Kultur : Zum Teufel mit dem Adel

„Schöne Verhältnisse“ von Edward St. Aubyn

Silja Ukena

Morgens um halb acht ist bei den Melroses die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Wir befinden uns im Luberon, in der südfranzösischen Sommerfrische der britischen Upper-Class-Familie. Lacoste, der Ort, an dem der Marquis de Sade einst lebte, kann nicht weit sein. David Melrose, mit Bademantel und Pinochet-Sonnenbrille, beginnt sein Tagwerk, indem er Ameisen mit dem Gartenschlauch killt. Seine Gattin Eleanor genehmigt sich einen ersten Drink, um in Form zu kommen. Der fünfjährige Patrick spielt auf dem Brunnenrand mit seinem Leben. Später am Tag wird David seinen Sohn missbrauchen und seine Frau mit der einen oder anderen Bemerkung noch ein bisschen mehr zugrunde richten; abends beim Diner mit Freunden hat die Stimmung dann locker das Niveau von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ erreicht.

Autor dieser Ehe- und Familienhölle mit dem Titel „Schöne Verhältnisse“ ist der 1960 geborene Edward St. Aubyn, und schon nach den ersten zwanzig Seiten versteht man, warum sein Vater drohte, ihn umzubringen, sollte der Sohn „dieses Buch“ je schreiben. Der Roman, in Großbritannien bereits 1992 veröffentlicht, ist autobiografisch und Patrick Melrose nachgewiesener Maßen das literarische Alter Ego des Autors. Für die britische Presse war das ein wunderbarer Skandal, zumal die St. Aubyns eine Art englischer Thurn und Taxis sind und seit dem 11. Jahrhundert halb Cornwall besitzen. Und jedes Wort, das über die desaströsen Zustände in dieser Familie durch die dicken Mauern ihres Landsitzes drang, war schon eines zu viel. Den Roman jedoch für einen plumpen Racheakt zu halten, hieße ihn gründlich misszuverstehen. Denn stilistisch bewegt sich St. Aubyn, der inzwischen fünf weitere Bücher geschrieben hat, von denen eines für den Booker Prize nominiert war, auf höchstem Niveau. Die geschliffenen Sätze, mit denen er die Welt seiner Kindheit in die Luft jagt, lassen ihren monströsen Inhalt nur noch deutlicher hervortreten. Übersetzer Ingo Herzke hat hier hervorragende Arbeit geleistet.

Doch St. Aubyn geht es nicht nur um das private Drama einer verkorksten Familie. Mehrfach wechselt der Erzähler die Perspektive, dehnt seine Beobachtungen auf die zum Abendessen anreisenden Freunde der Melroses aus und nimmt so en passant das scheinheilige Leben einer ganzen Klasse ins Visier. Einer Klasse, die sich mit Angestellten, echten Correggios und Bildung umgibt, im Angesicht eines unglücklichen Kindes aber keine Geste mehr zustande bringt, als einen Scheck für Save the Children auszufüllen. Hätten sie besser ihre eigenen Kinder gerettet.

Edward St. Aubyn: Schöne Verhältnisse. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. DuMont Verlag, Köln. 188 Seiten, 17, 90 €.

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