Zum Tod von Tomasz Stanko : Der Edgar Allan Poe der Trompete

Er war einer der Gründerväter des europäischen Jazz. Jetzt ist der Trompeter Tomasz Stanko in Warschau gestorben.

Tomasz Stanko
Tomasz StankoFoto: dpa/Piotr Wittman

Man denkt beim Stichwort Jazz nicht gleich an Osteuropa. In Polen aber lebte mit Tomasz Stanko einer der – neben Altsaxofonist Zbigniew Namyslowski – wichtigsten Vertreter des europäischen Jazz überhaupt. Stanko, der laut polnischem Jazzverband PSJ am Montag mit 76 Jahren nach schwerer Krankheit in Warschau gestorben ist, gehörte

seit den 60er Jahren zu den bedeutendsten Vertretern der Jazz-Avantgarde seines Landes. Wegen seines dunklen, raunenden Tons wurde er auch „Edgar Allan Poe der Trompete“ genannt.
Doch Stanko war nicht nur

Jazztrompeter, sondern auch Komponist, Bandleader und Mentor für junge Musiker. Der polnische Musikjournalist Piotr Baron schrieb auf Twitter, er sei „einer der Gründerväter des polnischen Jazz“ gewesen. Das Label ECM, bei dem Stanko zahlreiche Alben veröffentlichte, nennt US-Trompeter Miles Davis und Chet Baker als frühe Einflüsse, später auch Free-Jazz-Avantgardisten wie Ornette Coleman und Don Cherry.

Ein Album, das Gänsehaut hervorruft

Tomasz Stanko hatte bis 1969 an der Musikakademie Krakau studiert und war in den frühen 70er Jahren mit seinem Tomasz Stanko Quintet ins Rampenlicht europäischer Festivals getreten. Sein ECM-Debüt „Balladyna“ (1975) sei „auf beiden Seiten des Atlantiks zur Legende geworden“, so die Plattenfirma. Zuletzt brachte er als Mittsiebziger 2017 das hoch gelobte Werk „December Avenue“ mit dem Tomasz Stanko New York Quartet heraus – für den Jazzexperten des britischen „Guardian“ eine „Tondichtung, die Gänsehaut hervorruft“.
Stanko nahm rund 40 Alben auf und schrieb auch Filmmusiken, 2005 komponierte er die Musik zur Eröffnung des Museums des Warschauer Aufstands von 1944. Mit dem legendären, früh verstorbenen Filmkomponisten Krzysztof Komeda, der den Soundtrack für „Tanz der Vampire“ und zwei weitere Polanski-Filme schrieb, verband Stanko eine tiefe Freundschaft. Stanko spielte Musik von Komeda auf Platten ein und trat auf dem Album „Astigmatic“ (1965) auch gemeinsam mit ihm und Namyslowski sowie Günter Lenz am Bass auf – ein „Meilenstein des modernen europäischen Jazz“, wie der Tagesspiegel schrieb. Im Frühjahr waren Auftritte von Stanko und seiner Band für Deutschland, auch für das Festival XJazz in Berlin, abgesagt worden. dpa/Tsp

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