Auch Ironie war für Iring Fetscher ein Instrument der Erkenntnis

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Update
Zum Tod von Iring Fetscher : Der Weiterdenker
Herfried Münkler
Iring Fetscher lehrte von bis 1963 bis 1987 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main
Iring Fetscher lehrte von bis 1963 bis 1987 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/MainFoto: p-a/dpa

Überhaupt hatte Fetscher ein feines Gespür für Autoren, die in einer bestimmten Deutungstradition gefangen waren. Gegen sie versuchte er, einen offeneren, weiteren Blick durchzusetzen. Das gilt nicht nur für Marx, sondern auch für Jean-Jacques Rousseau, den er als einen radikaldemokratischen Denker gelesen wissen wollte, anstatt ihn als Stichwortgeber für den Großen Terror in der Französischen Revolution oder Urvater des Totalitarismus zu rubrizieren. Auch Thomas Hobbes, in Deutschland lange als geistiger Parteigänger des autoritären Staates begriffen, ist von Fetscher als ein im Kern liberaler Theoretiker begriffen worden. Wobei er den Blick von den Befugnissen des Souveräns weggelenkt hat, hin zum Vertrag freier Menschen als Gründungsakt des Staates.

Immer wieder prägte dieser starke Rekurs auf die Geschichte der politischen Ideen nicht nur Iring Fetschers besondere Position im Fach Politikwissenschaft, sondern auch den Stil seiner Interventionen als öffentlicher Intellektueller. Positionen müssen argumentativ begründet werden. Der dabei von Fetscher beschrittene Weg war die kritische Auseinandersetzung mit den großen politischen Theoretikern: Erst eine Stellungnahme, die deren kritischem Einspruch standhielt, konnte sich öffentlich sehen lassen. So wurde aus einer liberalen Grundhaltung eine Form liberalen Denkens und Argumentierens.

Bei alldem hatte Iring Fetscher einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Er schätzte nicht nur die Autoren in der Geschichte des politischen Denkens, die ihre Überlegungen mit gelegentlicher ironischer Distanz vortrugen, sondern bediente sich auch selber gern dieses Stilmittels. Es war für ihn zugleich ein Erkenntnisinstrument. In der breiten Öffentlichkeit am bekanntesten wurde denn auch sein kleines Buch „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“, in dem er die Märchen der Brüder Grimm in einer munteren Mischung aus psychoanalytischen und marxistischen Deutungsansätzen gleichermaßen verwirrte und neu ordnete. Dabei erzählt er den Märchen eine neue Bedeutung hinzu und holte gleichzeitig den Gestus bittersten Ernstes, mit dem der Marxismus und die Psychoanalyse von ihren jeweiligen Anhängern zelebriert wurden, ins Spielerische der Deutungslust zurück.

„Arbeit und Spiel“ hat Fetscher eine seiner Aufsatzsammlungen betitelt. Das war durchaus programmatisch für ihn selbst: In einer spielerisch gehandhabten Hermeneutik realisierte sich die Liberalität seines Denkens. Aber dem heiteren Spiel der Interpretation stand bei Fetscher dann immer auch der Ernst der Auseinandersetzung um politisch bedeutsame Fragen gegenüber, etwa bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik der späten sechziger Jahre oder in der Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus der siebziger Jahre. Und bei den Reaktionsmustern im „Deutschen Herbst“, schließlich bei der Thematisierung ökologischer Fragen in der politischen Agenda. Das war harte Arbeit und ein „Bohren dicker Bretter“, für das sich Iring Fetscher, sonst ein Liebhaber des intellektuellen Floretts, nicht zu schade war. Auch nicht in seiner Funktion als kritischer Sozialdemokrat und Mitglied von deren Grundwertekommission in den 70er Jahren.

Wer, wie ich, das Vergnügen hatte, Fetschers Schüler und Mitarbeiter gewesen zu sein, hat beide Seiten, das heiter Spielerische der Interpretation und den großen Ernst der politischen Kontroverse, als vorbildhaft erfahren und sich daran orientiert. Am Samstagmorgen ist der große Politologe Iring Fetscher mit 92 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

Herfried Münkler lehrt Theorie der Politik am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien sein Buch „Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918“ (Rowohlt Berlin). Gemeinsam mit Iring Fetscher brachte er unter anderem „Pipers Handbuch der politischen Ideen“ heraus.

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