Zum Tod von Jóhann Jóhannsson : "Ich mag körperliche Musik"

Er wollte neue Sounds kreieren, die Filmmusik revolutionieren. Jetzt ist der Komponist und Golden-Globe-Preisträger Jóhann Jóhannsson mit nur 48 Jahren in Berlin gestorben.

Johann Johannsson bei der Golden Globe-Verleihung 2015.
Johann Johannsson bei der Golden Globe-Verleihung 2015.Foto: dpa/Paul Buck

Sein Meisterstück durfte Jóhann Jóhannsson nicht vollbringen. Der isländische Musiker und Komponist, der zuvor bereits die Soundtracks für drei Filme des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve geschrieben hatte, arbeitete am Ende doch nicht mit Villeneuve an „Blade Runner 2049“ – dem Remake jenes Science- Fiction-Films also, der auch dank des wegweisenden Synthesizer-Scores von Vangelis Klassikerstatus erlangte. Angeheuert wurde stattdessen – in der offiziellen Version auf Wunsch des Regisseurs – Hans Zimmer, in Hollywood berüchtigt für seine bombastischen, aber formelhaften Scores. Das Studio ging auf Nummer sicher, obwohl Jóhannsson bereits 2015 für seine Musik für das Stephen-Hawking-Biopic „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ mit dem Golden Globe ausgezeichnet worden war.

Der 1969 geborene Jóhannsson gehörte zu den interessantesten aufstrebenden Filmkomponisten in Hollywood, gerade weil er mit den Konventionen der Filmmusik nie viel anfangen konnte. „Die meiste Filmmusik ist voller Klischees“ erzählte er vor zwei Jahren über seine Arbeit am Science-Fiction- Film „Arrival“. „Mir geht es darum, neue Sounds zu kreieren.“ Mit Villeneuve verband ihn eine symbiotische Beziehung, Jóhann Jóhannsson begleitete den Regisseur schon während der Dreharbeiten, ein Gefühl für den Ort der Geschichte war entscheidend für die Atmosphäre und Klangfarben seiner Musik.

Vielschichtige Klangtexturen

Jóhannsson besaß keine klassische Ausbildung, er begann seine Karriere als Gitarrist in Rockbands, bevor er sich der Komposition und Elektroakustik zuwandte. Seine Einflüsse reichen vom Industrial über die Musique concrète bis zu den experimentellen Vertretern der Spektralmusik wie Gérard Grisey, die auch seine Soundtracks prägten. Jóhannsson kombinierte orchestrale und elektronische Kompositionen, er verfremdete Stimmen und akustische Instrumente zu vielschichtigen Klangtexturen und benutzte tiefe Frequenzen, um seinen Scores eine räumliche Struktur zu geben. „Ich mag körperliche Musik“, sagte er über seine Arbeitsweise. Jóhannsson war zweimal für den Oscar nominiert, für „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ und den Kartellthriller „Sicario“ von Villeneuve. 2016 veröffentliche das Klassik-Label Deutsche Grammophon sein Soloalbum „Orphée“.

Am Freitag wurde Jóhann Jóhannsson tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden, über die Umstände seines Todes ist bislang nichts bekannt. Er wurde nur 48 Jahre alt. Mit Jóhannsson verliert das Kino einen Komponisten, der die Filmmusik revolutionieren wollte. Sein letzter Film „Maria Magdalena“ kommt im März in die Kinos.

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