Kultur : Zu schlimm für dich

Das Milchgesicht und der Diktator: Kevin Macdonalds „Der letzte König von Schottland“

Jan Schulz-Ojala

Aber ja, Diktatoren sind auch Menschen. Sie können sogar furchtbar nett sein. Wenn sie sich, umgeben von Leibgarde und Lakaien, sicher fühlen in ihren Palästen oder wenn sie sich einfach mal erholen müssen vom grausamen Tagesgeschäft. Dann erinnern sie sich, wie sie angefangen haben: als Volkstribune, denen die Massen hingerissen gefolgt sind, als vielleicht cholerische, doch vor allem charismatische Visionäre, nicht wahr? – und mit diesen Visionen haben sie einst ganze Reiche hinweggefegt. Und erst die noch hinwegzufegenden Reiche! Da müssen gerade Diktatoren mal Mensch sein dürfen zwischendrin.

Keineswegs verkehrt also, wenn da auch das Kino gelegentlich nachguckt, wie Diktatoren so ticken. Spannung zwischen öffentlichem Schrecken und privater Gemütlichkeit stellt sich da wie von selbst ein. Die einen sind nett zu ihren Sekretärinnen, die anderen richten Poolpartys aus, davon kann die Schickeria von Monte Carlo bis Montreux nur träumen. Manche Regisseure freilich sind gleich so begeistert von ihrem Gegenstand, dass sie ihren bösen Feldherren verfallen – und wenn dann deren Visionen zusammenbrechen und sie gar zur tragischen Selbstentleibung schreiten, rufen ihre Inszenatoren ergriffen die Staatstrauer im Saale aus. Na, so menschlich müssen sie denn doch nicht werden, die Schlächter, dass wir sie, statt sie zu hassen, gleich lieben mögen.

Der ugandische Diktator Idi Amin nahm sich, als es mit seiner Schreckensherrschaft zu Ende ging, nicht das Leben – er gab leutselig Interviews auf dem Weg ins Exil und starb 2003 den friedlichen Altmännertod in Saudi-Arabien. Als Zögling der britischen Kolonialtruppen und Armeechef unter Milton Obote, den er 1971 stürzte, befehligte er während seiner Regentschaft den Mord anHunderttausenden von Landsleuten und wurde erst acht Jahre später abgesetzt, als die Invasion Tansanias scheiterte. In die blutige Geschichte Afrikas ging er als megalomaner Fürst ein, der die Verkleidung schätzte; aus Narrenliebe zu den Schotten, in deren Regimentern er gegen aufständische Kenianer gekämpft hatte, nahm er Paraden schon mal im Schottenrock ab. „Der letzte König von Schottland“, erster Spielfilm des Dokumentaristen Kevin Macdonald („Ein Tag im September“), setzt dem wohl schillerndsten unter den afrikanischen Despoten des 20. Jahrhunderts ein imposantes, buntes, pompöses und vor allem abstoßendes Denkmal.

Das große Morden zeigt Kevin Macdonald nicht; ihn interessiert vielmehr der Widerschein des Bösen im launischen Auftreten eines selbsternannten Übervaters, der seine Landeskinder an die fette Brust drückt, um sie im nächsten Augenblick den Krokodilen zum Fraß vorzuwerfen. Zur Ausleuchtung dieses Charakters wählte er nach dem Debütroman des in Afrika aufgewachsenen „Guardian“Literaturredakteurs Giles Foden die Höflingsperspektive eines schottischen Arztes: Der hat sich vor dem Einstieg in die väterliche Praxis lieber in eine Klinik im Busch Ugandas gerettet und macht nun, Zufall verpflichtet, eine Blitzkarriere in der Entourage Idi Amins. Und retour – vom Leibarzt zum Leib- und Magenberater in allerlei Angelegenheiten bis runter zum Leibeigenen. So schnell kann’s gehen, wenn man Götzen dient.

Die erfundene Figur des Nicholas Garrigan, fast fiebrig quellwasserblauäugig verkörpert vom 28-jährigen James McAvoy, ist ein Naivling vor dem Landesherrn: politisch unbedarft, geltungssüchtig, gefährlich lange unbelehrbar und vor allem ausgestattet mit einem fatalen Nachholbedürfnis an Vaterliebe. Die scheint das „weiße Äffchen“, so spotten sie im Hofstaat bald über ihn, in der schier unendlichen Körpermasse und dem durchdringenden, gerne auch sentimentalen Blick des schwarzen Riesen zu orten: Der Mächtige wertet das Jüngelchen auf, und dafür verfällt es ihm mit Haut und Haar. Eher ein Duett als ein Duell, das James McAvoy und der grandiose, zwischen Gewaltanfällen und Gemütlichkeit, zwischen Leutseligkeit und lauernder Menschenvernichtungslust changierende Forest Whitaker miteinander austanzen. Ein psychologischer Pas de deux, sich selbst berauschend im Crescendo immer aberwitzigerer Situationen von Schauder zu Erleichterung zu neuem Schauder. Und doch: eine Konstellation vor allem, keine Geschichte.

Verständlich, dass der Film, der mit furiosem Schwung anhebt, trotz vieler unterhaltsam gebauter Tableaus bald dramaturgisch stecken bleibt. Über die Diagnose des Kontrasts hinaus – hier der sich immer tiefer verstrickende Dummkopf, dort das instinktsichere Monster, das seines Spielzeugs jederzeit müde werden kann – bietet „Der letzte König von Schottland“ in der Summe bestürzend wenig Gedankenmaterial. Und so sucht das Drehbuch von Peter Morgan, der „The Queen“ geschrieben hat, sein Heil in einer Mischung aus Reißer und Melodram. Der Konflikt, den Nicholas heraufbeschwört und bei dem eine Nebenfrau Idi Amins (schön: Kerry Washington) eine nicht eben überraschende Rolle spielt, soll im Alleingang das Mitleiden mit dem weißen Läffchen heraufbeschwören. Nur ist es dafür längst zu spät.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Colosseum, Delphi, International, Kulturbrauerei, Off, Titania Palast; OV im Cinestar Sony-Center, OmU im Eiszeit und Odeon

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