Zafer Şenocak über Europa : Auf dem Weg zu einem zweiten Jugoslawien

In der EU triumphieren Nationalinteressen. Die einzige Chance besteht in der Rückkehr zur simplen Gründungsidee der Gemeinschaft. Ein Gastbeitrag.

Zafer Şenocak
In Jugoslawien wurde die europäische Idee im Kleinen zerschlagen. Bundeswehrsoldaten 2004 in einer ausgebrannten serbisch-orthodoxen Kirche.
In Jugoslawien wurde die europäische Idee im Kleinen zerschlagen. Bundeswehrsoldaten 2004 in einer ausgebrannten...Foto: Michael Kappeler/AFP

Ja, es gibt dieses Europa, das von Moskau bis nach Lissabon, von Istanbul bis nach Reykjavik reicht. Es gibt die großen europäischen Kulturmetropolen, die fast jeder Erdenbewohner einmal in seinem Leben sehen möchte, falls er die Mittel dazu hat. Und es gibt diese Menschen, die, um ihr Leben zu retten, nach Europa wollen, auf einen Kontinent der Rechtssicherheit, des Friedens und des relativen Wohlstands. Und es gibt inzwischen auch diese mehr oder weniger offen formulierte Angst der Europäer um die Idee, die Europa einen sollte, um die Grenzen der eigenen Heimat. Sie wird sowohl von nostalgischen Erinnerungen an eine nie da gewesene heile Welt der eigenen Kultur genährt als auch von einem Blackout, der die europäischen Katastrophen, die Weltkriege, die Vertreibungen, den Völkermord und den Kolonialismus möglichst in Umzugskisten verpackt, um sie in andere Weltgegenden zu verschicken. Doch die Kisten bleiben bei uns. Sie passen in kein Museum und auch auf keinen Dachboden.

Europa hat viele Leichen im Keller. Daran müsste eigentlich nicht mehr erinnert werden. Denn diese Leichen hatten eine eindeutige Botschaft hinterlassen, ein Vermächtnis. Von diesem Kontinent darf kein Krieg mehr ausgehen. Die Grundideen und die Leitmotive, die das europäische Denken ausmachen, dürfen nicht mehr verraten werden. Viele Sonntagsreden wurden in diesem Sinne gehalten. Das Bild vom Haus Europa bemüht. Aber am lebendigsten blieb Europa für meine Generation an Bahnhöfen, die Städte und Länder miteinander verbanden, auf auch von jungen Menschen bezahlbaren Reisen. Heute, wo man mit dem Kopf und ein paar Geräten schneller reist als mit dem Flugzeug, erscheinen die alten Interrail-Fotos Lichtjahre entfernt zu sein. Doch sie hatten ganze Generationen zusammengeführt und ein neues Gefühl entstehen lassen, das geprägt war von Freiheit und Entdeckung.

Das alles zählt. Es ist die Welt, von der meine Anfang der 60er Jahre geborene Generation unendlich viel profitiert hat, wenn sie im freien Teil Europas auf die Welt gekommen war. Uns wurde Zeit geschenkt, wie vielen anderen Menschen aber wurde Zeit gestohlen? Deswegen bin ich dankbar und demütig zugleich. Aber diese Dankbarkeit macht mich auch unruhig.

Ideelle Spaltung des Kontinents

Bringen wir nicht etwas in Gefahr, das uns nie wieder geschenkt werden wird, wenn wir dieses Europa, die Idee einer friedlichen Gemeinschaft freier Völker, die in Recht, Sicherheit und Wohlstand leben wollen, aufs Spiel setzen? Wenn wir es hinnehmen, dass Gespenster von früher sich – als junge, frische Ideen verkleidet – über die Sprachgrenzen bewegen?

Seit es die Idee der europäischen Einheit gibt, gab und gibt es auch Renationalisierung. Die faktische Umsetzung der europäischen Idee wird von einer ideellen Spaltung des Kontinents begleitet, auf der einen Seite ein starkes europäisches Parlament und zukunftsgerichtete Überwindung nationalstaatlicher Strukturen, auf der anderen Seite Nationalinteressen, ein uneiniger Völkerbund, aus Nationalstaaten bestehend. Keine Seite erweist sich als der anderen überlegen. Status quo und sehr kleine, fast unmerkliche Schritte in die eine oder andere Richtung bremsen jegliche Entwicklung. Doch einige Ereignisse haben die Idee der Einheit Europas, die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, nicht nur verhindert, sondern für absehbare Zeit sogar aus dem Buch der Träume und Fantasien gestrichen.

Zafer Şenocak, geboren 1961 in Ankara, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Deutschland. 2016 erschien von ihm „In deinen Worten: Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters“.
Zafer Şenocak, geboren 1961 in Ankara, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Deutschland. 2016 erschien von ihm „In deinen...Foto: Mike Wolff

Zwei Ereignisse seien hier hervorgehoben, die im Rückblick unvermeidlich scheinen, sogenannte historische Stunden, bei genauerem Hinsehen aber keineswegs alternativlos waren. Aus heutiger Sicht könnte man sogar sagen, diese Ereignisse haben entscheidend zur Krise der europäischen Idee beigetragen, sie zumindest beschleunigt. Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und der Zerfall Jugoslawiens ab 1991 werden selten in Zusammenhang gebracht. Nicht einmal zusammengedacht. Aber das Glück des einen Landes, des einen Volkes, der Deutschen, und das Unglück des anderen, der Jugoslawen, speisten sich aus einer ähnlichen trüben Quelle, sie entsprachen derselben geistigen und politischen Stoßrichtung, nämlich der Renationalisierung von Staaten, der Restitution von Geschichte. Sicherlich hätte es eine andere Alternative gegeben: die Integration der Ostdeutschen in die EU, ebenso die schrittweise Integration Jugoslawiens samt den verschiedenen Völkern, die sein Territorium vereinte. Die Zerschlagung dieses Territoriums aber war nichts anderes als die Zerschlagung der europäischen Idee in Kleinformat. Was in Deutschland friedlich wiedergefunden wurde, die Vereinigung der Nation, wurde am Beispiel Jugoslawiens mit Blutzoll erkauft, spiegelbildlich zur deutschen Einheit, die Aufteilung des Landes anhand historischer Grenzlinien kultureller und konfessioneller Art. In Europa ist die Tragweite dieser Entwicklung in den neunziger Jahren bewusst oder unbewusst unausgesprochen geblieben. Das rächt sich jetzt bitter. Nicht einmal einen Waffenstillstand konnten die Europäer damals vermitteln. Erst amerikanische Bomben beendeten diesen unrühmlichen Krieg auf dem Balkan. Eine Viertelmillion Menschen zählte er zu seinen Opfern. Es ist erstaunlich, dass in Europa immer vollmundig vom erfolgreichen Friedensprojekt gesprochen wird und dieses Blutvergießen am Ende des 20. Jahrhunderts, also nur ein Wimpernschlag von heute entfernt, unerwähnt bleibt. Diese Haltung deutet auf eine gefährliche Verdrängung hin. Denn die Muster des Krieges sind in Europa zwar scheinbar verblasst, aber sie sind nicht verschwunden. Sie kommen immer wieder zum Vorschein, wenn es um Nationalinteressen und Identitätspolitik geht.

„Überzeugter Europäer“ ist zu einer Floskel geworden

Geschichte hat in Europa keine Atempause mehr. Seit 1990 nicht. Von dieser Atempause hatte der freiheitliche westliche Teil Europas profitiert, der östliche darunter gelitten. Die Mauer verlief mitten durch Europa. Diese Mauer ist aber nur formal überwunden worden. Die Staaten, die im Osten Europas ihre Befreiung vom Sowjetsystem feierten verweigern jeden Schritt in ein freies, pluralistisches und weltoffenes Europa, in ein Europa der Vereinigten Staaten. Sie wollen einen möglichst losen Bund von Nationalstaaten, und wenn man ehrlich ist, verhält sich der Rest Europas, allen voran die mächtigen Staaten wie Frankreich und Deutschland, inzwischen nicht wirklich anders.

Der Begriff „überzeugter Europäer“ ist zu einer Floskel geworden. Im Vordergrund stehen kleine und kleinste Nationalinteressen, die Gesamtheit geschweige denn die Einheit ist längst aus dem Blick. Für die Franzosen beispielsweise reicht die große europäische Idee nur bis nach Straßburg, in jene Stadt, wo sich ein unsinniger zweiter Standort des europäischen Parlaments befindet, neben Brüssel. Die Verschwendung von Ressourcen, das mühsame Hin- und Herreisen der Abgeordneten ist aber bisher kein Thema, für keine französische Regierung, auch nicht für den begeisterten Europäer Emmanuel Macron. Wohl aber der Sitz im eigenen Land, den es zu verteidigen gilt. Es ist eben einfacher, wohlfeile Reden über die Zukunft Europas zu halten, als über den nationalen Schatten zu springen, wie kleinformatig dieser Schatten auch sein mag. Dieser Zustand wird sich so schnell nicht ändern. Doch was bedeutet er?

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Europa Jugoslawien immer ähnlicher zu werden droht – ein riesiges, aufgeblähtes Jugoslawien mit vielen Konfessionen und Sprachen, wo in letzter Konsequenz die Idee eines föderalen europäischen Staates aufgelöst wird. Keine Vereinigten Staaten von Europa, sondern einen europäischen Bund aus souveränen Nationalstaaten werden wir bestenfalls bekommen. Sind wir darauf vorbereitet? Wo bitte wird offen darüber diskutiert, was das in der Konsequenz bedeutet? Die Aufgabe der Sicherheitsarchitektur? Nationalismus und die Stärkung der Extremisten?

Europa hat nur noch eine einzige Chance

Europas Einheit basiert auf Freiwilligkeit und Einsicht. Einsicht, dass die Probleme der Zukunft nicht mehr nationalstaatlich geregelt werden können. Einsicht, dass Nationalismus und Fremdenabwehr Krieg und Zerstörung bedeuten. Dass es keine Zivilgesellschaft ohne Rechtsstaat und gesicherte Bürgerrechte geben kann.

Europa hat nur noch eine einzige Chance: zurückzukehren zu diesen einfachen, aber heute immer stärker vernebelten Einsichten. Dafür sind alle Instrumentarien da. Die Rechtsnormen sind bindend, aber die Toleranz gegenüber ihrer Übertretung und Verletzung ist viel zu groß. Aus Europa kann kein Mitgliedsland ausgeschlossen werden. Doch verlassen werden kann dieses Gebilde wohl von jedem einzelnen Staat.

Jetzt sind die Bürger in Europa gefragt. Bürger, die in einem freien, wertorientierten Staatsgefüge leben wollen, wie der am Ende auch aussehen mag, aber mit hohen Standards an Rechtssicherheit und demokratischen Strukturen. Maßstäbe dafür gibt es, allen voran das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, aber auch die Konstitution der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Grundlagen unserer Normen haben ihre Wurzeln in der Aufklärung und der Entfaltung des mündigen Denkens. Wir wissen um die Mühen, die es gekostet hat, menschliche Gemeinschaften und politische Strukturen aufzubauen und zu sichern, die auf diese Normen fußen. Wir müssen das alles nicht neu erfinden. Wir dürfen es bloß nicht vergessen und verdrängen. Wir müssen das Gesetz der freien Menschen und der mündigen Bürger von Generation zu Generation weitergeben, es leben und auch verteidigen lernen.

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