Zukunftsroman „Technophoria“ : Smarte neue Welt

Total vernetzt, effizient, ökologisch nachhaltig – und trotzdem versagt die Technik ziemlich oft. Niklas Maak beschreibt in seinem Zukunftsroman die Widersprüche des 21. Jahrhunderts.

Anja Kümmel
Ob es hier nach Diesel riecht? In einem Serverraum des Facebook-Datenzentrums. 
Ob es hier nach Diesel riecht? In einem Serverraum des Facebook-Datenzentrums. Foto: AFP

Früher gab es Probleme, die gelöst werden wollten. Heute gibt es technologische Lösungen für Probleme, die erst einmal geschaffen werden müssen – oder zumindest in ihrer Komplexität so weit heruntergebrochen, dass sie zur anvisierten Lösungsstrategie passen.

Der Netzkritiker Evgeny Morozov prägte hierfür den etwas sperrigen Begriff „Solutionismus“. Was man sich darunter vorstellen kann, in all seinen Implikationen, Widersprüchen und Absurditäten, lässt sich nun auf poetisch-philosophische und dabei höchst vergnügliche Weise in Niklas Maaks Near-Future-Vision „Technophoria“ nachlesen.

Als Paradebeispiel einer solutionistischen Denkweise fungiert bei Maak das Projekt Qattara-Depression: Die Senke in der Lybischen Wüste zu fluten, um das Gebiet in ein fischreiches Binnenmeer zu verwandeln, Arbeitsplätze zu schaffen und das Klima positiv zu verändern, kursierte als Idee bereits in den siebziger Jahren. 

Nun imaginiert Maak eine Version 4.0. dieses megalomanen Plans, indem er eine fiktive Techfirma darauf ansetzt, für die seine Hauptfigur Turek als Cheflobbyist arbeitet. Das schlagende Argument des Start-ups: Der Meeresspiegel wird auf ein Prä-Anthropzän-Level gesenkt – „Problem Klimawandel gelöst!“

Religiöses Gefühl beim Anblick einer Serverhalle

Dass es dem Unternehmen vor allem darum geht, der entstehenden Wohlstandsregion („die neue Côte d’Azur, das neue Kalifornien“) ihre Smart-City-Konzepte zu verkaufen, klingt allerdings deutlich zwischen den Zeilen durch.

Derlei ironische Spitzen gönnt sich der „FAZ“-Journalist durchaus – dennoch ist „Technophoria" keine überzogene Zukunfts-Satire, bei der die Seiten sofort klar wären. Turek ist so klug und abwägend, so romantisch und pragmatisch, so selbstgerecht und bequem wie jeder und jede von uns. 

Vor allem aber ist er aufrichtig überzeugt von seiner Mission, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und hellauf begeistert von der Technologie, die dies leisten soll. 

Wenn er die gigantische Serverhalle seiner Firma überblickt, erfasst ihn ein beinahe religiöses Gefühl angesichts „dieser mit sämtlichen Äußerungen der Gegenwart gespeisten Supernovaskulptur“. 

Immun gegen Zweifel und Bedenken ist er trotzdem nicht. Was, wenn in seinem smarten Testhaus der Strom ausfällt? Wenn Alexa ihre Stimme verliert und „krächzte wie ein Geist, der von Dämonen geschüttelt wird“? 

Schattenseiten der Technik

Die Technik versagt in „Technophoria“ ziemlich häufig, und der Mensch steht hilflos davor – meist in unspektakulären Alltagssituationen, manchmal in slapstickhaft zugespitzten Szenen, etwa wenn ein autonomes Fahrzeug ungebremst ins Buffet seines Erfinders kracht und die Sektgläser und Häppchen nur so durch die Gegend spritzen.

Doch auch reibungslos funktionierende Technologien haben ihre Schattenseiten. Den Dieselgeruch etwa, der um seine geliebte Serverhalle zieht, kann Turek kaum ignorieren. In solchen leicht zu überlesenden Nebensätzen offenbaren sich die inhärenten Widersprüche des 21. Jahrhunderts. 

Während die Bewohner der Smartvilles in einer schönen neuen Post-Carbon-Welt leben, verbrauchen die Serverfarmen, die sie betreiben, so viel dreckig erzeugten Strom wie jährlich die Haushalte mehrerer Staaten zusammen.

Auch Aura, mit der Turek eine wechselhafte On-and-Off-Beziehung führt, steht emblematisch für die uneingelösten Versprechen des Digitalen. 

Im Heer von Clickworkern

Als alleinerziehende Mutter, die im Nebenjob anonymisierte Aufzeichnungen von Sprachassistenten abhört, ist sie Teil jenes Heers von Clickworkern, die mit ihrer eintönigen, unterbezahlten Arbeit den Mythos der „selbstlernenden Algorithmen“ aufrechterhalten.

All diese Beobachtungen und Zustandsbeschreibungen lässt Maak elegant in seinen Plot einfließen, ohne je moralisch zu werten oder den mahnenden Zeigefinger zu heben. 

Seine Figuren wirken komplex und glaubwürdig – mit Ausnahme vielleicht des profitgierigen Zynikers, der Tureks Smart-City-Firma leitet –, gerade weil man seine Motivationen oft nicht durchschaut. 

Das Qattara-Projekt indes, das Maak offenbar als catchy Aufhänger diente, rückt im Lauf der Geschichte in den Hintergrund. Hauptsächlich ist Turek damit beschäftigt, Berlins Regierung davon zu überzeugen, ihre Stadt Stück für Stück in eine total vernetzte, effiziente, ökologisch nachhaltige zu verwandeln. 

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Ein Gedankenexperiment, das so fern nicht ist. Tatsächlich plant Siemens gerade ein Smart-City-Vorhaben in Spandau.

Für eine Rückkehr in vordigitale Zeiten plädiert Maak sicher nicht – dafür ist er, wie seine Hauptfigur, zu fasziniert von der ganz eigenen Poesie moderner Technologien. Ebenso deutlich wird in „Technophoria“ allerdings, dass Macht- und Verteilungsfragen neu gestellt werden müssen, will man kommerziellen Unternehmen nicht die Deutungshoheit über „richtig“ und „falsch“ überlassen.

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Wie viel Eingreifen in die vom Menschen destabilisierte Natur nötig und sinnvoll ist, um drängende Probleme anzugehen, sei es die Eindämmung einer Pandemie oder die Abwendung der Klimakatastrophe, wird auch in Zukunft kein noch so fein justierter Algorithmus entscheiden können.
[Niklas Maak: Technophoria. Hanser Verlag, München 2020. 256 S., 23 €.]

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