochpräsent, schneidig und so überzeugend, dass die Zukunft klassischer Musik plötzlich sehr rosa erscheint.

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