Zum Schluss haben sich die Rollen zwischen Mutter und Sohn verkehrt

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Zum Tod von Margarete Mitscherlich : Die Trauer der Anderen

Alice Schwarzer ist zweite Rednerin. Sie fasst das Leben der Verstorbenen für alle zusammen, weniger ihr Wirken, und richtet sich immer wieder direkt an die Familie. „Matthias“, sagt sie und lächelt. Wer die Bücher von Margarete Mitscherlich gelesen hat, kennt den Sohn vor allem als kleines Kind.

Auch Alice Schwarzer kommt darauf zu sprechen, dass seine Mutter ihn für die ersten Jahre zu ihrer Mutter nach Dänemark gab. Damit sie arbeiten konnte. Die Selbstvorwürfe, die sich Margarete Mitscherlich deshalb gemacht hat, spielten eine große Rolle in ihrem Einsatz für die Emanzipation von Frauen. Es war ihr Preis, den sie zahlen musste. Auch er hat es ihr mal vorgeworfen, hat sie später erzählt, als er gerade selbst Vater geworden war.

Der Junge ist inzwischen selbst 63 Jahre alt. Das graue Haar trägt er kurz, er lacht viel, darin ist er seiner Mutter ähnlich. Er war früher als Manager viel im Ausland unterwegs, heute lebt er mit seiner Frau im Ruhrgebiet. Die eigenen Kinder sind schon erwachsen. Sie und die Enkel sitzen mit auf der Bank in der ersten Reihe. Margarete Mitscherlich sei stolz gewesen, sagt Schwarzer, dass ihr Sohn ein anderes Lebensmodell wählte als sie.

Zum Schluss, wie so oft bei Eltern und Kindern, haben sich die Rollen zwischen ihm und seiner Mutter ein wenig vertauscht, hat er sie hin und wieder ermahnt. Wenn es sie betrübte, dass der Körper nicht mehr so wollte wie ihr starker Wille. Oder weil sie nicht mehr in ihr geliebtes Ferienhaus am Lago Maggiore fahren konnte. Da musste er sie manchmal bremsen, sagt er, damit es nicht zu sehr auf ihre Lebensfreude schlug.

Margarete Mitscherlich hatte versucht, sich an den Gedanken des eigenen Todes zu gewöhnen, schrieb sie in ihrem letzten Buch „Die Radikalität des Alters“. Sie war eine der letzten, die aus ihrem Freundeskreis noch lebte. Lange hat sie morgens noch vor dem Fernseher zur Morgengymnastik geturnt. Dafür hatte sie extra eine Matte im Schrank stehen. Gepflegtes Aussehen war ihr wichtig. Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt im April 2012 – zum 25. Jubiläum des Mainzer Frauenbüros – trug sie eine Perlenkette zum Sakko. Sie saß sehr aufrecht, und sie lachte viel. Neben dem Tisch auf der Bühne stand ihr Rollator, den sie nicht mochte. Eine „peinliche Karre“ hat sie ihn mal genannt. Sie hatte sich vorher lange überlegt, ob sie zusagt. Es ging ihr zwischenzeitlich nicht gut. Ein Schlaganfall auf offener Bühne, so etwas war für sie eine Horrorvorstellung. Das blieb ihr erspart.

„Sie waren die Einzige, die mich verstanden hat in den Untiefen meiner Seele“, schreibt eine ehemalige Patientin in eins der ausgelegten Kondolenzbücher. Sie sei ihr für ewig dankbar. Der Dank für Beistand und guten Rat zieht sich durch die Abschiedsworte der Trauernden. „Deine Tipps waren immer super“, schreibt ein kleines Mädchen. Sie werde sich immer daran erinnern. Und sie wolle jetzt auch Altgriechisch lernen, „so wie du es immer wolltest.“

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