Lange Röcke, Gretchenfrisur: Kaum dass Lessing sprach, vergaß man ihr Outfit.

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Zum Tod von Doris Lessing : Zwischen Wut und Würde
Starb 94-jährig: Doris Lessing.
Starb 94-jährig: Doris Lessing.Foto: AFP

Wenn man Doris Lessing in den letzten Jahrzehnten mit ihrer grau gescheitelten Gretchenfrisur und den langen Röcken begegnete, war es schwer, dieser Frau den politischen Furor zuzutrauen, den sie einmal entfacht hatte. Mit feministischer Vereinnahmung wollte sie ohnehin nie etwas zu tun haben, überhaupt ärgerte es sie, wenn sie in Schubladen gesteckt wurde. Aber kaum dass sie zu sprechen begann, mit feiner Ironie und immer ein bisschen auf britischem Abstand, vergaß man das Outfit. Da blitzten politische und emotionale Intelligenz sowie analytische Schärfe auf, jene Gaben, die sie zu ihrem unbequemen Weg befähigt haben.
Literarisch führte er durch Untergangsszenarien („Tagebuch einer Überlebenden“, 1974), weibliche Bildungsreisen im großen Martha-Quest-Zyklus (1952 -69) und selbst in die entgrenzte Welt der Science Fiction („Canopus in Argos“, 1979-83). Sie wolle nicht warnen, behauptete sie einmal, das könnten Wissenschaftler besser als sie. Ihr ginge es nur darum, die Möglichkeiten des Untergangs und die menschlichen Angstträume durchzuspielen.
Was ihr nicht immer mit der gleichen Bravour und ästhetischen Kraft wie im „Goldenen Notizbuch“ gelang. Literarisch wurzelte Lessing, trotz ihrer Ausflüge ins Parapsychologische oder Fantastische, im Realismus des 19. Jahrhunderts, in den Klassikern von Dostojewski oder Tolstoi, die sie als Kind verschlungen hatte. Ein Kennzeichen, das sie mit ihrer Kollegin Nadine Gordimer teilt.
Als der 87-Jährigen 2007 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, war die Ehrung auch von Kritik begleitet. Das schwedische Komitee habe bei der Wahl ein unglückliches Händchen bewiesen, hieß es. Wesentliches sei ihr zuletzt nicht mehr geglückt: ein verdienter Preis, aber Jahrzehnte zu spät. „Sie können den Nobelpreis keinem Toten geben. Deshalb haben sie jetzt wahrscheinlich mich damit bedacht, bevor ich den Abgang mache“, kommentierte Lessing sarkastisch.

Ihre letzten Bücher, stellten keine literarischen Highlights mehr dar

Stimmt schon: Ihre letzten Bücher, insbesondere „Die Kluft“, stellten keine literarischen Highlights mehr dar. Friedliche Frauengemeinschaften, die durch das Auftauchen von Männern durcheinandergebracht werden – das erinnert doch sehr an einstige Matriarchatsschwärmereien. Aber Lessings Kulturkritik in ihrer Nobelpreisrede, ihr Schimpfen auf die Welt des Internet, die sie auch bei anderer Gelegenheit öffentlich anprangerte, entspringt einer langen Rückschau, sie fußt auf Lebenserfahrung. Nach dem Krieg, erzählte sie bei einem Besuch in Berlin, hätten sie und ihre Altersgenossen noch das Gefühl gehabt, die Welt verändern zu können, politische Irrtümer eingeschlossen. Dieses Gefühl habe sich verloren in einer beschleunigten Welt, die niemand mehr kontrollieren könne. Vielleicht wird die Generation, die nun das Erbe der Beschleunigung antritt, wieder mehr mit Doris Lessings Mahnungen anfangen können. Mehr als die, die in ihr einmal eine Vorkämpferin sahen und im späteren Enttäuschungsstrudel „realistisch“ geworden sind.

In New York wurde die große alte Dame von einer Studentin einmal nach dem Sinn des Lebens gefragt. Warum denkst du, dass ich das weiß, konterte die Autorin. Worauf das Mädchen unzufrieden erwiderte, sie solle den Jüngeren ihr Wissen doch nicht vorenthalten. Aber das wäre Doris Lessing nie in den Sinn gekommen. Die britische Schriftstellerin, die am Sonntag mit 94 Jahren in ihrem Haus in London gestorben ist, hinterlässt ein wohl gefülltes Archiv.

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