Zum Tod von Joel Schumacher : Das Böse in jedem von uns

Der US-Filmemacher Joel Schumacher zeigte die Kehrseite des American Dream, realisierte aber auch solide Blockbuster. Nachruf auf einen widersprüchlichen Regisseur.

Christiane Peitz
Der Hollywood-Regisseur Joel Schumacher, hier auf einem Foto von 2007, starb im Alter von 80 Jahren in New York.
Der Hollywood-Regisseur Joel Schumacher, hier auf einem Foto von 2007, starb im Alter von 80 Jahren in New York.Foto: AFP/Chris Delmas

Michael Douglas als arbeitsloser Normalo, der im Stau in Los Angeles steht und Amok läuft. Nicolas Cage als Detective, der einen Produzenten von Snuffvideos dingfest machen will, in denen real getötet wird. Julia Roberts, die die Grenze zwischen Leben und Tod überschreitet und zurückkehrt, samt der Geister aus dem Jenseits. Joel Schumacher, der Regisseur von Thrillern und Horrorfilmen wie „Falling Down“, „8 mm“ oder „Flatliners“, war selber ein Grenzgänger. In seinen Filmen spürte er der Gewalt in Amerika nach und den zweifelhaften Sehsüchten des Publikums. Ein Meister der Angstlust, nassforsch, streitbar, widersprüchlich. Er brachte die niederen Instinkte auf die Leinwand, das Böse in jedem von uns.

„Falling Down“ wurde damals, 1993, weniger auf den Feuilleton- als auf den Politikseiten der US-amerikanischen Zeitungen diskutiert. Weil Michael Douglas alias „D-Fens“ (der Name entspricht seinem Nummernschild) sich so wenig politisch korrekt verhielt wie die großstädtische Realität, die er verkörperte. Ein Abgehängter, ein frustrierter Spießer, ein Rassist, der durchdreht.

Joel Schumacher zeigte die Traumata hinter dem American Dream

Auch wenn der Film ihn am Ende als Psychopathen pathologisiert (und den Cop, der ihn ebenso brutal jagt, zum Helden verklärt), gelang es Schumacher vor dem kompromisslerischen Finale doch zu zeigen, was Amerika bis heute umtreibt: die heillose Dialektik der Zivilisation, die Traumata hinter dem American Dream.

Schumachers Offenheit frappierte. Ob er nun mit seinen schrillen Batman-Filmen, „Batman forever“ (1995) mit Val Kilmer und „Batman & Robin“ mit George Clooney (1997) die Fans brüskierte, weil sie den Flattermann veralberten und sexualisierten, oder ob er Robert De Niro als schwulenfeindlichen Cop in „Makellos“ (1999) in eine Lovestory mit seinem Drag-Queen-Nachbarn verwickelte. Schumacher war selbst homosexuell: Aufgewachsen im New York der 50er Jahre, hat er die Prüderie jener Zeit ebenso erlebt wie den Hedonismus der Sechziger und das Drama der Aids-Epidemie.

Auch diesseits der Kamera scheute Joel Schumacher die Wahrheit nicht. Freimütig sprach er über seine Alkohol- und Drogenprobleme und bat später für sein „Batman“-Debakel um Vergebung, „bei jedem, der enttäuscht wurde“. Es werde noch auf seinem Grabstein stehen, sagte er im „Vice“-Interview. Ein Hollywood-Regisseur, der Fehler zugibt, eine Seltenheit.

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Begonnen hatte seine Karriere als Kostümbildner am Set von Woody Allens „Der Schläfer“ und „Interiors“ . Nach seinem Regiedebüt mit dem Coming-of-AgeFilm „St Elmo’s Fire“ von 1985 mit Rob Lowe und Demi Moore galt er zunächst als Star-Macher. Lange blieb er beides, Independent-Filmer und Auftragsregisseur, wobei die soliden Blockbuster mehr und mehr überwogen.

Michael Douglas verdankt Schumacher eine seiner besten Dreherfahrungen

Er realisierte Science- Fiction-, Action- und Vampirfilme wie „The Lost Boys“ mit Kiefer Sutherland, adaptierte Grisham-Bestseller wie „Der Klient“ und „Die Jury“, verfilmte "Das Phantom der Oper" oder führte bei „Die Journalistin“ mit Cate Blanchett Regie, einer recht glatten Hommage an die irische Anti-Mafia-Journalistin Veronica Guerin. Seine letzte Arbeit: zwei Folgen von „House of Cards“, 2013.

Am Montag ist Joel Schumacher im Alter von 80 Jahren in New York gestorben, nach langem Kampf gegen den Krebs. Viele Stars würdigten ihn in den sozialen Netzwerken als kreativen, leidenschaftlichen Filmemacher. Michael Douglas nannte „Falling Down“ eine seiner besten Karriereerfahrungen, Kiefer Sutherland schrieb auf Twitter, „sein Einfluss auf Kultur und Film werde fortbestehen“. In Erinnerung bleiben wird vor allem die Unerschrockenheit der früheren Jahre. Und die Widersprüchlichkeit.

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