Zukunft der Literaturfestivals : Kleine Summen, großer Krach

Wo die Poesie prosaisch wird: Die beiden Berliner Literaturfestivals kämpfen um ihre Zukunft

Gregor Dotzauer

Die Gewohnheit macht tückische Versprechen. Im Frühsommer das Poesiefestival, im Frühherbst das Literaturfestival: So könnte es mit Berlins literarischen Großveranstaltungen, die seit Anfang des Jahrtausends aufgeblüht sind, immer weitergehen. Was ist, das bleibt: Damit rechnet man im literarischen Leben der Stadt auch sonst. Bei vier städtisch subventionierten Institutionen (und einem Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur), angesichts der Akademie der Künste, den Vertretungen der deutschen Bundesländer, den Stiftungen der Parteien, den ausländischen Kulturinstituten, angesichts vielfältiger Verlagsaktivitäten, literarischer Salons, Lesebühnen und so mancher Sumpfblüte findet eigentlich das ganze Jahr über ein heimliches Literaturfestival statt. Doch neuerdings ist Unruhe aufgekommen.

Der Hauptstadtkulturfonds hat durchblicken lassen, dass er die Basisfinanzierung beider Festivals mit jeweils 350 000 Euro künftig nicht mehr leisten kann. Die Angst geht um, dass beide Festivals nur noch im jährlichen Wechsel stattfinden können. Insbesondere der Leiter des Literaturfestivals, Ulrich Schreiber, schürt sie nach Kräften. Die Rettung erhofft er sich aus Bundesmitteln. Davon träumt, auf andere Weise, auch Thomas Wohlfahrt, der Leiter des Poesiefestivals und der veranstaltenden Literaturwerkstatt. Man muss die persönlichen Animositäten zwischen Wohlfahrt und Schreiber nicht kennen, um die Frontstellung der beiden Festivals zu verstehen: Je kleiner das Gewässer, desto bissiger die Hechte.

Fest steht jedenfalls, dass für das Jahr 2008 noch nichts feststeht. Mit Blick auf den Apparat, den man für solche Festivals in Bewegung setzen muss, ist das eine erschreckende Nachricht. Horst Claussen, der zuständige Referatsleiter im Bundeskulturministerium, den man weiterhin im alten Bonn vor sich hinwerkeln lässt, statt dass man ihn da ansiedelt, wo die Musik spielt, weiß am besten, dass Festivals dieser Größenordnung eine Planungssicherheit von vier bis fünf Jahren brauchen.

Der Literatur steht damit etwas bevor, was etwa bei der Oper längst in Angriff genommen worden ist: eine Einigung über die Lastenverteilung zwischen Bund und Land. Die schwierigere Baustelle liegt schon aus Kostengründen bei der Oper. Gemessen an den derzeit rund 112 Millionen Euro Subventionsbedarf der drei Opernhäuser ist der Unterhalt der literarischen Institutionen und Festivals ein Witz. Es lohnt daran zu erinnern, dass nur rund 0,4 Prozent des Berliner Kulturetats der Literatur zugutekommen. Der Basisetat der Festivals von jeweils 350 000 Euro bewegt sich knapp unter den Zuwendungen, die der Senat seinen jeweiligen Institutionen pro Jahr gönnt: Sie müssen mit Drittmitteln über die Runden kommen. Nachdem die Kulturausgaben des Senats überdies seit 1996 eingefroren sind, ist es angesichts gestiegener Sozialkosten und der seit elf Jahren anfallenden Ausländersteuer nicht erstaunlich, dass sich viele Beteiligte sagen: Schlimmer geht’s immer. Wenigstens scheint im Senat seit den Querelen um das Literaturhaus im Jahr 2002 niemand mehr ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, eine Institution zu schließen, wie es der vormalige Kultursenator Thomas Flierl offenbar mit dem Literaturhaus erwogen hatte. Der Schaden würde den Nutzen, jährlich nicht einmal 400 000 Euro einzusparen, kaum aufwiegen.

Wie und vor allem wann es zu einer Einigung kommt, weiß im Augenblick niemand. Eine Expertise der Senatsverwaltung, die gegenüber dem Bundeskulturministerium Lage und Bedeutung der Festivals vor dem Hintergrund der literarischen Institutionen bewerten sollte, ist wieder vom Tisch. Sie hätte Unvergleichbares miteinander vergleichen müssen und sich entweder den einen oder den anderen zum Feind gemacht. Nun will man sich zwischen Land und Bund in einer Arbeitsgruppe zusammensetzen.

Es ist deshalb so schwer, eine gerechte Empfehlung abzugeben, weil der Streit nur an der Oberfläche symmetrisch verläuft. Erstens: Das Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) steht für sich. Das Poesiefestival dagegen ist das Aushängeschild der Literaturwerkstatt. Eine Entscheidung lässt sich nicht ohne Verständnis für das prekäre Gleichgewicht der Literaturinstitutionen treffen: des Literarischen Colloquiums (LCB) am Wannsee, des Literaturhauses in der Fasanenstraße, des Literaturforums im Brecht-Haus und der Literaturwerkstatt.

Zweitens: Das Literaturfestival umfasst alle Gattungen vom Kinderroman bis zur szenischen Lesung. Das Poesiefestival dagegen widmet sich per definitionem nur einer einzigen – auch wenn es mit Konzerten, Tanzperformances und dem mittlerweile ausgegliederten ZEBRA Poetry Film Festival Vielfalt demonstriert. Daraus mag die unterschiedliche Größe der Festivals resultieren – das ilb zählt nach eigenen Angaben in elf Tagen 30 000 Besucher, das Poesiefestival in neun Tagen ein Drittel davon –, nicht aber ihr gemeinsamer überregionaler Anspruch und ein gutes internationales Netzwerk.

Drittens: Die Einbettung in kulturpolitische Interessen ist grundverschieden. Thomas Wohlfahrt träumt davon, die Literaturwerkstatt in Deutschlands Zentrum für Poesie zu verwandeln. Bei Bund und Land liegt ein Konzept vor, das die bestehenden Initiativen, darunter die mehrsprachige Netzplattform „Lyrikline“ (www.lyrikline.org), etwa um Fortbildungen für Lehrer und Schüler oder eine Mediathek für visuelle Poesie und Lautpoesie erweitern will. Mit einer solchen Ausstattung auf Bundesniveau, für die ein Vielfaches des bisherigen Etats nötig wäre, würde sich die Literaturwerkstatt mit einem Schlag an die erste Stelle der Berliner Institutionen katapultieren. Auf der anderen Seite hat Schreiber in Joachim Sartorius, dem Intendanten der Berliner Festspiele, einen Fürsprecher mit gutem Draht zum Bund. Sartorius hat dem ilb nicht nur sein Haus in der Schaperstraße zur Verfügung gestellt, er hat mit dem Festival auch eine Gattung gewonnen, die ihm lange fehlte.

Inhaltlich ist damit wenig gesagt. Erst wenn man Konzept und Wirklichkeit beider Festivals vergleicht, kommt man der Sache näher. Der Anspruch des Literaturfestivals, ein Bild der zeitgenössischen Weltliteratur zu entwerfen, steht und fällt mit der Frage, wie themenstark und programmscharf es sich präsentiert – und ob es Dinge sind, die man sonst in Berlin nicht findet. Das dominierende Prinzip Wundertüte, das auf Verlagskosten an- und durchreisende Starartisten mit Autoren, die gegen Kost und Logis immer schon mal nach Berlin wollten, kombiniert, könnte noch Profil vertragen. Dass sich ein solches ohne ausreichende eigene Mittel nicht entwickeln lässt, trifft zu, zählt aber nur halb: Die schiere, zerfaserte Größe des Festivals ist auch nach seiner vorsichtigen Schrumpfung ein Problem. Und: Man kann kein Festival so gut ausstatten, dass es nicht wesentlich von Ideen und Enthusiasmus leben müsste.

Das Poesiefestival, dessen Länderschwerpunkte nicht weniger von Sponsorengeldern abhängen, entwirft dagegen ein sehr klares Bild der zeitgenössischen Dichtung. Doch Wohlfahrts auf die performativen Qualitäten von Lyrik und deren multimediale Präsentation ausgerichteter Ansatz unterschätzt die Schriftlichkeit der Gattung. Die Geduld des Papiers und die Ungeduld der Bühne sind ein Widerspruch, der sich durch die Bevorzugung des Mündlichen und Gestischen nicht auflöst. Die Lautmaler sind eher die Avantgarde von gestern, während die Avantgarde von morgen, die auch in der lebendigen Berliner Szene zu Hause ist, eher an Traditionen der Moderne anknüpft.

Was tun? Eine Biennalisierung der Festivals aus Gründen, die nicht in der Sache selbst liegen, sondern in einem aus finanzieller Not geborenen Proporzdenken, wäre ein Unding. Sie würde überdies die beim Literaturfestival an ein eingespieltes Personal gebundene Infrastruktur bedrohen. Eine Zusammenlegung, in der das Poesiefestival als autonome Sektion fungiert wie das Internationale Forum des Jungen Film bei der Berlinale, würde Wohlfahrts Verdienste schmälern.

Halten wir uns, solange es keine besseren Nachrichten gibt, an die guten aus Berlin. Ernest Wichner hat es geschafft, das Literaturhaus, das sein Vorgänger Herbert Wiesner fast leergespielt hatte, wieder zu einem attraktiven Ort zu machen. Das LCB hat seine Rolle als internationaler Dienstleister ausgebaut und mit Hilfe der Bosch-Stiftung zuletzt ein aus derzeit 16, bisher vor allem in Osteuropa angesiedelten Literaturzentren bestehendes Netzwerk namens „Halma“ gegründet. Und Therese Hörnigk, die das Literaturforum seit acht Jahren leitet, geht Ende 2007 in Rente. Diesen Monat soll ihre Stelle neu ausgeschrieben werden. Auch all das ist ein Stück Zukunft.

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