Zeitschriften-Kolumne : Das stumpfe Schwert des Samurai

Deutschlands Blick auf Japan ist verzerrt. Die "Zeitschrift für Ideengeschichte" erklärt warum das auch mit dem Nationalsozialismus zu tun hat.

Deutscher Krieger. Eugen Herrigel spannt den Zen-Bogen.
Deutscher Krieger. Eugen Herrigel spannt den Zen-Bogen.Foto: Universität Wien

Der Philosoph Karl Löwith wusste nur zu gut, dass der preußische Offizier und der japanische Samurai nicht zwei Seiten derselben Medaille sind. Drei Jahre nach Hitlers Machtergreifung konnte sich der abtrünnige Heidegger-Schüler an die kaiserliche Universität Tohoku in Sendai retten, bevor er 1941 in die USA übersiedelte. In seinen Lebenserinnerungen spottet er aus eigener Anschauung über die Fantasien, die der Pädagoge Eduard Spranger als vom deutschen Regime entsandter Leiter des Japanisch-Deutschen Kulturinstituts entwickelte. Die Parallelität von japanischem Opfermut und germanischem Heidentum, Ahnenverehrung und Rassendenken, die Spranger behauptete, galt Löwith zurecht als Dummheit. Und Spranger war nicht der einzige, der sie beging.

Die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (Sommer 2019, C.H.Beck, 14 €) widmet sich auf fast 90 Seiten den Verblendungen eines Japonismus, dessen Spuren bis in die Gegenwart reichen.Die Erkenntnisse über die nationalsozialistischen Umdeutungen sind nicht von Grund auf neu, werden hier aber prägnant dargestellt. Acht Essays gehen den Projektionen nach, mit denen der Blick aufs Fremde doch wieder nur das Eigene entdeckt. Insofern zeigt das Heft weit über seinen Gegenstand hinaus, wie gerade die ostentative Vermeidung eines europäischen Ethnozentrismus einen neuen Ethnozentrismus heraufbeschwören kann. Man könnte auch sagen: Der Universalismus, der hier am Werk ist, überdeckt nur notdürftig den Partikularismus, dem er entspringt.

Die NS-Vereinnahmung japanischer Traditionen ist dabei nur das spektakulärste Beispiel. Kaum jemand erkannte, dass der Zen-Buddhismus, den Karlfried Graf Dürckheim nach seiner Rückkehr aus Japan 1947 hierzulande in einer Vielzahl von Büchern populär machte, auf einem Ganzheitsdenken beruhte, dessen Identitätsauslöschung völkisch grundiert war. Noch unheimlicher ist die Bestsellerkarriere von Eugen Herrigels 1948 erschienener Schrift „Zen in der Kunst des Bogenschießens“. Der Judaist Gershom Scholem verdammte das Büchlein aus gutem Grund 1961 als „Zen-Nazism“. Auf den letzten Seiten heißt es über das Ideal des Bogenschützen: „In jahrelangem unausgesetztem Meditieren hat er erfahren, dass Leben und Tod im Grunde ein und dasselbe sind und des derselben Schicksalsebene angehören.“

Kulturkritische Sehnsüchte

Insbesondere der Zeitpunkt dieser Formulierung lässt sich kaum entschuldigen, auch wenn man den heideggernden Gestus der Schlusspassage noch schlimmer finden kann: Da berühren sich nicht minder fragwürdige Welten. Ihrem Zusammenspiel geht Felix Heidenreich in seinem Aufsatz über „Heidegger und den Rashomon-Effekt“ nach. Akira Kurosawas multiperspektivischer Klassiker aus dem Jahr 1950 war der einzige Kinofilm, den der Philosoph, der Japan nur aus Gesprächen kannte, jemals kommentierte.

Sowohl Dürckheim, der seine NS-Vergangenheit zu vertuschen suchte, als auch Herrigel, bei dem sie einigermaßen offenliegt, sind bei O.W. Barth, dem Esoterikverlag der Droemer Knaur-Gruppe, lieferbar. Der politische Hautgout wiegt indes weniger als die europäisierende Verzerrung der zen-buddhistischen Lehre. Zumal Herrigel hatte ein bestenfalls rudimentäres Verständnis von Zen. Dazu kommt, dass Daisetz Teitaro Suzuki, sein damals bedeutendster Theoretiker, nicht im mindesten dazu beitrug, die faschistische Indienstnahme seiner Lehre zu verhindern – im Gegenteil. Vielleicht muss man zugeben, dass ihr unpolitischer Charakter sie für Instrumentalisierungen aller Art anfällig macht. Unter kapitalistischen Verhältnissen dient sie eben der Selbstoptimierung von Führungskräften.

Mehr zum Thema

Der Sozialphilosoph Kenichi Mishima beschreibt, welche kulturkritischen Sehnsüchte hinter diesen Übernahmen stecken und welche Falschheiten sie bis heute zeugen. Dabei kommt auch Karl Löwith nicht ganz ungeschoren davon. 1886 hörte der in Deutschland studierende Militärarzt Mori Rintarō (Berlin hat ihm unter seinem Schriftstellernamen Mori Ōgai in der Berliner Luisenstraße eine Gedenkstätte eingerichtet), einen Vortrag des deutschen Japanreisenden Edmund Naumann. In einer Zeitungspolemik forderte er daraufhin „Die Wahrheit über Japan“. Ein aus Löwiths Nachlass erstmals publizierter Essay versucht in diesem Kulturstreit philosophisch zu vermitteln. Mishima zeigt, dass er dabei, griechisches und japanisches Naturbild vorschnell in eins setzte. Auf der ideengeschichtlichen Achse zwischen Athen und Tokio, die der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch untersucht, war das asiatische Denken vor allem ein Phantasma.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar