Zum Tod von Oleg Jurjew : Geometrie der Wunder

Der russisch-deutsche Schriftsteller und ehemalige Tagesspiegel-Kolumnist Oleg Jurjew ist im Alter von 58 Jahren verstorben.

Der Dichter, Erzähler und Dramatiker Oleg Jurjew (1959-2018).
Der Dichter, Erzähler und Dramatiker Oleg Jurjew (1959-2018).Yura Okamoto

Von einer majestätischen Betrachtung der Wolken über der Pfalz – „sie sammeln sich zwischen den Bergen in Form eines Haufens, weiße Brust, goldener Rand“ – zoomt der wendige Erzähler zu einer Hainbuche hinab, deren Blätter aussehen, „als ob sie aus altem Ölpackpapier zu Bourbonlilien geschnitten wären“. Schließlich begibt er sich auf die Erde: „Unter der Buche geht der Hauskater auf die Jagd: springt mit allen vieren, landet aber auf drei. Mit der vierten Pfote – genauer gesagt: mit der ersten, der rechten vorderen – klopft er einen Trottel von einem Falter dem Boden zu, der von krausen Bourbonzeichen überschüttet ist, und frisst ihn dann mit einem nicht ganz nachvollziehbaren Vergnügen.“

Mit dem zweifachen Hinweis auf das Königsgeschlecht der Bourbonen spielte Oleg Jurjew in seinem Text „Katzen der Stadt Edenkoben“ auf die Autorität des Katers Nero an, der im Auftrag des dortigen Künstlerhauses Mäuse dezimierte. In der sogenannten pfälzischen Toskana mit ihren Mandel- und Esskastanienbäumen fühlte sich der Stipendiat Jurjew mit seiner Frau Olga Martynova und Sohn Daniel so wohl, dass „Oleg & Olga“ dort zum Begriff wurden. 2009 gab Oleg Jurjew in der Edition Künstlerhaus des Heidelberger Wunderhorn Verlags „Das Buch Nero. Festschrift für einen Dienstkater“ heraus, eine Anthologie von 26 Lobpreisungen in Poesie und Prosa. Sein Nachwort versah er mit einem Rätsel: der Frage nach dem geheimen dritten Namen, den jede Katze trage.

Vorliebe für Anekdoten und Abwege

Oleg Jurjew konfrontierte als Schriftsteller, Dramatiker und passionierter Kenner der russischen Literaturgeschichte seine Leser oft mit komplizierten Denkaufgaben. Er hegte eine slawische Leidenschaft für Anekdoten und Abwege. In deren Genuss kamen gut sieben Jahre lang die die Leser der Tagesspiegel-Kolumne „Jurjews Klassiker“. Am 15. Oktober 2006 stellte er sich ihnen als „Beobachter aus einem anderen literarischen Universum“ vor. Oleg Jurjew wurde 1959 im damaligen Leningrad als Sohn assimilierter russischer Juden geboren. Seine Mutter war Dozentin für englische Literatur, der Vater Violinist. Da er als Jude wenig Chancen auf einen geisteswissenschaftlichen Studienplatz hatte, studierte er an der Leningrader Hochschule für Volkswirtschaft und Finanzen und entging damit dem Dienst in der Roten Armee. Erste Gedichte trug er im halblegalen „Club 81“ vor. 1988 gewann er mit seinem Stück „Komische Geschichten für Schattentheater“ den Wettbewerb des sowjetischen Theaterverbandes und wurde kurz vor der Wende offiziell als Autor zugelassen.

Spielerische Vermittlung von Historischem

Seit 1990 lebte Oleg Jurjew mit seiner Familie vor allem in Frankfurt am Main, nachdem er ursprünglich nur für drei Wochen zu einem Austauschprogramm nach Berlin gekommen war. Die Stuttgarter Edition Solitude veröffentlichte 1992 seine stupenden „Leningrader Geschichten“, ein Buch über „Bäume, Insekten, Frauen und natürlich über den Mond“. 1993 erregte er mit der Aufführung des Theaterstücks „Kleiner Pogrom am Bahnhofsbüffet“ Aufsehen bei den Berliner Festwochen. Eine gewisse lakonische Redseligkeit und den Hang zur Parabel attestierte Oleg Jurjew jüdischen Schriftstellern verschiedener Sprachen und Zeiten in seinem von Elke Erb und Sergej Gladkich übersetzten Buch „Der Frankfurter Stier. Ein sechseckiger Roman“ aus dem Jahr 1996. Darin offenbarte er seine Fähigkeit bei der spielerischen Vermittlung von Historischem, ganz abgesehen von der poetischen Qualität seiner Sprache mit ihrem Reichtum an Bildern, Wendungen und Windungen. Jurjew bewahrte Aspekte jüdischer Identität, indem er sie durch Sprache neu erschuf. Das Inhaltsverzeichnis des „Frankfurter Stiers“ ist dem sechseckigen Davidstern oder dem Sechseck aus der Kabbala nachgebildet. Religiöse Gestalten wie der Golem und der Urmensch Adam Kadmon geleiteten beim Lesen um die sechs Ecken, eine Geometrie der Wunder entfaltend. Der Roman „Halbinsel Judatin“ (1999) besticht ebenfalls als ausgetüfteltes Ideengehäuse: Es handelt sich um ein Zwitterwesen, ein doppeltes Buch, das sowohl vorwärts als auch rückwärts aufgeschlagen werden kann.

Er sah sich als doppelter Exilant

Oleg Jurjews Phänomenologie hat ein eigenes, unverkennbares Muster. Dessen war sich der verschmitzte Russe mit dem kräftigen Lachen durchaus mit Stolz bewusst. In seiner Dankesrede zum Hilde-Domin-Preis für Exilliteratur 2012 setzte er sich mit dem Gefühl des doppelten Exils auseinander – als Exilrusse und als Jude: „Wenn du Jude bist und nicht dem Land Israel entstammst, geht das automatisch. Du bist sozusagen im Exil beheimatet.“ Eine seiner Lieblingsrollen als fiktiver Herausgeber spielte Oleg Jurjew im vergangenen Jahr in seinem Roman "Unbekannte Briefe" (Verbrecher Verlag). Er verfasste ihn mit Hilfe einer Lektorin erstmals auf Deutsch.

Nach Angaben seiner Frau starb Jurjew am Donnerstag in Frankfurt am Main im Schlaf. Am 28. Juli wäre er 59 Jahre alt geworden. In seiner ersten „Tagesspiegel“-Kolumne amüsierte er sich über das Verhältnis seiner Landsleute zu den Klassikern: „Da, wo ich herkomme, in Russland, versteht es sich von selbst, dass der Zweck der Übung, also der Laufbahn eines Literaten, ist, posthum ein Klassiker zu werden, ein in der Schule gepaukter, mit einem womöglich lorbeergekränzten Monument versehener.“ Ob er sich das wirklich gewünscht hat? Seine Literatur ist dafür viel zu lebendig.

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