Zurück zu den Wurzeln (8) : Lila Erika

Zu Hause sind alle Covid-Ecken ausgeleuchtet. Wir gehen in dieser Sommerserie an den Anfang zurück: Urlaub in der Kindheit und Jugend.

Schön ist die Heide. Hier wuchs unsere Autorin auf.
Schön ist die Heide. Hier wuchs unsere Autorin auf.Foto: IMAGO

Aufwachsen, wo andere Urlaub machen? Das kann ein Fluch sein. Zumindest wenn jeden Sonntagmittag kurz vorm Tischgebet ein lautstark berlinernder Camper in der Küchentür steht und nach einem Zentner Heidekartoffeln verlangt.

Als Berlin noch Mauerstadt war, schwärmten die von der Ostsee abgeschnittenen Insulaner gern in die Lüneburger Heide. Und bevölkerten in meinem Dorf im Landkreis Celle Campingplatz und Wochenendhäuser. Wenn Eltern und Großmütter auf dem Feld, im Stall oder im Garten waren, stapften sie durchs Haus und bollerten an jede Tür.

Bollerjochen oder Stadtjapper haben wir Bauernkinder sie genannt. Ganz schön paradox, dass es mich Jahre später aus der Südheide mitten unter sie verschlagen hat.

Erst aus der Ferne sind die Schönheiten der Kindheitslandschaft so richtig gut zu sehen. Beispielsweise die Kreisstadt Celle. Da wurde ich zwar im Kreiskrankenhaus geboren und habe als Gymnasiastin im Schlosstheater gehockt, doch am 400 Häuser umfassenden Fachwerk-Idyll der Residenzstadt habe ich irgendwie vorbeigeguckt.

Die Hengstparadenstadt Celle hat auch Bauhaus-Tradition

Die überfällige Besichtigung des anmutigen Barockschlosses und der ältesten niedersächsischen Fachwerk-Synagoge absolvierte ich erst vor wenigen Jahren.

2019, im Bauhaus-Jubeljahr, habe ich dann kapiert, dass die Hengstparadenstadt Celle mit den Siedlungen des Architekten Otto Haesler sogar als Stadt des Neuen Bauens durchgehen kann. Immerhin: Das südöstlich von Celle gelegene Kloster Wienhausen entdeckte ich schon in den Neunzigern.

Dort führen evangelische Stiftsdamen durch die 1230 von Zisterziensern gegründete Backsteingotik. Der im 14. Jahrhundert üppig ausgemalte Nonnenchor zählt zu den bemerkenswertesten gotischen Sakralräumen.

Die Attraktionen, die wir als Kinder besuchten, waren andere: das Heideblütenfest in Amelinghausen und die Bockschau in Müden. Dort küren die Heidschnuckenzüchter der Region im Juli ihre vierbeinigen Sieger. Und in Amelinghausen wird – wenn nicht gerade Pandemie ist – seit 70 Jahren jeden August eine schöne Maid zur Heidekönigin gewählt.

Unsere Attraktion war das Heideblütenfest in Amelinghausen

Als Berühmtheiten der Region hätte ich vor Hermann Löns und Arno Schmidt viele Jahre sofort Albrecht Thaer genannt. Den in Celle geborenen Arzt und Begründer der Agrarwissenschaften. Schließlich ging mein Vater aufs Thaer-Seminar, 1802 als erstes deutsches Landwirtschaftsinstitut überhaupt gegründet.

Wer das absolviert hatte, dem machte in Sachen Fruchtfolge und Düngersorten keiner mehr was vor. Denn so prächtig die lila Erika im August auch im Naturpark Südheide leuchtet, die hungrigen Mäuler des einst armen, weil magerbödigen Landstrichs stopfte sie in früheren Jahrhunderten nicht.

Da kam späteren Generationen die Anlage von Truppenübungsplätzen bei Bergen und Munster und die aufkommende Heide-Romantik samt Gedichten, Gemälden, Filmen und Touristen nur recht. Sonst hätte es mein Onkel mit Schäferstab, Lodencape und Schlapphut wohl nie zum Botschafter eines Kräuterschnapses namens Heidegeist geschafft.

Bisher erschienen: Worms (2. 7.), Völklinger Hütte (9. 7.), Berlin-Konradshöhe (14. 7.), Leverkusen (17. 7.), Kassel (21. 7.), Berlin-Lichterfelde (26. 7.), Bad Abbach (30. 7.)

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