Der Fußballkult entwickelte sich parallel zum digitalen Systemwechsel

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Zur Fußball-WM : Tor und Tabu
Jacques Johansson Muriel Xhosaqa-Gonzales
Seltsame Rituale im Mikrogruppenkreis. Die sogenannten Spieler bemühen sich um die Kontrolle einer Kugel.
Seltsame Rituale im Mikrogruppenkreis. Die sogenannten Spieler bemühen sich um die Kontrolle einer Kugel.Foto: Borgia/dpa

Doch hält diese These? Korrumpierte Kultverantwortliche hatte es schon seit Jahrhunderten gegeben, ohne dass dies den Kult im Kern bedroht hätte. Näherliegend ist die Vermutung, dass die erste Blütezeit des massenhaft zelebrierten Fußballkultes nicht zufällig parallel mit dem digitalen Systemwechsel auftrat. Vieles deutet darauf hin, dass hier „harmlose Spektakel“, die sich in eine Reihe sportlicher Wettspiele einordneten, in Wahrheit wirkmächtige okkulte Bewältigungsrituale darstellten, kollektiv organisierte rites de passage. Nicht ohne Grund fallen sie in die lange Phase der Transition von der archaisch rivalitätsbasierten Kultur (RBK) zur bis in unsere Tage stetig weiterentwickelten, höheren Kooperationskultur (KBK). Wir verorten insbesondere den Kult der Ära der Frühnetzerinnen und Frühnetzer in einer komplexen, symbolischen Matrix. Zwei Vokabeln waren diskursprägend während der Umbruchsszenarien: „Digitalisierung“ und „Globalisierung“. Im Fußballkult verhandelt wurde, so unsere Hypothese, das ambivalente Verhältnis zu beiden Phänomenen.

Auffällig sind in diesem Kontext etwa das ausgesprochene Hand-Tabu des Fußballkultes sowie die Bagatellisierung der Form des Balls mit rituell wiederholten Sentenzen wie „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“. Derlei Beobachtungen sind für den Forschungsertrag von besonderer Bedeutung.

Tabu Handspiel: ein Hinweis auf die Macht des Digitalen?

Beim Hand-Tabu gilt es in Erinnerung zu rufen, dass „Finger“ im Lateinischen „digitus“ hieß, der Plural lautet „digiti“. Die Bedeutung „Ziffer“ für „digit“, wie in der Digitalität vorgefunden, geht auf die primitive Zählfunktion der Finger zurück, der sich auch das Dezimalsystem verdankt.

Mithin weist „Digitalisierung“ in jeder Hinsicht auf die Finger der Hand. Dass der Einsatz von Hand und Fingern im Fußballkult komplett tabu war, signalisiert auf der einen Seite Distanzierung vom Digitalen, welches von andauernd verlangtem Fingereinsatz gekennzeichnet war – beim Tippen auf Tastaturen, Touchscreens, Pads und dergleichen. Vom Fuß-Ball nun mussten, ja durften, Akteure die Finger lassen. Dafür konnten sie Arme und Hände frei bewegen, diese dienten allein der Balance oder deiktischen Gesten. Vor den Augen aller wurden symbolisch die quasi heidnischen Freiheiten der prädigitalen Ära heraufbeschworen. Indes lag gerade im Hand-Tabu auch eine Sakralisierung der Hand als Hinweis auf die Anerkennung der neuen Macht des Digitalen.

Der Kultball, ein Miniaturglobus in der Ära der Globalisierung?

„Globalisierung“ wiederum weist auf die runde Form des Globus, auf die terrestrische Kugel. Was stellt der Ball dar? Eine Kugelform. Galt die Globalisierung der Finanzströme und Migrationsbewegung als so bedrohlich wie unaufhaltsam, zeigte sich im Kultball ein Miniatur-Globus, um dessen Kontrolle sich ringen ließ, dessen Kontrolle gelingen konnte. Jedes torerzielende Agieren im Kultablauf symbolisierte diesen fantasierten Sieg. Zugleich wurde der Ball-Globus in diesen ambivalenten Prozessen mit „mit Füßen getreten“. Aufzeichnungen belegen ein Jubeln und Schreien der am Kult teilhabenden Massen, das wir als Signalcluster der Sehnsucht nach beherrschbaren, kontrollierbaren Lebenswelten auffassen.

Auch das beharrliche Diskutieren der Regeln und Regelverstöße im Fußballkult weist darauf hin, wie massiv das Interesse an Überschaubarkeit, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit gewesen sein muss.

Wir finden im Fußballkult der Ära der Frühnetzer eine starke symbolische Konstellation vor, über die noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Jacques Johansson und Muriel Xhosaqa-Gonzales sind seit 2412 Vorsitzende der Supranationalen kulturhistorischen Studienkommission (SKS). Ihre Ballkultanalyse wurde Tagesspiegel-Autorin Caroline Fetscher aus der Zukunft zugespielt.

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