"You're the man" von Marvin Gaye : Meister ohne Plan

Späte Wiederentdeckung: Marvin Gayes Album „You’re the Man“ erscheint 47 Jahre nachdem es aufgenommen wurde.

Soulgott. Marvin Gaye erfand eine neue Verbindung von Pop und Politik.
Soulgott. Marvin Gaye erfand eine neue Verbindung von Pop und Politik.Foto: imago/ZUMA Press

Wut muss nicht laut sein. Sie kann auch säuseln. Getragen von blubbernden E-Gitarren und dengelnden Beckenschlägen, von Flöten, Saxofon und Vibrafon verspricht eine Falsettstimme in den buchstäblich höchsten Tönen: „If you’ve got the master plan / I got the vote for you.“ Der Sänger will den Politiker wählen, der den Meisterplan hat. „You’re the Man“ heißt der Song, der einem offenen Brief an den Präsidenten gleicht.

Allerdings handelt es sich nicht um eine Huldigung, sondern um eine Abrechnung. Die Wirtschaft liegt am Boden, Jugendliche besorgen sich Waffen, Amerikas Zukunft steht auf dem Spiel. Doch der Mann an der Spitze lügt einfach weiter. In einer noch schärferen Alternativversion des Stücks heißt es: „Demagogues and admitted minority haters / Should never be President.“ Demagogen und Minderheitenhasser sollten es niemals ins Weiße Haus schaffen.

Eine streckenweise grandiose, aber auch seltsam richtungslose Platte

Die Zeilen klingen höchst aktuell, sind aber 47 Jahre alt. Der Zorn galt dem Präsidenten Richard Nixon, der damals mit allen Mitteln um seine Wiederwahl kämpfte. Marvin Gayes Album „You’re the Man“, 1972 aufgenommen, ist erst jetzt herausgekommen, auf CD, Vinyl und bei den Streamingdiensten. Lange Zeit galt es als Gerücht der Musikgeschichte, als „lost album“ gehört es in eine Reihe mit sagenumwobenen Werken wie „Smile“ von den Beach Boys oder „Chinese Democracy“ von Guns n’ Roses, die ebenfalls stark verspätet das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Immer wieder mal waren einzelne Titel von „You’re the Man“ aufgetaucht, einige schafften es klandestin auf die Setlists von Soul-DJs. Nun zeigt sich: Es ist eine streckenweise grandiose, aber auch seltsam richtungslose und erratische Platte.

Anfang der siebziger Jahre hatte Gaye den Zenith seiner Karriere erreicht. Sein Konzeptalbum „What’s Going On“, 1970 veröffentlicht, war in seiner Verbindung von Pop und Politik bahnbrechend, es zählt bis heute zu den größten Soulplatten überhaupt. Inspiriert von den Erzählungen seines Bruders, der aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt war, angesichts von Antikriegsprotesten und Polizeiübergriffen beschreibt der Sänger die Zustände in den amerikanischen Innenstädten. Die Verelendung, das Verlorengehen einer ganzen Generation an Drogen und Dschungelkrieg, die Tränen der Mütter.

Als die Single erschien stoppte Label-Chef Gordy die Promotion

Berry Gordy, Chef des Motown-Labels, befand, die Platte sei „zu politisch“ fürs Radio. Über den Titelsong sagte er, er sei „das schlimmste Stück Mist, das ich je gehört habe“. Er eroberte trotzdem den ersten Platz der R&B-Charts, das Album verkaufte sich mehr als eine Million mal, und Gaye, vom „Billboard“-Magazin zum „Trendsetter des Jahres“ gekürt, bekam bei Motown einen neuen, deutlich besser dotierten Vertrag. Warum die Nachfolgeplatte in der Schublade verschwand, lässt sich heute nicht mehr gänzlich klären.

Fest steht, die alten Kämpfe waren noch nicht beigelegt. Als die Single „You’re the Man“, die musikalisch stark an den „Inner City Blues“ erinnert, herauskam, stoppte Gordy die Promotion. Der Song floppte. Gaye gehörte ohnehin zu den Künstlern, die Erfolg schnell verängstigt. Das war bereits 1968 so gewesen, als ihm mit „I Heard It Through the Grapevine“ sein bis dato größter Hit gelang – eine Coverversion. „Wenn du ganz oben bist, kann es nur noch bergab gehen“, lautete Gayes pessimistische Devise.

Die 17 Titel von „You’re the Man“, die für die jetzige Veröffentlichung zum Teil vom Produzenten Salaam Remi aufpoliert wurden, dokumentieren die Ratlosigkeit. Während Marvin Gaye auf dem flirrenden Klagelied „The World Is Rated X“ und auf der von einer fauchenden E-Gitarre eröffneten Ballade „Piece of Clay“ als Protestsänger gibt, fällt er bei anderen Stücken in die Rolle des seufzenden Liebesboten und Frauenverstehers zurück, die ihm zehn Jahre zuvor von Gordy verordnet worden war. Da jauchzt er zu einer fröhlichen Bläsermelodie „You got what I need baby“ und „I’m gonna give you respect“, und wenn sich Streicher, Saxofon und Begleitchor vereinen, croont er: „Darling, you’re my rhapsody“.

Aus der Politik sollte Gaye sich künftig heraushalten

Glaubwürdig wirkt dieser Minnesänger nie, dafür ist der Schmalz zu dick aufgetragen. „Woman of the World“ heißt eine funky federnde Hymne, die zunächst wie eine Ode auf die „liberated lady of today“ klingt, sich aber bald als misogyn erweist. Die Emanzipation hat Männer zum Opfer der Gesetze gemacht, beschwert sich der Sänger, was ist aus den guten alten Zeiten geworden? Wie visionär sein Aufruf „This time a lady should be president“ wirklich gemeint ist, darüber lässt sich streiten.

Aus der Politik sollte Gaye sich künftig heraushalten. Mit dem Album „Let’s Get It On“ fand er 1973 die Erfolgsformel für einen modernen Smoothsoul. Der Biograf David Ritz bezeichnete die Platte als „Gebet“, mit dem der Sänger „die Ekstase seiner früheren religiösen Epiphanie mit einer sexuellen Epiphanie in Einklang zu bringen“ versuchte. Marvin Gaye starb tragisch. Er wurde am 1. April 1984, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, nach einem Streit von seinem Vater erschossen.

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„You’re the Man“ ist bei Motown/Universal erschienen.

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