Zum Tod von Andrea Camilleri : Der Kunstsizilianer

Leser auf der ganzen Welt haben die Krimis des Schriftstellers Andrea Camilleri verschlungen. Nun ist er im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben.

Der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri (1925-2019).
Der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri (1925-2019).Foto: Mario De Renzis/epa/dpa

Der Ruhm kam spät, und spät hat Andrea Camilleri auch mit dem Schreiben begonnen: Er war 69 Jahre alt, als sein erster Krimi um den sizilianischen Kommissar Salvo Montalbano erschien, eines jener tiefblauen Bändchen des palermitanischen Verlags Sellerio, die in jeder italienischen Buchhandlung sofort ins Auge fallen. Auf „Die Form des Wassers“ von 1994 folgten seither im Jahresrhythmus 25 Montalbanos, Prosa seines Erfinders rings um den Commissario nicht eingerechnet. Sein Verlag führt 90 Camilleri-Titel, noch mehr mit ihm als Ko-Autor.
Italien verschlang Camilleri, die Welt folgte: Er wurde in 120 Sprachen übersetzt und verkaufte weltweit 30 Millionen Exemplare seiner Romane, Krimis, Essays. Nach dem 2016 verstorbenen Umberto Eco war er international der vermutlich bekannteste zeitgenössische Autor Italiens, der populärste war er sicher. Das Kunstsizilianisch seines Kommissars ging sogar ins Italienische ein.

Dem Fernsehen war er zu kommunistisch

Davor hatte Camilleri, der am 6. September in Porto Empedocle auf Sizilien geboren wurde, ein langes Berufsleben als Produktionsleiter, Regisseur und Drehbuchautor verbracht, die längste Zeit beim Staatssender Rai. In den frühen 1950er Jahren hatte man ihn dort, so erzählte er später, zunächst nicht nehmen wollen. Er sei zu kommunistisch, fanden die Vorgesetzten. Sie irrten sich nicht. Der 93-jährige Andrea Camilleri war und blieb ein Linker, einer, der sich einmischte, bis wenige Wochen vor seinem Tod an diesem Mittwoch in Rom.
Auch seinen Kommissar – dessen Name auf den spanischen Schriftstellerkollegen Manuel Vázquez Montalbán anspielte – ließ er erklärtermaßen weniger Fälle lösen als einen fiktionalen Raum dafür schaffen, der italienischen Gesellschaft und Politik auf den Zahn zu fühlen. In einem Interview mit „La Repubblica“ sprach Camilleri wenige Monate nach dem Amtsantritt der Lega-Sterne-Regierung 2018 von einem „hässlichen Konsens, den Salvini für seine extremistischen Thesen bekommt“, der ihn an 1937 erinnere – das Jahr der ersten faschistischen Rassegesetze.

Eine regierungskritische Stimme

Und als Italiens Innenminister und aktueller starker Mann mit betont katholischen Auftritten gegen die offene migrationspolitische Haltung des Papstes polemisierte, kommentierte Camilleri, er bekomme „Brechreiz, wenn ich Salvini mit dem Rosenkranz in der Faust sehe“. Eine Folge der beliebten TV-Serie nach seinen Montalbano-Krimis bekam von der stets regierungsfrommen Rai kürzlich einen „einordnenden“ Kommentar verpasst – in der Episode ging es um Flüchtlinge; sie ganz abzusetzen, hatte man dann doch nicht gewagt. Womöglich wird Camilleri die Rechte noch postum weiterärgern. Obwohl aktiv bis zu einem Herzstillstand vor wenigen Wochen, der ihn ins Krankenhaus Santo Spirito in Rom zwang, hatte Camilleri vorgesorgt und seinen letzten Montalbano schon vor Jahren bei Sellerio abgeliefert, mit der Auflage, ihn erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. Schließlich wisse er nicht, ob ihn noch Alzheimer treffe.

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