Zum Tod von Danielle Darrieux : Dame, Mädchen, Vamp

Die französische Aktrice Danielle Darrieux ist mit 100 Jahren in der Nähe von Paris gestorben. Sie drehte mit Wilder, Chabrol und zuletzt Ozon

Eberhard Spreng
"8 Frauen". Danielle Darrieux in der Mitte mit den Schauspielerinnen Ludivine Sagnier, Virginie Ledoyen, Catherine Deneuve zu ihrer Linken (v.l.) und D Isabelle Huppert, Firmine Richard und Emmanuelle Beart zu ihrer Rechten (v.l.).
"8 Frauen". Danielle Darrieux in der Mitte mit den Schauspielerinnen Ludivine Sagnier, Virginie Ledoyen, Catherine Deneuve zu...Foto: dpa

Mit einem kapriziösen Catwalk begann Danielle Darrieux’ Karriere im Weltkino: Da schreitet sie mit verschmitztem Lächeln übers Trottoir und verführt einen reichen Taugenichts, der im offenen Coupé neben ihr herfährt. Das war 1934, als der gerade nach Paris geflohene Drehbuchautor Billy Wilder als Regisseur mit der Darrieux seinen ersten Film realisierte, „Mauvaise Graine“ – „Böse Brut“. Die junge Schauspielerin war gerade mal 16 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte sie in „Le Bal“, nach dem Roman von Irène Nemirovsky, erstmalig vor der Kamera gestanden.

Die nächsten Jahre spielt sie das undurchsichtige Mädchen, das maliziös Naivität vorgaukelt, bis sie in dem Welterfolg „Mayerling“ mit der Österreicherin Mary Vetsera die erste dramatische Rolle verkörpert, eine tragische Liebe zum Kronprinzen Rudolf von Habsburg. Der Historienfilm ebnete ihr den Weg nach Hollywood, wo sie die Universal für sieben Jahre unter Vertag nahm. Sie spielt zwar an der Seite von Douglas Fairbanks in der Komödie „The Rage of Paris“, löst aber ihren Vertrag vorzeitig auf und kehrt mit ihrem französischen Mann, dem Regisseur Henri Decoin, zurück.

In Frankreich dreht sie unter seiner Regie „Retour à l’Aube“, wo sie eine noble Abendgesellschaft mit ihrer Stimme verzaubert. Den Kopf lasziv in die Hand gestützt, singt sie die erste Strophe, mit der gleichen Kopfhaltung und Blickrichtung die zweite. Dann bricht der Applaus los, den die junge Darrieux regungslos mit traurigem Blick ins Leere quittiert. Sicherer als mit dieser minimalistischen Performance kann ein Vamp die Beherrschung seiner Mittel nicht beweisen. Sie ist der Star des Augenblicks, ihre Frisur, ihre Kleidung, ihr Habitus wird zur herrschenden Mode in Paris und in Frankreich.

Die Kritiker verglichen ihr Spiel mit dem der Garbo und Dietrich

Während der Okkupation und Kollaboration setzt sie ihre Karriere fort, auch mit der aus Deutschland finanzierten Continental-Films, dessen Direktor Alfred Greven sie zu wiederholter Mitwirkung nötigt. Der Grund: ihre Ehe mit dem dominikanischen Botschafter Porfirio Rubirosa, den die Nazis wegen Spionageverdacht inhaftiert hatten. In den 50ern arbeitet sie mit Max Ophüls: In „La Ronde“ von 1951 nach Arthur Schnitzler und „Madame de ...“ von 1953 löst sie die Fesseln, die die soziale Maskerade ihren oft aristokratischen Figuren auferlegt. Kritiker vergleichen nun ihr Spiel mit Greta Garbo und Marlene Dietrich.

Zur Zeit der Nouvelle Vague dreht sie mit Claude Chabrol „Landru“, wechselt aber auch zum Boulevardtheater, dem sie bis in die nuller Jahre unseres Jahrhunderts treu bleibt. Für ihre Hauptrolle in „Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emmanuel Schmitt erhält sie den „Molière“-Theaterpreis – nur eine von zahlreichen Auszeichnungen. François Ozon reserviert ihr 2002 in seiner Hommage an die großen Aktricen Frankreichs und den Chanson Français einen Ehrenplatz: Als Mamy tritt sie in dessen „8 Frauen“ auf und beschließt die Filmhandlung mit dem herzergreifenden, von Georges Brassens vertonten Aragon-Gedicht „Il n’y a pas d’amour heureux“. Mit ihrer glockenhellen Stimme bleibt sie auch als Sängerin in Erinnerung.

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Danielle Darrieux hat acht Jahrzehnte Tonfilm und sieben Jahrzehnte auf der französischen Theaterbühne geprägt, in der Rolle des kleinen kapriziösen Mädchens, der romantischen Geliebten in der besseren Gesellschaft und der etwas eigenwilligen, eleganten, älteren Dame. Wie jetzt bekannt wurde, starb sie am Dienstag in ihrem Haus in der Nähe von Paris mit 100 Jahren.

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