Zweiter Tag Bachmann-Preis : Bauchgefühle

Zweiter Tag in Klagenfurt: Solide Texte und eine Wette auf den möglichen Sieger des Bachmann-Wettbewerbs, den Berliner Schriftsteller Bov Bjerg.

Der Schriftsteller Bov Bjerg könnte in diesem Jahr den Bachmann-Wettbewerb gewinnen.
Der Schriftsteller Bov Bjerg könnte in diesem Jahr den Bachmann-Wettbewerb gewinnen.Foto: Jens Kalaene/dpa

Es ist nicht so, dass ganz Klagenfurt sich in den Tagen der deutschsprachigen Literatur, wie der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb auch genannt wird, allein für eben diese Literatur interessieren würde. Vielmehr scheint die Kärntner Landeshauptstadt dem öffentlichen Jubiläumskonzert am Sonntag auf dem Neuen Platz entgegenzufiebern: 500 Sängerinnen und Sänger feiern hier im Zentrum Klagenfurts das 500-Jahre-Jubiläum der Stadt. Und natürlich wird genau hier, auf dem Neuen Platz, auch fanmeilenmäßig Fußball geschaut, begeisterter noch als zu Beginn der WM in Russland, weil Deutschland so früh ausgeschieden ist.

Ob der Grazer Literaturprofessor und Klagenfurt-Juror Klaus Kastberger sich darüber auch gefreut hat? Er trägt an diesem Wettbewerbs-Freitag ein knallgelbes Brasilien-T-Shirt. Das soll man wohl als Statement verstehen, in doppelter Hinsicht: Er drückt den Brasilianern bei dieser WM den Daumen, wie originell, nun denn. Und er versucht, seiner Kollegin Nora Gomringer ein bisschen die Schau zu stehlen, die sich mit lustigen T-Shirts („Hallo Mama“ stand auf einem, Gomringer hat mit dieser früher immer zusammen den Wettbewerb im Fernsehen geschaut) und regelmäßigen Klamottenwechseln außerliterarisch inszeniert. Nicht der Text ist meine Party, sondern mein Outfit? Ein bisschen Popkultur darf es auch beim Bachmann-Wettbewerb sein.

Debatte über Bewertungskriterien der Jury

Der geht weiter wie er am Donnerstag angefangen hat: mit soliden Vorträgen, darunter einen über eine Erotomanin, soliden „Texten“ – leider reden die Juroren und Jurorinnen nie von Erzählungen oder Geschichten –, zwei potenziellen Siegertexten gar, die die Jury mitunter schön streiten lassen. Die aber erneut demonstrieren, wie schwer es ist, fein säuberlich das literaturkritische Besteck nebeneinander zu legen. „Eine Debatte über unsere Bewertungskriterien“ wünscht sich Kastberger nach der anstrengenden, mitunter nervigen Lesung der Berliner Totaldebütantin Ally Klein, die noch nie etwas veröffentlicht hat. Nur schiebt Kastberger diese Debatte nicht entscheidend an, wohl wissend, dass die Zugänge zu Sprache und Form, Motiven und Stoff oft unterschiedlich sind, das Bauchgefühl, der individuelle Geschmack doch manchmal in die Quere kommen.

Tanja Maljartschuks Geschichte überzeugt

„Ein bisschen öde“ findet Hubert Winkels Kleins hermetische Ich-meine-Sinne-und-mein-Körper-Erzählung, nachdem er sie klug analysiert hat, während Gmünder gleich von einem „tollen Text“ spricht. „Endlich mal Literatur“ entfährt es Gomringer nach der Lesung von Tanja Maljartschuk und ihrer schönen, allerdings etwas konventionellen Geschichte über einen Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis und einer alten, einsamen Frau, so als ob es vorher im ORF-Studio keine Literatur gegeben hätte.

Am Nachmittag gibt es endlich einen Favoriten: Bov Bjerg mit seiner großartigen Erzählung „Serpentinen“. Sie handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn unterwegs ist und ihn in der Geschichte ihrer Familie unterrichtet, aber auch eigenen Erinnerungen nachhängt. Reich an guten Dialogen, reich an innerer Rede, schnell, voller Szenenwechsel. Auf Bjerg kann man wetten als Preisträger. Nicht nur Literatur, sondern gute, ansprechende Literatur.

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