KUNST Stücke : Dübel & Socken

Claudia Wahjudi

An den Rand lässt sich niemand gern drängen, aber anders geht es hier nicht. Vlatka Horvat hat auf dem Boden der Galerie Zak/Branicka (Lindenstraße 34/ 35, bis 20. Januar) eine fast zimmerfüllende Pappspirale ausgebreitet, und wer die Gesetze der Kunstwelt nicht brechen will, drückt sich auf dem Weg zum Kabinett immer an der Wand entlang. Natürlich könnte man auch mittendurch gehen, auf Zehenspitzen über die Pappstreifen steigen, die Horvat geknickt und mit weißem Isolierband in die Spiralform gezwungen hat (je nach Maß bis zu 8000 Euro). Doch über Kunst zu steigen, ist ja, wenn ihr Urheber es nicht will, streng verboten. Damit hat Horvat den Besucher in der Falle: Trotz seines Widerwillens folgt er ihrer Choreografie.

Vlatka Horvat, 1974 im heutigen Kroatien geboren, studierte Theater in Chicago und macht auch Performances. Regie und Raumwahrnehmung sind ihr also vertraut, und sie weiß zu verführen. Denn man würde sich ja gar nicht an der Spirale vorbeiquetschen wollen, wenn nicht hinten weitere Arbeiten lockten. Zum Beispiel vier kleine Notizhefte an der Wand, fadengeheftet, perforiert und mit naturbelassenem Pappeinband, schön wie im Manufactum-Warenhaus (1200 Euro). Die Seiten hat die Künstlerin einzeln gefaltet und gerollt, hat so Schreibwaren in fragile Skulptürchen verwandelt. Gern würde man mit dem Finger übers Papier streichen, doch selbstredend ist Berühren verboten. Verblüffend, dass man aus Pappe und Papier, also Material, wie es allüberall im Abfall landet, so auratisch-autoritär inszenieren kann.

Billige Werkstoffe sieht man jetzt öfters in Galerien, das Bling Bling der 00er Jahre passt wohl nicht zur Krisenzeit. In der Galerie Gregor Podnar (Lindenstraße 34/35, bis 21. Januar) freilich, zwei Etagen unter Zak/Branicka, hat noch nie der Prunk regiert. Schlüssig wirkt es daher, dass Podnar nun für sein Programm den US-amerikanischen Bildhauer B. Wurtz verpflichtet, der seit fast 40 Jahren filigrane Plastiken aus Steinen, Holz, Konservendosen, Dübeln oder Socken fertigt und jetzt bei Podnar an der Gruppenschau „Antic Measures“ teilnimmt. Und hier passiert etwas ganz anderes als bei Horvat: Nichts bedrängt den Besucher, stattdessen scheint die Kunst vor ihm zurückzuweichen, als solle er ganz in Ruhe entscheiden können, welchem Beitrag er sich als nächstes widmet. Zum Beispiel Ian Kiaers transparentem Großballon aus angeschmuddeltem Kunststoff (21 000 Euro). Oder Manfred Pernices verwackeltem Obelisken, der aussieht wie aus Pressholzschubladen gefertigt (45 000 Euro).

Oder Wurtz’ zarter Plastik „Untitled“ von 2007 (11 100 Euro). Nahe der Fensterfront steht sie bereit wie ein Stummer Diener. Statt Hosen und Jackett trägt sie kopfüber gedrehte dünne Rascheltütchen, eine schwarz, eine türkis, die dritte rot und eierschalenfarben kariert. Eine Steilvorlage für formale Deutungen, doch vor allem ein Trigger für Gefühle: Die Fenster auf, Durchzug gemacht und die Tüten flögen davon, raus in die Bäume oder runter auf die Straße, wo bereits ihresgleichen liegen. Hier schubst keine Pappe den Besucher im Raum herum, sondern geleitet Plastik ihn hinaus aus der Kunst und zurück in den Alltag.

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